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Nachrichten Medien & TV Fünf Gründe, warum Deutschland beim ESC versagt hat
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12:36 19.05.2019
Abgeschlagen: Die Sisters aus Deutschland. Quelle: Getty Images
Tel Aviv

Am Ende reichte es nur zu Platz 24 für die Sisters aus Deutschland – ein deprimierendes Ergebnis. Was waren die Gründe für das schlechte Abschneiden beim Eurovision Song Contest (ESC)?

Erster Grund: Der Song war leider nicht stark genug

„Ganz okay“ – das war das Urteil, das über den deutschen Beitrag „Sister“ im internationalen Pressezentrum beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv am häufigsten zu hören war. Aber „ganz okay“ reicht bei weitem nicht, um Europa zu überzeugen. Ein Lied, das schon im eigenen Land keine Begeisterung auslöst, ist leider kein tauglicher ESC-Beitrag. Es gibt genau drei Varianten, bei denen ein Lied beim ESC erfolgreich ist.

Im Video: ARD-Unterhaltungschef will „Sisters“-Abschneiden überdenken

Der Act ist so speziell und polarisierend, dass er bei einigen enorme Begeisterung und bei anderen gar nichts auslöst („Toy“ von Netta aus Israel 2018, „1944“ von Jamala aus der Ukraine 2016).

Der ESC 2019 zum Nachlesen im Liveticker

Oder: Der Act ist stark genug, zwar keine harte Fanbasis aufzubauen, aber eine breite Masse auf ordentlichem Niveau zu überzeugen („Heroes“ von Mans Zelmerlöw aus Schweden, „Only Teardrops“ von Emmely de Forest aus Dänemark).

Insgesamt nahmen 26 Länder mit ihren Kandidaten am Finale des Eurovision Song Contests 2019 teil. In dieser Bildergalerie finden Sie die Fotos aller Acts und ihre Platzierungen.

Oder: Der Act ist sofort unfassbar sympathisch, sodass sich ein ganzer Kontinent spontan verknallt („Satellite“ von Lena aus Deutschland 2010, „Amar Pelos Dois“ von Salvador Sobral aus Portugal 2017, „Fairytale“ von Alexander Rybak 2009).

Ein Lied, das viele „ganz okay“ finden, wird niemals weit kommen beim ESC.

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Zweiter Grund: Die Inszenierung war zu schlicht

Seit Jahren versucht der NDR, mit schlichten Inszenierungen ohne Klimbim Eleganz und Hochwertigkeit auszustrahlen, sich von den Materialschlachten anderer Länder abzugrenzen und „nicht vom Künstler“ abzulenken. Das ist im Kern richtig – aber beim ESC geht es auch darum, es auf moderne Weise krachen zu lassen. Nicht mit sturzöder Disco-Ästhetik wie bei Cascada 2013. Sondern mit brillanten Tricks und Ideen, die zum Song passen. Das klappte 2018 mit Michael Schultes Familienballade ganz hervorragend. Diesmal jedoch war in der deprimierenden Dunkelheit der Bühne von Frauenpower und Sisterhood auf der Bühne nicht viel zu sehen. Smarte Coolness – das ist es, was fehlt.

Im Video: Das sind die Top Ten beim ESC 2019

Dritter Grund: Deutschland ist zu schnell beleidigt

Weit verbreitet sind unter deutschen ESC-Zuschauern zwei Vorurteile, die bei Licht betrachtet statistisch leicht zu entkräften sind: „Uns mag sowieso keiner“ und „Die schanzen sich doch alle nur gegenseitig die Punkte zu“. Beides ist falsch. Zwar gibt es das sogenannte „Blockvoting“ tatsächlich – wenn sich etwa ehemalige Ostblockstaaten aus alter Verbundenheit und Gründen der Bevölkerungsstruktur gegenseitig mit Punkten bedenken.

Der Effekt reicht aber bei weitem nicht aus, um ein Lied auf diese Weise zum Sieger zu machen. Jedes ESC-Gewinnerlied der vergangenen Jahre brauchte viele Punkte aus allen Ländern – und bekam sie. Der Eindruck „Uns mag sowieso keiner“ ist vorauseilender Zweckpessimismus, der nur einen Effekt hat: Deutschland wirkt miesepetrig und verschnupft.

In Wahrheit wird ein starker Song auch dann gewürdigt, wenn er aus Deutschland kommt. Siehe Lena 2010 (Platz 1) und 2011 (Platz 10). Siehe Max Mutzke 2004 (Platz 8). Siehe Roman Lob 2012 (Platz 8). Mittelmäßigkeit aber finden alle doof. Wer das klar erkannt hatte: Stefan Raab.

Vierter Grund: Der NDR hofft zu sehr auf die Jurys

Die Punkte beim ESC kommen zur Hälfte von Publikum und zur Hälfte von nationalen Expertenjurys, die traditionell mit Musikfachleuten besetzt sind. Oder besser: sein sollten. Der NDR setzt bei seinen Entscheidungen zu stark auf diese Jurys, hofft auf die Anerkennung von Musikspezialisten und TV-Machern – statt einen Act abzuliefern, der ein großes Publikum sofort begeistert, auch ohne Fachwissen. Mit anderen Worten: Die Sache ist oft zu verkopft. Mehr Begeisterung wagen! Die deutschen ESC-Beiträge der letzten zehn Jahre waren allesamt Midtempo-Nummern. Kein Funk, keine Party, kein Soul, nichts Tanzbares.

Fünfter Grund: Der ESC ist nicht gerecht

Beim Eurovision Song Contest geht es nicht darum, wer mal wieder Punkte verdient hat, was gerecht wäre und welches Land wirklich mal wieder an der Reihe ist. Das europäische Publikum kennt keine Gerechtigkeit. Es will umworben und überzeugt werden. Und es gibt ein statistisches Problem: Länder, die in der Zuschauerwertung zum Beispiel 41-mal auf dem elften Platz landen, bekommen am Ende keinen einzigen Punkt. Obwohl der elfte Platz in 41 Ländern ein großer Erfolg ist.

Es ist eine Schwäche des Systems. Diese betrifft freilich alle teilnehmenden Länder. Am Ende wird Deutschland nur mit mutigen, originellen, dichten und überraschenden Acts Erfolg beim ESC haben. Es ist kein Komponisten-Wettbewerb mehr. Es ist ein Entertainment-Wettbewerb.

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