Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur Ein Leben in der Opposition
Nachrichten Kultur Ein Leben in der Opposition
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:35 21.07.2019
Die Philosophin und Zeitzeugin Agnes Heller ist im Alter von 90 Jahren verstorben. Quelle: Boris Roessler/dpa
Potsdam

Die kleine Frau strahlte eine ungeheuere Kraft aus. Kaum 1,60 Meter groß, saß sie im vergangenen Oktober in einem riesigen Sessel auf einem Podium der Frankfurter Buchmesse. Die Beine strampelten, weil sie nicht bis auf den Boden reichten. Und sie gestikulierte wild, als sie die Idee Europas gegen die erstarkten Nationalismen innerhalb der EU verteidigte – nicht zuletzt in ihrer Heimat. Die ungarische Philosophin Ágnes Heller war zeitlebens eine engagiert und mit viel Humor für die Sache der Freiheit streitende Bürgerin. Am Freitag ist sie im Alter von 90 Jahren am Plattensee gestorben.

Die politische Philosophie wurde zu ihrem Lebensinhalt

Fast durchgängig hat Ágnes Heller ein Leben in der Opposition geführt. Dass es die in Budapest geborene Denkerin jüdischer Herkunft überhaupt führen konnte, verdankte sie einigen glücklichen Zufällen. Fast ihre gesamte Familie wurde Opfer des Holocaust, nur sie und ihre Mutter entkamen Deportation und Ermordung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte sie zunächst Physik und Chemie studieren, doch dann geriet sie an der Budapester Universität per Zufall in eine Vorlesung des marxistischen Philosophen Georg Lukács. Und da war es um die junge Frau geschehen. Die Philosophie, und das bedeutete schon bald die politische Philosophie, wurde zu ihrem Lebensinhalt. Sie promovierte bei Lukács, wurde seine Assistentin und trat in die Kommunistische Partei ein.

Der Flirt mit der Staatsmacht dauerte nicht lange. Beteiligt am Aufstand in Ungarn 1956 erhielt sie nach der Niederschlagung durch sowjetische Panzer Lehrverbot und flog von der Universität. Von da an sei sie nur noch Marxistin, aber keine Kommunistin mehr gewesen, hat sie einmal gesagt. Eine Denkerin, die mit Marx im Gepäck die Lebensumstände im real existierenden Sozialismus kritisierte.

1977 emigrierte Heller nach Australien

Nach dem Einmarsch der Sowjets 1968 in Prag verlor sie endgültig ihre Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Weil sie zusammen mit westlichen Linken eine Resolution gegen den Einmarsch unterschrieben hatte, wurde sie endgültig zur persona non grata. 1977 emigrierte Heller nach Australien, wo sie in Melbourne eine Professur für Soziologie übernahm. 1986 wurde sie Nachfolgerin von Hannah Arendt an der New School for Social Research in New York.

Nach dem Fall der Mauer kehrte Heller zurück nach Ungarn. Doch die Freude über die neu erkämpfte Freiheit währte nicht lange. Heller wurde zu einer der schärfsten Kritikerinnen des ungarischen Präsidenten Victor Orbán und dessen antiliberaler Politik. „Orbán betreibt eine Art Bonapartismus und benutzt dafür populistische Ressentiments“, sagte sie einmal der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“. Wegen solcher Aussagen musste sie in den vergangene Jahren in ihrer Heimat mit einer Flut von Diffamierungen und antisemitischen Beschimpfungen leben. Die regierungstreue Presse überzog sei mit Kampagnen und warf ihr Verschwendung von Forschungsgeld vor, ohne die Unterstellungen zu belegen.

Verteidigerin der Werte des Liberalismus

Am vergangenen Freitag war die 90-Jährige Augenzeugenberichten zufolge an ihrem Urlaubsort am Balaton auf den See hinausgeschwommen und nicht mehr zurückgekehrt. In ungesicherte Gefilde der Theorie hatte Heller sich zeitlebens vorgewagt. Sie gehörte zum Kreis der sogenannten Budapester Schule um Georg Lukács, der über die Bedingungen eines freiheitlichen Sozialismus nachdachte und sich mit ihrem Insistieren auf die Rechte des Individuums gegen die staatlich verordnete Ideologie des Sowjetmarxismus stellte. Schon in ihren frühen Arbeiten, wie in „Der Mensch der Renaissance“ von 1967 zeichnete die historische Entstehung von Pluralität und Individualität nach. Mit Büchern wie „Theorie der Bedürfnise“ und „Theorie der Gefühle“ versuchte sie eine liberale Marxismuskonzeption zu entwickeln.

Seit den 1980er Jahren war Heller eine engagierte Verteidigerin der Werte des Liberalismus – ohne dabei die westlichen Gesellschaften zu glorifizieren. Und hellwach, bis zum Schluss. Noch vor wenigen Wochen würdigte sie in einen Interview anlässlich des 90. Geburtstages des deutschen Sozialphilosophen Jürgen Habermas, mit dem sie eine langjährige Freundschaft verband, dessen Lebenswerk, um schnippisch einzuflechten, er habe leider die Machtanalytik des französischen Philosophen Michel Foucault missverstanden.

Heller war eine feinsinnige und präzise Gesellschaftsanalytikerin. Auf dem Frankfurter Podium sagte sie damals, ihre Generation sei mittlerweile zu alt, um den Lauf der Dinge noch zu ändern. „Es ist an der Jugend, für die Idee Europas zu kämpfen“, so Heller. Jetzt hat sie den Staffelstab übergeben.

Von Mathias Richter

Rheinsbergs neuer Intendant Georg Quander inszeniert zum Auftakt die Opern-Rarität „Der Schwur der Horazier“ von Cimarosa. Das Publikum ist begeistert.

21.07.2019

Mit ihrem Regiedebüt macht der „Dr. House“-Star in Amerika Furore. Jetzt plant Olivia Wilde schon ihren nächsten Film im Regiestuhl. Und im Herbst dreht die Schauspielerin ein Attentatsdrama mit dem 89-jährigen Clint Eastwood.

21.07.2019

Ein kleiner Löwe wird des Vatermords bezichtigt und muss fliehen. Sein böser Onkel übernimmt den Thron. Die düstere Geschichte vom „König der Löwen“ wurde 1994 schon einmal ein Riesenkinohit. Auch das CGI-Remake, das Donnerstag in Deutschland startete, legt erfolgreich los.

21.07.2019