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Kultur Zuschauer sollen ganz Ohr sein
Nachrichten Kultur Zuschauer sollen ganz Ohr sein
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00:36 14.05.2018
„Trommeln in der Nacht“. Aufführung der Münchner Kammerspiele. Quelle: Julian Baumann
Berlin

Als Hörer fühlt man sich schnell als Teil eines Ganzen. Beim Zuschauen verhält es sich anders. Wer die Oberfläche des Bühnengeschehens mit den Augen oberflächlich abtastet, bleibt stets ein Subjekt, das Objekte beobachtet.

Ganz Ohr sein sollten die Besucher der Aufführung „Beute Frauen Krieg“. Die Inszenierung des Schauspielhauses Zürich wurde als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Regisseurin Karin Henkel verzichtete bei der feministischen Aufbereitung zweier Euripides-Dramen auf eine herkömmliche Guckkastenbühne. Das Publikum sitzt in einer langgestreckten, dunklen Halle in einem Oval, das bald von zwei Raumteilern gedrittelt wird. In der Mitte agieren in stilisierten Posen antike Leidensfiguren. Kassandra, Helena und Iphigenie träufeln jedem Besucher ihre Wehklagen direkt ins Ohr. Vorab wurden nämlich an die Zuschauer dicke Kopfhörer ausgegeben.

„Meine Kinder. Alle niedergemetzelt. Alle fraß der Krieg“, heißt es etwa. Und damit es noch eindringlicher und eineindeutiger wird, wiederholen die Schauspielerinnen ihre lamentierenden Sätze oft drei oder gar sechs Mal. Schon in Frank Castorfs Eröffnungsinszenierung „Faust“ wurde bei den langen Live-Video-Übertragungen aus den Innenräumen der Bühnenkulisse deutlich, dass Schauspieler heute dank Mikroports auch im Modus der höchsten Erregung unter Zimmerlautstärke bleiben können. Sie schreien nur zum Schein, wenn sie ihre Texte über Musikflächen platzieren. Das akustische Design in der Zürcher Euripides-Aufführung war der Suggestion dann aber zu viel. Um die maximale Verzweiflung der Frauen zum Ausdruck zu bringen, wurde ein permanenter Dauerflor verhängt.

Mit einem zornigen Zeigefinger wurde auch ein Manifest verfasst, für das in Berlin vor und nach den Vorstellungen Unterschriften gesammelt werden. „Eine wachsende Gruppe von Bühnen-Regisseur*innen und Theaterschaffenden“, heißt es da, fordert in den Leitungspositionen der Theater eine 50-prozentige Frauenquote.

Derart eindeutige Gefühlslagen und konkrete politische Forderungen lassen sich auf der Bühne heute kaum noch mit ungebrochener pathetischer Emphase artikulieren. Eine weitere, wirklich bemerkenswerte Inszenierung des Theatertreffens widmet sich dem Anbruch des Zeitalters des Epischen Theaters vor fast 100 Jahren.

Trommeln in der Nacht“ war 1922 die erste Aufführung eines Stückes von Bertolt Brecht überhaupt. Der 32-jährige Regisseur Christopher Rüping erforschte die genaueren Umstände der Uraufführung an den Münchner Kammerspielen und ließ im Parkett noch einmal Spruchbänder mit dem Satz „Glotzt nicht so romantisch!“ aufhängen. Nicht mehr die Einfühlung in die Figuren allein sollte fortan im Fokus stehen, sondern der Spielcharakter des Spiels. Seither werden Theaterzuschauer gern aus den erzeugten Illusionen herausgerissen. Brecht versprach sich davon kritischere Menschen.

Normalerweise tritt das zeitgenössische Regietheater an, um den Wert eines alten Textes für die Gegenwart zu verdeutlichen. Doch ehe Rüping sich in seiner Inszenierung auf eine Zeitreise begibt, möchte er wenigstens im ersten Akt die Geburtsstunde des Verfremdungseffektes rekonstruieren. Drei Pappwände mit großmustriger Tapete schieben sich auf der Bühne zu einem Zimmer zusammen. Weitere Kulissenteile simulieren dahinter eine Großstadt wie auf einer Kinderzeichnung. Eine Scheibe wird vom Schnürboden runtergelassen und rötlich angestrahlt – Noch ist es nicht der Dreigroschenopern-Mond über Soho, sondern der Mond über Berlin.

Die Figuren – Vater, Mutter, Tochter, künftiger Schwiegersohn – sollen sich so geben, wie das in der Uraufführung gewesen sein könnte. Sehr aufrecht, steif, hölzern – das wirkt heute komisch. Man muss nur alte Tonaufnahmen zu Rate ziehen, um zu hören, wie druckvoll die Worte damals artikuliert wurden. Eine historische Rekonstruktion von Aussprache, Mimik und Gestik scheint unmöglich, denn Aufführungen sind flüchtig wie der Zeitgeist.

Der junge Brecht schrieb das Stück 1919 in verknappter, expressionistischer Diktion, als in München die Räterepublik ausgerufen wurde. Der traumatisierte Kriegsheimkehrer Andreas Kragler trifft nach vier Jahren seine Verlobte Anna, geschwängert von dem Kriegsgewinnler Murk. Er erobert sie zurück und steht am Ende aber vor der Frage, ob er sich nun in die Revolution stürzen soll oder ins „weiche, breite Bett“.

Im Schlussbild wird die Pappkulisse inklusive Mond von den Bühnenarbeitern geschreddert, nachdem zuvor durch gewaltige Neonleuchten, Nebel und Gegenlicht eine futuristische Stimmung erzeugt wurde.

In Erinnerung bleibt die Inszenierung nicht zuletzt durch ihre raffinierte akustische, mit vielen Liedern gespickte Collagen. Diese sublimen, suggestiven Hörspielmomente lässt man sich gerne gefallen. Für Gesangseinlagen mit Gänsehauseffekt sorgt eine unbestimmte Figur. Damian Rebgetz mimt zunächst den Journalisten Babusch, später einen Unterhalter, der auch Urteile und Erklärungen liefert. Der gebürtige Australier bedient am Anfang ein altes Grammophon, das später gegen Jukebox und DJ-Pult ausgetauscht wird.

In „Beute Frauen Krieg“ geistert auch eine kommentierende Gegenfigur herum, die mit der Londonerin Kate Strong besetzt wurde. Der Einsatz englischer Muttersprachler*innen scheint im deutschsprachigen Gegenwartstheater Trend zu sein. Wie auch die *-Schreibweise, die eine Gleichbehandlung der Geschlechter anno 2018 fordert.

Von Karim Saab

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