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Medien & TV Marie Sophie Hingst: Diese Debatte muss nach ihrem Tod geführt werden
Nachrichten Medien & TV Marie Sophie Hingst: Diese Debatte muss nach ihrem Tod geführt werden
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17:56 29.07.2019
Anfang 2018 erhielt Marie Sophie Hingst den „Goldenen Blogger“ als Bloggerin des Jahres für ihren Blog „Read on my dear“. Quelle: Henrik Andree/Die Goldenen Blogger
Berlin/Dublin

Marie Sophie Hingst schrieb Kurzgeschichten, Erzählungen, eine Art von Tagebucheinträgen auf ihrem Blog, der viele Fans hatte und zuletzt zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Die 31-Jährige war Historikerin, Bloggerin und Schriftstellerin – allerdings ohne dies sauber voneinander zu trennen. Sie schrieb vor allem über ihre jüdischen Vorfahren, die im Holocaust ihr Leben verloren. Sie erhielt Preise dafür, wurde zur „Bloggerin des Jahres“ gewählt. Doch es waren erfundene Schicksale, die sie bis ins Detail ausschmückte; es waren gefälschte Unterlagen, die sie bei der Internationalen Gedenkstätte Yad Vashem in Israel einreichte, und es waren erlogene Geschichten über andere Themen, die sie in deutschen Medien veröffentlichte. Ein Team aus Historikern, Anwälten und Archivaren deckte dies auf, Journalist Martin Doerry machte es Ende Mai im „Spiegel“ publik.

Ein anderer Journalist – ein Reporter der „Irish Times“ – schrieb am Wochenende in einem langen Artikel, dass Marie Sophie Hingst am 17. Juli zu Hause in Dublin tot aufgefunden worden ist. Die Todesursache ist unbekannt, die Polizei könne zwar eine Fremdeinwirkung ausschließen, die Autopsie stehe aber noch aus. So berichtet es „Irish Times“-Journalist Derek Scally, der Marie Sophie Hingst im Juni nach Veröffentlichung des „Spiegel“-Artikels“ getroffen und zu ihren Fälschungen recherchiert hat. Er habe einen Anruf der Mutter aus Wittenberg erhalten, die nach eigenen Worten gedacht habe, ihre Tochter habe sich das Leben genommen.

Journalist Scally will ein Statement setzen

In aller Ausführlichkeit zeichnet der Reporter in dem Artikel aus der Ichperspektive das Bild einer labilen, aufgebrachten Frau, die sich „wie gehäutet“ vom „Spiegel“-Artikel gefühlt und bei der vieles auf eine psychische Störung deutet habe – um dann einen entscheidenden Punkt anzubringen: Er habe letztlich auf die Story über Hingst verzichtet. Mit der nachträglichen Veröffentlichung dieser Entscheidung setzt Journalist Scally ein Statement. Es ist ein Aufruf der Achtsamkeit, den er verbreitet. Es gehe nicht immer um die Story, sondern auch um die Menschen dahinter. Es geht ihm um Zurückhaltung in einer Welt des Vorpreschens. Wäre also ein Verzicht der Veröffentlichung richtig gewesen?

Scally schreibt, wie er Martin Doerry beim „Spiegel“ getroffen habe, fünf Tage nach dem Treffen mit Sophie Hingst. Doerry habe ihm die Gründe für die Veröffentlichung dargelegt und dabei auch die Krise der eigenen Branche nicht unerwähnt gelassen – ausgelöst durch den 33-jährigen Ex-„Spiegel“-Redakteur Claas Relotius, der über Jahre in großem Umfang Magazingeschichten erfand. Nicht nur diese sensibilisierte Beziehung zur Wahrheit trieb Doerry, der selbst Enkel eines Holocaust-Überlebenden ist. Ihm ging es mit dem Text über Historikerin Hingst auch um den Spott, den sie durch ihre erfundenen jüdischen Angehörigen über die Opfer des Nazi-Regimes brachte. Hingst hatte nicht irgendwelche Wahrheiten verdreht, sie hat ein nationales Andenken beschmutzt, das zur Staatsräson gehört. Und sie tat dies nicht in einem stillen Kämmerlein, sondern vor großem Publikum, das sie mit Preisen ehrte. Darüber nicht zu berichten kam in diesem Fall für den „Spiegel“ wohl nicht infrage.

Leser, Blogger und Fans diskutieren über den Fall

Nicht erst seit Bekanntwerden ihres Todes diskutieren Leser, Blogger und Fans über den Fall. Soll aus Rücksicht auf den Fälscher grundsätzlich nicht über Fälschungen berichtet werden? Welchen Anteil sollen beide einnehmen? Wäre nicht auch denkbar gewesen, sich stärker auf das Phänomen Holocaust-Hochstapler zu fokussieren statt auf Historikerin Hingst? Es bleibt vor allem die Frage, wie man der Verantwortung gegenüber den Menschen gerecht wird, die Journalisten in die Öffentlichkeit bringen, oft bringen müssen.

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Marie Sophie Hingst tot – deutsche Bloggerin hatte jüdische Familiengeschichte erfunden

Von RND/Julia Rathcke

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