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17:36 13.09.2019
Vom Schreibtisch erholte sich Robert Weimann am liebsten in der Natur. Quelle: privat
Potsdam

Robert Weimann liebte Worte wie „Debatte“ oder „Diskurs“ und das in einem Staat, in dem von oben nach unten durchregiert wurde. Dabei musste der langjährige Vizepräsident der Ostberliner Akademie der Künste (1971 bis 1990) oft erleben, dass das bessere Argument nicht galt. Er starb 90-jährig in einem Pflegeheim in Bernau und wurde am 6. September 2019 in seinem Wohnort Basdorf (Landkreis Barnim) beigesetzt.

Als Vizepräsident der Akademie der Künste überreicht Robert Weimann (r.) dem Schriftsteller Günter de Bruyn am 30. September 1981 den Lion-Feuchtwanger-Preis. Im Hintergrund zwischen beiden sitzt Christa Wolf. Quelle: Akademie der Künste, Berlin, Archiv

Weimann war ein glühender Akademiker. Für theoretisch Unbeschlagene bleiben seine Schriften auch nach dem ersten intensiven Durcharbeiten sperriges Terrain. Der deutsche Professor unterschied sich vom Typus her deutlich von seinen angelsächsischen Kollegen, die sich abverlangen, mit einfachen und bekenntnishaften Worten und lebensnahen Beispielen ihre Ideen zu vermitteln. Die Kompliziertheit tat Weimanns Charisma und Autorität aber keinen Abbruch. Der Literatur- und Theaterwissenschaftler bewies oft allein schon mit seiner Themenstellung, dass er in der DDR heiße Eisen anfassen wollte. Wenn er über das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit oder von Autorität und Repräsentation referierte, verfiel er in Enthusiasmus. Dabei hielt er sich selten mit ideologischen Vorreden auf, sondern platzierte zum Beispiel schon in der Einführung zu seinem Buch „Shakespeare und die Macht der Mimesis“ (1988) einen Satz wie diesen: „Das Verhältnis von dramatischem Text und politischer Macht, von theatralischem Vorgang und gesellschaftlichem Prozess ist gespickt mit Brüchen und Konflikten vielfältiger Art.“ Ideologische Begriffe wie „Arbeiterklasse“ führte er eher selten im Mund, wenn er etwa 1982 in einer Publikation meinte, im Sozialismus sei die Arbeiterklasse „Auftraggeber und Adressat der Künste“. Aber er war wohl der einzige staatlich bestellte Intellektuelle, der über die Ablösung der Moderne durch die Postmoderne nachdachte und publizierte und dem die Denkansätze der Kritischen Theorie und des Dekonstruktivismus, des Marxismus und des Poststrukturalismus geläufig waren.

Ironischer Dialog mit sich selbst: Robert Weimann setzt sich mit einer Büste der Bildhauerin Christiane Rößler auseinander, die ihn darstellt. Quelle: privat

Von Hause aus war er Spezialist für Shakespeare und das Elisabethanische Theater und genoss wegen seines Buches „Shakespeare und die Tradition des Volkstheaters“ (1967) international bei Theatermachern und in Fachkreisen höchstes Ansehen. Dabei gelang ihm ein ungewöhnlicher Spagat: Während er in der DDR mehrere offizielle Ämter bekleidete, ohne dass es zum Bruch kam, wirkte er in den USA seit 1974 auch als Gastprofessor, sogar an der Harvard-Universität. Eigentlich fehlte den DDR-Geisteswissenschaften jede Tuchfühlung zur Weltspitze. Die meisten Literaturwissenschaftler und Philosophen mit SED-Parteibuch waren damit ausgelastet, ihren Stoff mit der ideologischen Deutungshoheit des Staats in Einklang zu bringen.

Robert Weimann (l.) mit dem Stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke. Quelle: Akademie der Künste, Berlin, Archiv

Dass Robert Weimann ein Mann von Welt war, merkte man ihm in der DDR an. Er rümpfte nie die Nase über Trends wie die „Beatmusik“. Seine halbe Jugend in der Nachkriegszeit verbrachte er vor dem Radio und hörte den amerikanischen Armeesender AFN und wurde zum Jazz-Fan. Daher stammte auch seine Motivation, englisch zu lernen. Später machte er aus seiner Begeisterung etwa für Bob Dylan keinen Hehl. Er trug Jeans und Leinenhemden, die er sich aus dem Westen mitbrachte. Seine Leidenschaft war das Segeln auf den märkischen Seen und in Boddengewässern. Die Ostsee als Grenzgebiet blieb auch ihm versperrt.

Robert Weimann auf einem Segelturn im Norden. Quelle: privat

Er war in vierter Ehe verheiratet und hat auf Wunsch eines Verlages vor einigen Jahren mit einfachen Worten einen kurzen autobiografischen Abriss zu Papier gebracht. So lernten seine fünf Kinder den Vater nach der Wende von einer neuen Seite kennen. Nach 1985 gab er sich zwar deutlich als Anhänger der Reformpolitik von Michail Gorbatschow zu erkennen, aber in endlosen Vier-Augen-Diskussionen verteidigte er die DDR als das zukunftsträchtigere System. Er hatte Angst, seine Kinder könnten politisch anecken. Dabei war Robert Weimann keiner, der im Ausland wie ein Missionar oder DDR-Repräsentant auftrat. Wenn er mit seinem Volvo in den Urlaub nach Jugoslawien fuhr, dreht er gleich hinter der Grenze das DDR-Schild um.

Redete nach 1989 Tacheles

Im Nachhinein zeigte er sich nicht bereit, die DDR zu beschönigen. „Was unsere Zeitungen druckten, war ja so armselig, wie man sich gar nicht vorstellen kann“, heißt es zum Beispiel. Oder: „Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit sehe ich positiv. Die Gedanken von Marx und Lenin sind undenkbar geworden ohne die Freiheit.“ Den Wendeherbst 1989 erlebte er mit seiner Frau als Harvard-Professor in Cambridge/Massachusetts. „Ich saß in Amerika vor dem Fernseher und war sehr gerührt an einer Stelle, die von vielen meiner DDR-Kollegen verdammt wird. Der Umschwung in Leipzig von ,Wir sind das Volk‘ zu ,Wir sind ein Volk‘“.

1928 in Magdeburg geboren, wuchs er in der Nazi-Zeit auf und wurde noch als Luftwaffenhelfer eingezogen. Er war ein sehr getriebener, tief unruhiger, nervöser Charakter und litt ständig unter Schlafproblemen, und mutmaßte, das sei eine Folge seiner frühen Kriegserlebnisse. Nach 1945 hatte sein Vater „ein nahezu gläubiges Verhältnis zur Sowjetunion“ entwickelt. Weimann hob sich davon ab, indem er ein antistalinistisches Bekenntnis zum Kommunismus entwickelte.

Robert Weimann bei einer universitären Feierstunde. Quelle: privat

Befreit von der Phrasendrescherei

Nach dem Start seiner wissenschaftlichen Karriere in Potsdam und Berlin ging er 1968 als Bereichsleiter an das Zentralinstitut für Literaturgeschichte, einer Neugründung der Akademie der Wissenschaften. „Dort konnte ich mich ganz auf die Forschung konzentrieren. Unser Institut war eine Insel ohne die übliche, mit studentischer ‚Erziehung‘ verbundene Phrasendrescherei“, so seine Erinnerung.

Robert Weimann starb im Alter von 90 Jahren in einem Pflegeheim in Bernau. Quelle: privat

Die Partei brauchte einen integeren und klugen Mann in leitender Stellung an der Akademie, den auch die Künstler schätzten. Mit Stephan Hermlin, Christa Wolf oder Günter de Bruyn spann Weimann ein gutes Garn. Seine Berufung zum Vizepräsidenten hieß aber nicht, dass er großen Einfluss erlangte. Von den maßgeblichen Genossen wurde er als intellektueller „Spinner“ belächelt. „Und ja, ich habe es auch ein bisschen ausgenutzt, den Narren zu spielen in bestimmten Situationen“, so sein Resümee. Als Herausgeber des Suhrkamp-Buches „Postmoderne – globale Differenz“ (1991) dokumentierte er ein 25 Seiten langes Gespräch mit Heiner Müller, das mit Theorien und Begriffen die Epochenwende zu fassen versucht. Nicht nur unter Intellektuellen, auch bei persönlichen Begegnungen verfiel Weimann leidenschaftlich und intensiv ins Dozieren.

Ehrenpromotion an der Universität Potsdam

Seine Leistung wurde auch nach der Wende nicht in Frage gestellt. Die vereinigte Akademie der Künste wählte ihn 1991 erneut zu ihrem Mitglied. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Shakespeare-Gesellschaften, deren Ost-Präsident er von 1985 bis 1993 war, blieb er bis 1997 Mitglied des Vorstandes. Zwischen 1992 und 2001 hatte er eine volle Professur an der University of California, Irvine, inne. 2009 erhielt er die Ehrenpromotion an der Universität Potsdam. Nur die westdeutschen Unis hielten sich ihm gegenüber nach der Wende bedeckt. Als Emeritus musste er sich mit 1400 Euro Rente begnügen. „Das hält mich trotzdem nicht davon ab, es für eine gute Sache zu halten, dass Deutschland wieder eins ist. Da hängen tausend Jahre dran“, so Weimann in seiner persönlichen Bilanz.

Von Karim Saab

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