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Medien & TV Fünf Thesen zum neuen Fernsehen
Nachrichten Medien & TV Fünf Thesen zum neuen Fernsehen
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16:34 17.12.2016
Quelle: dpa
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Berlin

Im Schnitt empfängt ein deutscher Zuschauer 78 Sender auf seinem Fernseher. Die Qual der Wahl ist groß – doch das schätzen längst nicht alle Nutzer. Vor allem, weil viele technische und inhaltliche Neuerungen dazu kommen. Wer steigt da noch durch? Ein Wegweiser in die Zukunft des Fernsehens.

1. Das Fernsehen wird komplizierter

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Bernd Pritzkow hat viel zu tun in diesen Tagen. „Es gibt Abende, da habe ich Fusseln am Mund vor lauter Erklärungen“, sagt der TV-Techniker aus Potsdam. Seine Kundschaft ist nervös wie selten zuvor. Der Grund: Für Millionen Zuschauer ist der TV-Blackout sehr nah. Fernsehzuschauer, die ihr TV-Signal über Antenne empfangen, könnten schon in drei Monaten ihre Abende vor einem schwarzen Bildschirm verbringen. In der Nacht zum 29. März 2017 wird das Signal des digitalen Antennenfernsehens DVB-T auf den neuen Standard DVB-T2 HD umgestellt. Wer dafür nicht vorgesorgt und sich etwa eine zusätzliche Settop-Box besorgt hat, wird dann kein Bild mehr bekommen.

Nach einer Übergangszeit von weiteren drei Monaten wird man auch mit einer entsprechenden Settop-Box nur noch die öffentlich-rechtlichen Kanäle empfangen können. Die Privaten gibt es über Antenne ab Sommer nur noch verschlüsselt. Wer weiter RTL und Co. sehen will, muss dafür 69 Euro pro Jahr ausgeben. Die Verwirrung ist groß. „Viele Kunden wundern sich, dass sie ein Abo für RTL abschließen und Geld für Dauerwerbesendungen bezahlen sollen“, sagt der TV-Techniker Pritzkow.

Die wichtigsten Begriffe

Smart-TV: Mit dem Begriff Smart-TV sind internetfähige Fernsehgeräte gemeint, die zum Teil über vorinstallierte Webbrowser oder Apps für Youtube, Mediatheken oder Online-Videotheken verfügen, deren Inhalte per Fernbedienung abrufbar sind. Sie haben diverse Schnittstellen für USB, HDMI-Geräte, WLAN oder Speicherkarten und benötigen für viele Dienste keine eigene Settop-Box mehr.

Set-Top-Box: Eine Set-Top-Box ist ein externes Gerät, das die Nutzung von Zusatzdiensten auf dem Fernsehgerät ermöglicht. Sie werden per WLAN oder HDMI-Kabel an den Fernseher angeschlossen und können Inhalte aus dem Internet empfangen. Beispiele sind die Apple-TV-Box für Filme und Serien aus dem iTunes-Angebot, der Fire TV (als USB-Stick oder Box) von Amazon, die Chromecast-Geräte von Google, aber auch der Telekom-Media-Receiver für das Entertain-Angebot.

HD-Fernsehen: Das Kürzel HD steht für das englische „High Definition“, also hochauflösendes Fernsehen. Bis zu fünfmal mehr Bildinformationen gegenüber dem Standardformat stecken in jedem Bild. Das Resultat der vielen Pixel sind detailreiche, klare Bilder. Je größer übrigens der Bildschirm ist, desto deutlicher tritt der Unterschied zutage. Der nächste Schritt ist Ultra-HD: Bei den superscharfen Fernsehgeräten sind die Raster der Pixel gar nicht mehr sichtbar.

Streaming: Streamingdienste wie Maxdome, Amazon Prime Video oder Netflix sind Online-Videotheken, die eine große Bibliothek jederzeit abrufbarer Filme und Serien anbieten. Viele Inhalte sind bei anderen Herstellern in Lizenz erworbene Fremdproduktionen (BBC, HBO, Hollywood). Amazon („Transparent“, „Red Oaks“) und Netflix („House of Cards“, „Narcos“) produzieren zunehmend aber auch eigene Inhalte, um Kunden zu binden. Streaminginhalte sind auf diversen Geräten und Plattformen abrufbar.

Mediathek: Mediatheken – etwa von ARD oder ZDF – sind Online-Videotheken, in denen Sender ihre Inhalte zum Abruf per Internet bündeln. ARD und ZDF dürfen bestimmte Inhalte nur zeitlich begrenzt anbieten. Der ProSieben-Konzern fasst seine Sender (Sat.1, Pro7, Kabel 1, Sixx, Pro7 Maxx) unter der Marke „7tv“ zusammen, RTL hat seine Programme (RTL, Vox, RTL II) unter dem Namen „TVnow“ gebündelt. Diese kosten in HD-Qualität 3 Euro pro Monat extra. Die öffentlich-rechtlichen Mediatheken kosten nichts extra.

Breitbandanschluss: Ein Breitbandanschluss ist ein Internetzugang mit hoher Datenübertragungsrate. Diese schnelle Verbindung macht den Transfer großer Datenmengen möglich (etwa per DSL oder Kabelinternet) und ist die Voraussetzung für die Nutzung von internetfähigen Fernsehgeräten sowie für den globalen TV-Standard HbbTV, der TV-Sendungen und dazu passende Internetangebote miteinander kombiniert.

DVB-T2 HD: Bessere Bildqualität und mehr Programme gegen Aufpreis: Mit DVB-T2 HD erhält das Antennenfernsehen ein Update. Wer das Signal empfangen will, braucht eine entsprechende Settop-Box. Manche neuen TV-Modelle können DVB-T2 auch direkt ohne Zusatzbox empfangen. Ein grünes Logo der Industrie mit dem Schriftzug DVB-T2 HD soll alle kompatiblen Geräte auszeichnen.

Timeshift und Oled: Perfektion für ein Alltagsprodukt: An allen Ecken und Ende basteln die Hersteller, nicht alles ist ausgereift oder sinnvoll. Timeshift oder zeitversetztes Fernsehen ist zweifellos eine der größten Verbesserungen: Die Funktion findet sich in Settop-Boxen, Festplattenrekordern und Fernsehern und erlaubt es, per Fernbedienung eine laufende Sendung anzuhalten. Diese wird dann aufgezeichnet. Für Organic Light Emitting Diode, also organische Leuchtdioden, steht die Abkürzung OLED. Die Technologie bietet ein sehr kontrastreiches Bild und weite Blickwinkel, zudem verbraucht sie wenig Strom. Die Produktion der Paneele ist aber kompliziert und vergleichsweise teuer. Daher ist der Marktanteil der OLED-Geräte noch gering.

Es ist viel Bewegung auf dem einst so fest gefügten TV-Markt. Drei Kanäle – ein Gerät? Lange her. Der Deutschen liebste Entspannungsbeschäftigung – das Glotzen – droht zum Stressfaktor zu werden. Die Umstellung auf den neuen DVB-T2-Standard, mit dem man dann die hochauflösenden HD-Signale empfangen kann, ist dabei nur eine der vielen Neuerungen. Es geht um viel mehr. Die Digitalisierung sorgt insgesamt dafür, dass die Wege, auf denen TV-Inhalte in die Wohnzimmer und auf die Mobilgeräte kommen, ständig neu gelegt werden. Per Antenne, per Satellit, per Kabel, aber eben auch per Internet – und da wiederum in vielen verschiedenen Formen. Die Menüs und Untermenüs in den Einstellungen der TV-Geräte wachsen – genauso wie die Anschlussmöglichkeiten auf der Rückseite der Geräte. Zuschauer führen persönliche Playlists. Wo lief „Game of Thrones“ noch mal? Bei Amazon? Sky? Netflix? iTunes? Oder im Free-TV? Und wann? Das ist das Paradoxon der modernen TV-Technik: Um überhaupt klassisch einfach Fernsehen zu können, ist komplizierte Technik notwendig.

Bernd Pritzkow weiß das. Er arbeitet an der Front. Er hört seinen Kunden geduldig zu, berät und warnt. Zum Beispiel vor den billigen DVB-T-Empfangsboxen aus dem Internet, die in Deutschland nicht funktionieren. „Es muss DVB-T2 HD draufstehen, nicht nur DVB-T2. Das klappt hier nicht.“ 75 bis 100 Euro sollte man schon ausgeben für einen guten Receiver, sagt Pritzkow. „Oder Sie kaufen sich eine Satellitenschüssel. Das ist das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Und dort sind die Privaten noch unverschlüsselt.“ Noch. Denn auch auf dem Satellitenfernsehen und im Kabel stehen Änderungen an. Auch sie werden digital, auch das Satellitenprogramm wird irgendwann extra Geld kosten.

„Manche Kunden sind regelrecht erbost, dass sie jetzt noch mal zahlen müssen“, sagt TV-Techniker Pritzkow. Andere sind verwirrt und unentschlossen: Lohnen sich die Umstellung und das neue TV-Abo per Antenne, wenn die Familie nur Fußball und Sandmännchen schaut? Wozu brauche ich dann die Privaten? Andererseits: Wenn ich nur noch öffentlich-rechtliches Fernsehen schauen kann, weil ich die 70 Euro Jahresabo für die Entschlüsselung nicht zahlen will, katapultiere ich mich in die Zeit vor dem Privatfernsehen. Stand 1983, plus Arte und Kika. Und das zu einer Zeit, in der das Fernsehen doch eigentlich neu erfunden werden sollte.

2. Fernsehen wird Individueller

Die Vorteile der diversen Empfangsmöglichkeiten: Wahlfreiheit. 223 Minuten schauen die Deutschen durchschnittlich jeden Tag fern. Das war im vergangenen Jahr so – und das war auch zehn Jahre zuvor so. Doch Statistiken wie diese täuschen: Denn während viele über 50-Jährige sich pünktlich zur „Tagesschau“ auf dem Sofa einfinden und die Abende zuverlässig vor dem Fernsehgerät verbringen, emanzipieren sich die jüngeren Zuschauer in rasantem Tempo von dem vorgegebenen TV-Programm der klassischen Sender. Die 14- bis 29-Jährigen schalteten 2015 nur noch 118 Minuten pro Tag das lineare Fernsehprogramm ein. Und es werden jedes Jahr weniger. Fünf Jahre zuvor waren es noch 135 Minuten. Die Jugend verabschiedet sich vom festen Sendeschema.

– Alles Wichtige zum Start von DVB-T2

DVB-T2: Neue TV-Gebühr für 70.000 Brandenburger

Jüngere schauen anders. Sie machen sich ihr eigenes Programm. Hinter dem Schlagwort von den „veränderten Sehgewohnheiten“ verbirgt sich eine kulturelle Revolution. Der Markt wird nicht länger vom Anbieter diktiert, sondern vom Kunden. Plötzlich ist jedermann sein eigener Programmdirektor, unabhängig von Sendezeiten, Werbeblöcken und Geschmäckern. Mediatheken, Streamingdienste und Youtube gewöhnen Millionen Kunden an permanente Abrufbarkeit auf diversen Geräten. Das bedeutet: Chaos und Freiheit gleichzeitig.

78 Sender empfängt ein deutscher Zuschauer im Schnitt auf seinem Fernseher – bisher meist über eine einzige Quelle: Kabel, digitale Antenne oder Satellit. Feste Sendezeiten aber sind ja kein Kundenwunsch, sondern ein Produkt der technischen Limitierung der ersten TV-Jahrzehnte. In den USA – noch immer ein kulturelles Trendbarometer – verlieren Kabelanbieter massiv an Kunden, virtuelle Videotheken wie Amazon Prime Video, Netflix oder Hulu dagegen boomen. Noch verliert Netflix durch die teure, globale Expansion in 189 Länder viel Geld. In den USA aber verdient man bereits Geld, 2017 soll das Geschäft auch außerhalb des Heimatmarktes profitabel werden.

Seit 2015 empfangen die meisten US-Zuschauer ihr TV-Programm per Internet und nicht mehr per Kabel. Apple-Chef Tim Cook sagte im September: „Die Zukunft des Fernsehens sind Apps.“ Das bedeutet: Bunte, individuell auswählbare und zubuchbare Reihen von Apps verschiedener Anbieter werden früher oder später die klassische Kanalliste ersetzen. Für einige wird zu zahlen sein, für andere nicht. Einige werden Werbung zeigen, andere nicht.

Schon jetzt ist der neue TV-Markt unübersichtlich: Auf der Amazon­ Fire TV Box ist sowohl die ARD-Mediathek als auch der Konkurrent Netflix per App vertreten. Umgekehrt gibt es einzelne ARD-Produktionen bei Netflix. Und auf der Apple-TV-Box sind ebenfalls Netflix plus die ARD vertreten. Für technisch versierte Zuschauer bedeutet das: neue Freiheit. Für traditionell orientierte Fernsehgucker bedeutet es: Umdenken. Das perfekte individuelle Fernsehpaket zu finden wird ähnlich kompliziert, wie den geeigneten Handytarif aufzustöbern. Und Livefernsehen könnte sich zur Nische für Reality-TV, kleinere Sportarten, Wiederholungen und Nachrichten entwickeln. „Lineares Fernsehen wird es bald nicht mehr geben, außer im Museum“, sagt Netflix-Boss Reed Hastings. „Es hat ja auch niemand mehr Festnetztelefonanschlüsse, außer unseren Eltern vielleicht.“

3. Das Fernsehen wird teurer

Fast 400 Milliarden Euro werden jährlich auf dem globalen Fernsehmarkt umgesetzt. In Deutschland waren die GEZ-Gebühren lange die einzigen TV-Kosten für Zuschauer. Die Privaten finanzierten sich mit Werbung. Pay-TV musste 20 Jahre um Akzeptanz kämpfen, erst seit Kurzem ist Sky (vormals Premiere) profitabel. Künftig setzen sich Fernsehkosten aus diversen Beiträgen zusammen: Rundfunkbeitrag, Streaming-Abos, einzeln abgerufenen Filme und Serien, Gebühren für private HD-Sender per Kabel. Und auch für Fernsehmacher steigen die Kosten: ARD und ZDF etwa konnten gerade im Wettstreit um die TV-Rechte für Olympia 2018 bis 2024 nicht mehr mithalten. Der US-Konzern Discovery (der bei uns Eurosport betreibt) zahlte 1,3 Milliarden Euro für das Gesamtpaket. Und ließ ARD und ZDF lange zappeln.

4. Das Fernsehen wird globaler

Fernsehen richtet sich heute an ein globales Publikum, das sich bei skandinavischen Krimiserien, US-Dramen und britischer Comedy gleichermaßen bedient. Damit steigen die inhaltlichen Ansprüche. Natürlich hat es Folgen, dass sich das Erste nicht mehr nur mit ZDF oder RTL messen lassen muss, sondern mit den Besten der Welt. Die Produktionen werden teurer, es kommt zu früher undenkbaren Allianzen: ARD und Sky tun sich zusammen, um eine 40-Millionen-Euro-Serie wie „Babylon Berlin“ von Tom Tykwer stemmen zu können. Ein „Tatort“, der im Schnitt 800.000 Euro kostet, wirkt da wie eine Billigproduktion. Für Sender wird es immer schwieriger, kreative Stars an sich zu binden, denn die großen Player locken mit Geld und Reichweite. „Für einen Platz auf der ,New York Times’-Bestseller-Liste muss ich 100.000 Bücher verkaufen“, sagt David Simon, Erfinder der HBO-Serie „The Wire“. „Schon bei einer HBO-Serie mit mäßigem Zuspruch hören zehn mal mehr Menschen, was du zu erzählen hast.“

5. Das Fernsehen wird besser

In einem Markt, in dem Programmmacher globale Konkurrenten sind, wird Mittelmaß auf Dauer keine Chance haben. Streamingdienste experimentieren bereits jetzt mit Talkshows, zeigen Dokus. Auf Youtube sind Millionen Liveshows zu sehen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Weltkonzerne nicht auch in andere Genres drängen. Gerade kaufte Amazon der BBC das beliebte Autotester-Team aus „Top ­Gear“ weg. Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May starteten „Grand Tour“ – bei Amazon. Jan Böhmermanns Talkformat „Sanft & Sorgfältig“ lief zunächst im öffentlich-rechtlichen Radio – und wechselte im Mai unter neuem Namen („Fest & Flauschig“) als Podcast zum Musikstreaminganbieter Spotify. Es sind zarte Vorboten eines wilden Kampfes um Talente, bei dem sich die klassischen TV-Anbieter Auge in Auge mit Milliardenkonzernen sehen. Und bei dem die knapp 8 Milliarden Euro, die ARD und ZDF jährlich an Gebühren einsammeln, plötzlich gar nicht mehr so üppig wirken. Früher oder später wird man dort seine Prioritäten überdenken müssen. Möglich, dass auch die Definition von „Grundversorgung“ neu diskutiert werden muss. Auch das kann einen Qualitätssprung bedeuten.

Von Jan Sternberg, Imre Grimm und Dirk Schmaler