Flugzeugunglück in der DDR: Tu-134 stürzt vor 45 Jahren in Schkeuditz ab
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Ostdeutschland Katastrophe im Nebel: Tu-134 stürzt vor 45 Jahren in Schkeuditz ab
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Flugzeugunglück in der DDR: Tu-134 stürzt vor 45 Jahren in Schkeuditz ab

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13:56 31.08.2020
Blick auf das von Sicherheitskräften bewachte Wrack des Flugzeugs. Quelle: Repro: BStU
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Schkeuditz

Es ist 8.07 Uhr an diesem 1. September 1975: „1107 – sind Sie gelandet?“ „1107 – bitte kommen!“ „Melden Sie sich, 1107!“. Doch die Tu-134 der Interflug mit der Flugnummer IF 1107 antwortet dem Radarkontrolleur am Flughafen Leipzig nicht.

Die damals siebenjährige Tupolew mit der Kennung DM-SCD, die zuvor schon weit über 5500 Starts und Landungen hingelegt hat, streift einen Kilometer östlich der Landebahn in nur vier Metern Höhe – vorgeschrieben sind an dieser Stelle 37 Meter – mit der linken Tragfläche die linke Antenne des Funkhauses.

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Tragfläche und Triebwerk reißen ab, die Maschine überschlägt sich, auslaufender Treibstoff entzündet sich und sorgt für ein flammendes Inferno. 26 Menschen sterben bei diesem schweren Flugzeugunglück, darunter die drei Stewardessen. Wie durch ein Wunder überleben acht der 34 Insassen, darunter der Pilot, der Co-Pilot und der Navigator. Eine Retrospektive.

Die Retter:Laut Stasi-Unterlagen sind 66 Polizisten, 50 Kriminalisten, 102 Feuerwehrleute, 121 Bereitschaftspolizisten sowie 250 Betriebsangehörige und der Zivilverteidigung im Einsatz. Nicht erwähnt sind Paul Leskowitz und Walter Schindler, die ein Feld nur 250 Meter entfernt pflügen und als erste am Ort der Katastrophe sind. Beide ziehen erste Überlebende aus den Trümmern. Weitere Bauern helfen beim Bergen von vier Insassen. Auch Wolfgang Wenzel, damals 22 und erst wenige Monate bei der Flughafenfeuerwehr, ist mit seinen Kameraden kurz darauf vor Ort. Ebenso wie Heinz Jehsert, der gemeinsam mit drei weiteren Kameraden von der freiwilligen Betriebswehr des VEB MAB SchkeuditzHeinz Förster, Werner Blechschmidt und Karl Zacke – zwei Piloten das Leben rettet, die reglos in einer Senke neben dem brennenden Wrack liegen.

Die Erstversorger: Im Schkeuditzer Krankenhaus Bergmannswohl kämpfen unter anderem Oberarzt Dr. Heinz Steglich, an diesem Tag amtierender Direktor des Kreiskrankenhauses, Schwester Ruth Wolff sowie weitere Ärzte, Schwestern und Laboranten um das Leben der Geretteten. Die Brandverletzten werden umgehend ins Krankenhaus St. Georg nach Leipzig verlegt. „Wir merkten damals gar nicht, wie lange wir arbeiteten“, erzählt Wolff später. Auch nicht die ihr unterstellten Schwesternschülerinnen des dritten Lehrjahres, die an diesem 1. September ihren ersten Tag auf der Intensivstation absolvieren. Und nachdenklich fügt sie hinzu: „So einen Tag vergisst man nie wieder.“ Für das Krankenhaus Schkeuditz wird eine totale Nachrichtensperre verhängt. „Es war wie in einer Festung“, erinnert sich Heinz Steglich.

Der Gerichtsmediziner: Prof. Dr. Wolfgang Dürwald, damals Leiter des Gerichtsmedizinischen Instituts in Leipzig, glaubt nach dem Anruf der Polizei zunächst an eine Übung – wie so oft zu Messezeiten. Vor Ort sieht er, was wirklich los ist. „Das Flugzeug war ausgebrannt. Die Trümmer rauchten noch gewaltig. Ein großer Teil der Menschen im Inneren war bis zur Unkenntlichkeit verkohlt“, erzählt er später. Die Spezialuntersuchung, wer von den 26 Toten welche Person ist, habe dann mehrere Tage gedauert.

Die Überlebenden: Heinz Bornkamp, Manfred Greger, Erwin Meyer und Udo Klinner aus der Bundesrepublik sowie der italienische Staatsbürger Roberto Valdemarca überleben den Absturz, ebenso die Besatzungsmitglieder Hans Krenzien, Roland Naundorf und Klaus Naumann. Für Daimler-Benz-Mitarbeiter Udo Klinner wird es zunächst lange dunkel. Drei Wochen liegt er im St. Georg im Koma, erst nach 15 Monaten kann er wieder allmählich ins Berufsleben einsteigen – nachdem er mit einer Volvo-Staatslimousine über den Grenzübergang Hirschberg wieder nach Hause gebracht wird. „Die medizinische Betreuung war erstklassig – sicher auch ein wenig aus Prestigegründen“, findet der zweifache Familienvater aus Esslingen bei Stuttgart später nur lobende Worte für seinen mehrwöchigen Aufenthalt in der Messestadt – nach seinem Flug „von Deutschland nach Deutschland“. „Der Ruf der DDR-Chirurgie war ja damals legendär, so dass wir Überlebenden damals mit Blick auf Russland oder Bulgarien immer gesagt haben: Zum Glück sind wir im richtigen Land abgestürzt“, so der Schwabe mit Galgenhumor, der vor fünf Jahren noch einmal mit seiner Gattin Theresia und seinem Retter Paul Leskowitz das St. Georg besucht hat.

Die Stasi: Klar, dass nach solch einem Zwischenfall mit westdeutschen Toten auch beim Ministerium für Staatssicherheit die Telefondrähte und die Kugelschreiberminen glühen. Auf mehreren Hundert Seiten werden von IM extra verfasste Berichte zusammengetragen. Das Interesse gilt vor allem Meinungsäußerungen von Interflug-, Flugsicherungs- und -technikmitarbeitern. Auch zwei Beamte des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg mit Identifizierungsunterlagen für die Opfer im Gepäck werden bespitzelt. Die Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig organisiert die Operation „Radar“, bei der auch in Schkeuditz und Umgebung flächendeckend geschnüffelt wird.

Ein Punkt wird in den Stasi-Unterlagen allerdings nur angerissen. Ein Spitzel berichtet über Diskussionen unter Interflug-Mitarbeitern, bei denen der Satz „Die Besatzung hat in Stuttgart zu viel Alkohol zu sich genommen.“ gefallen sein soll. Die medizinischen Gutachten sagen das Gegenteil. Stuttgarter Hotel-Mitarbeiter, die die Crew in der Nacht vor dem Unglücksflug betreuen, erklären hingegen, dass Alkohol sehr wohl eine Rolle gespielt hat. Trotz Hunderter Stasi-Seiten bleibt dieses Detail im Dunkeln.

Das Wrack: In Schöna (Ortsteil der Gemeinde Mockrehna im Landkreis Nordsachsen) erinnern sich Zeitzeugen an ein weiteres Detail wenige Tage nach der Katastrophe. Gut ein Dutzend Tatrazüge rollt kurz nach dem Unglück unter Polizeischutz über die Landstraße und hält am bis zu 45 Meter tiefen Steinbruch. Mehrere Zeugen – unter anderem Anwohner Kurt Petzold und Werner Lorenz aus Langenreichenbach, Mitarbeiter beim damaligen Kraftverkehr Leipzig – bestätigen, dass Wrackteile dort versenkt sind. Bislang sind allerdings keine Teile geborgen worden. Und ein Teil des Aluminiums soll in Rackwitz im Leichtmetallwerk eingeschmolzen worden sein. Volker Buder von der Tauchschule Wildschütz sieht vor rund 40 Jahren bei einem genehmigten Tauchgang den „sehr schlecht erhaltenen“ Metallschrott. Der indirekte Versuch einer Bergung vor acht Jahren, als das Wasser des Steinbruchs zur Gewinnung von Eisenschlamm 30 Meter abgepumpt wird, bringt keine Ergebnisse – das Geheimnis bleibt im dickem Schlamm verborgen.

Schwere DDR-Flugzeugunglücke

14. August 1972: Eine Iljuschin Il-62 der Interflug stürzte nach einem Brand im Heck und dem Verlust des Leitwerks in der Nähe von Königs Wusterhausen südlich von Berlin ab. Von 148 Passagieren und acht Besatzungsmitgliedern überlebte niemand den Absturz.

26. März 1979: Eine Il-18D der Interflug schoss nach Triebwerksausfall beim Start von Luanda (Angola) zu einem Flug nach Lusaka (Sambia) mit tonnenweise Waffen an Bord über die Landebahn hinaus und ging in Flammen auf. Dabei kamen alle zehn Insassen – vier Besatzungsmitglieder und sechs Angehörige der Zapu (Afrikanische Volksunion von Simbabwe) ums Leben.

12. Dezember 1986: Eine Tupolew Tu-134A (Flug SU 89) der Aeroflot stürzte im Landeanflug nahe dem Flughafen Berlin-Schönefeld ab. Von 74 Passagieren und neun Besatzungsmitgliedern überlebten zehn, teils mit schweren Verbrennungen.

17. Juni 1989: Eine Iljuschin Il-62 M (Flug IF 102) der Interflug rollte beim Start über die Startbahn in Berlin hinaus, zerschellte und fing Feuer. Von 103 Passagieren und zehn Besatzungsmitgliedern sterben am Ende 20 der Insassen und eine Person am Boden.

Von Martin Pelzl