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Ostdeutschland Hirntumor-Patient: „Die Ärzte gaben mir neun Monate, das war 2013“
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Hirntumor-Patient mit TTFields-Therapie: „Die Ärzte gaben mir neun Monate, das war 2013“

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15:42 16.11.2021
Vor acht Jahren wurde bei Gerhard van den Berg ein Hirntumor diagnostiziert. Seitdem versuchen seine Frau Carola und er, das Beste aus ihrem gemeinsamen Leben zu machen.
Vor acht Jahren wurde bei Gerhard van den Berg ein Hirntumor diagnostiziert. Seitdem versuchen seine Frau Carola und er, das Beste aus ihrem gemeinsamen Leben zu machen. Quelle: Ove Arscholl
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Altentreptow

„Warum ich?“ Die Frage stellt sich Gerhard van den Berg immer wieder, als er die Schock-Diagnose erhält: Hirntumor. Bösartig. Unheilbar. Die Ärzte geben dem Mann aus Altentreptow in Mecklenburg-Vorpommern noch neun Monate. Doch das wird er erst viel später erfahren. Da hat er längst alle Prognosen übertroffen.

Seit acht Jahren lebt Gerhard van den Berg mit dem Glioblastom. Diese Krebsart ist hochaggressiv und selten. In Deutschland erkranken jährlich etwa 3000 Menschen daran. Den bis dato kerngesunden Gerhard van den Berg trifft der Schicksalsschlag wie aus dem Nichts und ohne jede Vorwarnung.

Mehrfach wiederbelebt auf dem Weg ins Krankenhaus

19. September 2013, kurz nach 7 Uhr. Gerhard van den Berg, damals 55 Jahre alt, ist bei der Arbeit in einer Gerüstbaufirma. Er soll Material mit dem Lkw ausfahren. Doch er bleibt wie angewurzelt vor dem Brummi stehen – und bricht zusammen. Chef und Kollegen eilen herbei, holen Hilfe vom nahen Ärztehaus. Ein Rettungswagen bringt Gerhard van den Berg ins Krankenhaus Neubrandenburg. Schon unterwegs muss er mehrfach wiederbelebt werden. Dass es etwas Neurologisches sein muss, ist den Ärzten schnell klar. Den Tumor aber entdecken sie erst nach vielen Untersuchungen.

Von all dem weiß Gerhard van den Berg heute, acht Jahre später, nichts mehr. „Manchmal kann ich mich nicht an gestern erinnern.“ Seine Frau Carola aber hat die schlimmsten Minuten ihres Lebens nur zu gut im Gedächtnis, den Moment, als eine Ärztin ihnen die Hiobsbotschaft brachte. „Nach dem Wort ,Hirntumor’ hab’ ich nichts mehr aufgenommen, war wie in einer Blase. Mein Mann hat mich nur angeschaut: ,So was passiert uns doch nicht’“.

Er musste in der Klinik bleiben. Sie fuhr nach Hause, saß allein im Dunkeln in einer Wohnzimmerecke, weinte. „Ich dachte: Ich werde ihn nie wiedersehen. Jetzt ist das Leben vorbei“, erzählt sie mit tränenerstickter Stimme.

Er vermisst sein früheres Leben

Doch es geht weiter. Fünf Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung: Gerhard van den Berg kämpft gegen den Krebs. Besiegen lässt der sich nicht. Der Tumor drückt unablässig aufs Gehirn. Wie fühlt sich das an? „Manchmal spüre ich Stiche im Kopf.“

Andere Symptome begleiten ihn ständig: Seine rechte Körperhälfte ist nahezu starr und taub, sein Sichtfeld auf der Seite eingeschränkt. Die Gedächtnislücken nehmen zu. Manchmal fällt ihm das Sprechen schwer, er wird schnell müde, hat Schwindel- und Spuckattacken. Seit einem Jahr sitzt er im Rollstuhl. Was vermisst er? Radfahren, in der Ostsee baden, spontane Ausflüge, ohne Hilfe losziehen können. Sein früheres Ich, sein früheres Leben.

Tochter kann es kaum ertragen

Was ihn beinahe noch mehr schmerzt: die Reaktionen seiner Mitmenschen. „Die Berührungsängste waren gerade am Anfang riesig“, sagt Carola van den Berg. Leute, die früher seine besten Freunde waren, „haben sich verdünnisiert, als sie wussten, was ich hab’“, schildert Gerhard van den Berg.

Auch seine Familie hadert. Die ältere der beiden Töchter kann kaum ertragen, wie der Tumor ihren Papa verändert. „Zwei Tage, länger hält sie es nicht bei uns aus“, sagt er traurig. Verübeln kann er es ihr nicht. Lange konnte er sich keine Fotos von früher ansehen.

Vor dem Krebs war „Vane“ ein Macher. Einer, der zupackt, immer auf Achse und nie um ein klares Wort verlegen ist. Dunkler Teint, schwarzes Haar, trainierter Körper – so kannten ihn Freunde und halb Altentreptow.

Ein Foto aus der Zeit vor der Erkrankung: Gerhard van den Berg (l.) war ein durchtrainierter, immer braun gebrannter Typ mit dunklen Haaren. [Repro] Quelle: privat

Neue Therapie verlängert sein Leben

Seit er an den Rollstuhl gefesselt ist, schwinden die Muskeln. Das Haupt ist kahl, vier große Pflaster bedecken die Kopfhaut. Sie sind mit Kabeln an ein Gerät angeschlossen. Van den Bergs Lebensverlängerer.

Das kofferradiogroße Teil erzeugt elektrische Wechselfelder, sogenannte TTFields. Sie hemmen die Vermehrung der Tumorzellen oder können sie gar ganz stoppen. Tut das weh? Gerhard van den Berg grinst. „Nein, aber es wird warm am Kopp.“

Hab ich einen Hirntumor?

Hirntumore sind sehr selten. Wenn Sie unter Kopfschmerzen leiden, muss das also nicht heißen, dass Sie betroffen sind. Aufhorchen sollten Sie bei Symptomen wie epileptischen Anfällen aus völliger Gesundheit heraus, immer wiederkehrende, starke Kopfschmerzen, Lähmungen, Gefühls- sowie Seh-, Sprach- und Gedächtnisstörungen. Bei solchen Beschwerden konsultieren Sie Ihren Arzt.

Die Schweizer Firma Novocure vermarktet die Behandlungsmethode unter dem Namen Optune. In Deutschland ist sie erst seit Kurzem als Therapie anerkannt. Für die Van den Bergs ist sie ein Hoffnungsschimmer, ein teurer. 21.000 Euro sind dafür fällig – jeden Monat. Damit der Mann, mit dem sie seit 40 Jahren verheiratet ist und den sie liebt, weiterlebt, würde Carola van den Berg Haus und Hof verkaufen. Das muss sie beinahe auch. Die Krankenkasse weigere sich, die Kosten zu übernehmen, schildert sie. Doch die Familie hat Glück: Novocure verzichtet auf ausstehende Zahlungen. „Sie wollen uns unterstützen – notfalls bis zum bitteren Ende.“

Kurz vor der OP: Gerhard van den Berg [Repro] Quelle: privat

Der Liebe kann der Krebs nichts anhaben: Carola van den Berg umsorgt ihren Mann, fordert ihn. Lässt ihn sein Gedächtnis im Stich, lässt sie nicht locker, bis er sich erinnert. Sie beschafft, was zur Bewältigung des Alltags nötig ist. Pflegestuhl, Spezialbett, Treppenlift. Das Haus hat sie so umgestaltet, dass sich ihr Mann auch allein zurechtfindet. Denn Carola van den Berg ist berufstätig, arbeitet in einem Supermarkt an der Fleischtheke, sechs Stunden am Tag. Das geht nur, weil andere helfen: Ein Pflegedienst kommt mehrmals täglich, ein kulanter Chef erspart ihr den Schichtdienst.

Seit einem Jahr sitzt Gerhard van den Berg im Rollstuhl. Davon lassen er und seine Frau Carola sich nicht ausbremsen. Wann immer es möglich ist, unternehmen sie Ausflüge, fahren in den Urlaub. Quelle: Ove Arscholl

Ehepaar findet neuen Lebensmut

Ihren Gerhard in ein Heim geben? Kommt nicht infrage, sagt sie und drückt ihrem Mann einen Schmatzer auf die Wange. Er lächelt, gibt ihr einen Kuss. Wer das Ehepaar so sieht – lebensfroh und glücklich – glaubt kaum, welch schwere Krise hinter ihnen liegt. „Das erste Jahr nach der Diagnose lebten wir in unserem Dilemma“, erinnert sich Carola van den Berg.

Die Van den Bergs hatten sich ein Tandem angeschafft, um weiterhin gemeinsam Fahrrad fahren zu können. Seit einem Jahr geht auch das nicht mehr, denn Gerhard van den Berg sitzt im Rollstuhl.[Repro] Quelle: privat

Dann erkannten beide: Ihr Schicksal können sie weder ändern noch an jemanden abgeben. Seither kosten sie jede Minute aus. Wann immer es die Gesundheit zulässt, fahren sie in den Urlaub, verbringen unbeschwerte Stunden mit den vier Enkelkindern, treffen Freunde.

Auch Bekannte lernen. Ein ehemaliger Kollege überwindet seine Ängste, kommt öfter zum Kaffeetrinken vorbei. Die Enkel haben eh keine Scheu. Wenn andere offen auf ihn zugehen, ihn nicht wegen des Krebses meiden, ist „Vane“ glücklich.

„Wir nehmen jeden Tag wie er kommt und machen das Beste draus“, sagt Gerhard van den Berg. Vieles, was Ärzte für unmöglich hielten, hat er so geschafft: Er erlebte die Einschulung seines jüngsten Enkels mit und wie sein ältester Enkel Abi machte. Nächstes Jahr steht eine Jugendweihe an, Gerhard van den Berg will dabei sein.

Vom Tumor lässt er sich nicht klein kriegen. „Krebs is’ scheiße, aber ich hab’ mich damit arrangiert. Kopf in den Sand stecken is’ nicht. Ich will leben.“

Von Antje Bernstein