„Für immer Sommer 90“: Charly Hübner im Interview über den ARD-Film
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Ostdeutschland Er kann auch anders: Charly Hübner als Banker in ARD-Film „Für immer Sommer 90“
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„Für immer Sommer 90“: Charly Hübner im Interview über den ARD-Film

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12:04 05.01.2021
Andy (Charly Hübner) misstraut seiner Kollegin Bea (Lisa Maria Potthoff).
Andy (Charly Hübner) misstraut seiner Kollegin Bea (Lisa Maria Potthoff). Quelle: ARD Degeto/Manju Sawhney
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Kiel

Man kennt Charly Hübner als rebellischen Kommissar Buckow im „Polizeiruf 110“, als Regisseur des preisgekrönten Dokumentarfilms „Wildes Herz“ über die Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet, als Bühnenstar im Schauspielhaus Hamburg. Mit Lars Jessen und Jan Georg Schütte (beide Regie) hat der 48-Jährige für die ARD „Für immer Sommer 90“ gedreht, einen Impro-Film, zu dem er auch die Idee lieferte und bei dem er am Drehbuch mitschrieb. Ein Roadmovie durch die deutsche (Un-)Einheit.

Was will der Film?

In „Für immer Sommer 90“ fährt ein Banker aus Frankfurt quer durch die Republik, um eine Anschuldigung aus der Welt zu schaffen, die dem Aufstieg im Weg steht. Es geht um die Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland, um Corona und enttäuschte Freundschaft. Woher kam die Idee?

Am Anfang stand die Frage: Was können wir mit der Situation als Filmteam machen – im ersten Lockdown war ja nicht so klar, wie es weitergeht. Später kam mir der Gedanke, dass etwa Handelsvertreter ihren Job trotzdem weiter machen. Außerdem habe ich schon öfter mit Jan Georg Schütte gearbeitet. Und ich hatte schon länger die Frage auf dem Zettel: Was passiert, wenn man dessen Arbeitsweise streckt – und das, was sonst improvisiert an einem Drehtag aufeinanderknallt? Dass man von Tag zu Tag guckt, was will der Film, was braucht die Geschichte? Von mir kam also die formale Idee, dazu die realen Ereignisse. Und Lars Jessen interessierte aus der Perspektive des Westdeutschen vor allem die Clique und wie es dem Abi-Jahrgang 1990 aus dem Osten geht.

Sendezeiten

„Für immer Sommer 90“ läuft am 6. Januar um 20.15 Uhr in der ARD. Im Stream ist er als Vierteiler schon in der ARD-Mediathek zu sehen.

Der Film spiegelt die Corona-Zeit – nicht nur bei der Ellbogenbegrüßung.

Ja, das hat sich in die Geschichte eingebettet. Da war gerade die Diskussion um den Fleischereibetrieb Tönnies aktuell – und für uns war klar, dass wir das in den Film aufnehmen. Also steht Andy, der Banker, auf der Tankstelle plötzlich so einem Großbetriebsmitarbeiter gegenüber. So haben wir auf der Fahrt die Schiene immer weiter gebaut.

Sie sind aber in der Rolle des Andy nicht als Handelsvertreter unterwegs, sondern als Investmentbanker. Eine eher untypische Rolle?

Das ist eine Figur, die unser Sein total bestimmt. Zum Beispiel, wenn man sich überlegt, dass einen Tag nach Weihnachten der Dax auf dem historisch höchsten Stand aller Zeiten ist. Das finde ich krass. Da stehen ja Menschen hinter wie Andy Brettschneider. Von dem fallenden Markt haben über diese spekulativen Investments viele profitiert. Es erschien uns allen Dreien sinnig, eine Figur zur Hauptfigur zu machen, die durch Corona gewonnen hat.

Immer nur auf Gewinn aus

Mögen Sie die Figur?

Ich kann mit so jemandem überhaupt nichts anfangen. Aber eigentlich stelle ich mir die Frage so auch nicht: Das ist einer, der hat keine Frau, keine Kinder, lässt sich treiben. Aber er hat so einen durchtrainierten Muskel, der nur auf Gewinn aus ist. Der ist nach der Schule nach Frankreich, hat da Karriere gemacht und als Ostdeutscher einen Positiv-Schock erlebt.

Andy (Charly Hübner) mit seiner Kollegin Berit (Karoline Schuch). Quelle: ARD Degeto/Manjy Sawhney

Auf der Suche nach der Wahrheit reist er dann quer durch West nach Ost und besucht alte Freunde. Was reizt Sie an diesen improvisierten Situationen?

Mich interessiert beim Spielen der Moment der Nacktheit. Es ist, als wenn man zu einer Veranstaltung geladen ist, wo man vielleicht gar nicht hin will. Der Rest ist wie Leben. Beim Improvisieren kann ich als Schauspieler viel mehr riskieren. Das geht mal gut und mal total schief. Aber man kann dabei am meisten herausfinden. Was wir in den improvisierten Situationen herausholen, das entwickelt erst die Geschichte. Die ist dann wirklich „character-driven“.

„Das ist wie beim Fußball“

Hat man dabei auch mehr Lampenfieber?

Es geht darum, die Angst in Spiel umzusetzen, nicht in Panik. Man legt los und spielt eineinhalb Stunden durch. Das ist wie beim Fußball. Es gibt eine Grundverabredung – aber wenn bei Bremen – Hamburg ein Papierknüddel auf dem Boden liegt und daraus eine Ecke entsteht, die zum Sieg führt, dann musst du improvisieren können. Mir macht das total Spaß. Und das hat eine Energie, so sublim, die kann man nicht einfach anstellen.

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Man hat mich zwischendurch aus dem Drehbuchprozess rausgenommen, um ein Stück Ungewissheit hineinzubringen. Der letzte Twist war mir nicht klar – ich dachte, der Vergewaltigungsvorwurf löst sich anders auf. . . Andy kriegt immerhin noch mal die Chance, sich und seine Herkunft neu zu sehen.

Immer die eigenen Wurzeln im Blick

Heimat ist schon ein Thema, das Sie durchgehend beschäftigt?

Für Andy ist die Heimat zu entdecken das rettende Ankerchen. Er bekommt den Fokus auf seine Vergangenheit geschärft. Das hat sicher damit zu tun, dass ich keinen Riss gezogen habe zwischen mir und meiner Heimat. Ich versuche, die Wurzeln im Blick zu halten. Auch die Stationen, die man gegangen ist. Mich interessiert diese Reifung. Der Rest ist eigentlich Zufall.

„Rostock, eine tolle Stadt“

Wie wichtig ist der Norden für Sie?

Als wir damals am „Polizeiruf“ gearbeitet haben, war klar, für mich musste das eine Hafenstadt sein. Kiel hatte schon den Tatort, also wurde es Rostock. Eine tolle Stadt. Die ist rau, zartliebend, durchwachsen in der Bevölkerung. Und sie hat diese eigenen Winde. Und ich bin ein Wassermensch. Ich muss am Wasser sein.

Von Ruth Bender