So entstand das erste Einkaufszentrum nach der Wende in Mecklenburg
Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Ostdeutschland So entstand das erste Einkaufszentrum nach der Wende in Mecklenburg
Nachrichten Ostdeutschland

So entstand das erste Einkaufszentrum nach der Wende in Mecklenburg

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:58 29.11.2020
Das erste Gewerbegebiet in Nordwestmecklenburg in Gägelow, im Hintergrund das MEZ.
Das erste Gewerbegebiet in Nordwestmecklenburg in Gägelow, im Hintergrund das MEZ. Quelle: Michael Prochnow
Anzeige
Gägelow

Wer heute über die B 105 durch Gägelow in Nordwestmecklenburg fährt, für den ist das Gewerbegebiet ein ganz normaler Anblick. Die Gemeinde, so zumindest scheint es bei der Durchfahrt, besteht vor allem aus Einkaufszentren und Industriebetrieben. Doch vor 30 Jahren sah es an dieser Stelle, abgesehen davon, dass die damalige F 105 von Gressow bis Wismar mit Granitsteinen gepflastert war, noch ganz anders aus.

Doch Fritz Kalf, Bürgermeister, Bürgerrechtler und unermüdlicher Macher, der alles konnte außer Kompromisse, hatte zu diesem Zeitpunkt schon ganz andere Pläne. Und die legte er dem frisch gebackenen Landrat des Kreises Wismar, Udo Drefahl, im Juli 1990 auf den Tisch. Das und vieles andere beschreibt Udo Drefahl in seinem kurzweiligen Buch „Die wilden Jahre“ über seine Erlebnisse nach der Wende.

20 Hektar Gewerbegebiet geplant

Zurück nach Gägelow. Wie ein Gewerbegebiet mit Supermärkten und Einkaufstempeln aussieht, wussten die ehemaligen DDR-Bürger durchaus, seit November 1989 strömten sie nach Hamburg und Schleswig-Holstein, die Straßen zu den ehemaligen Grenzübergängen waren regelmäßig verstopft, die Infrastruktur war dem Ansturm nicht ansatzweise gewachsen. Also ein Gewerbegebiet mit Einkaufszentrum in Gägelow.

Udo Drefahl (80) mit seinem biografischen Buch „Die wilden Jahren“ über seine Zeit als Landrat. Quelle: Nicole Hollatz

Es dauerte allerdings einige Wochen, bis aus der Idee ein Projekt wurde. Im Herbst 1990 legte Fritz Kalf dem Landrat schließlich mehrere Ordner auf den Tisch, in dem die Anträge für einen Bebauungsplan für das Gewerbegebiet steckten. Den, so forderte der Bürgermeister, müsse der Landkreis so schnell wie möglich genehmigen.

Kalf, der in Voßkuhl, einem kleinen Nest zwischen Gressow und Gägelow lebte, hatte kurz vor der Wende einen Ausreiseantrag gestellt, weil er aufgrund seiner direkten Art immer angeeckt war. Doch der politische Umbruch verhinderte die Ausreise, und so nahm der damals 60-Jährige seine Chance als Bürgermeister wahr – im Mai 1990 hatten ihn die Gemeindevertreter gewählt. Und er setzte alles daran, seine Gemeinde nach vorn zu bringen. So schnell wie möglich, so gut wie möglich und ohne viel Federlesens. 20 Hektar groß sollte das Gewerbegebiet werden.

Jede Menge Steine lagen im Weg

Während heute eine Umweltverträglichkeitsstudie die andere jagt, sobald auch nur ein Stück Wiese erschlossen wird, galten 1990 noch andere Regeln. Welche das jedoch waren, das wussten damals weder Udo Drefahl noch seine Mitarbeiter in der neu zusammengesetzten Kreisverwaltung so ganz genau.

Und weil in einer Zeit, in der niemand wusste, wie lange er seinen Posten behalten würde, kaum jemand Entscheidungen treffen wollte, dauerte es nicht lange, bis Fritz Kalf der ohnehin recht dünne Geduldsfaden riss. Udo Drefahl, der das Projekt unterstützte, schreibt dazu in seinem Buch: „Nur gut, dass wir damals nicht im Traum ahnten, welch große Hindernisse und Gerichtshürden sich uns in den Weg stellen würden.“

Fritz Kalf, der ehemalige Bürgermeister von Gägelow. Quelle: Archiv

Denn ein Problem war, dass die Stadt Wismar dem Projekt zustimmen musste. Was sie jedoch nicht tat. Dennoch ging es weiter: Die zersiedelten Grundstücke mussten angekauft werden, was allein deshalb eine Mammutaufgabe war, weil Computer damals noch reiner Luxus in den Amtsstuben waren. Und wenn vorhanden, dann waren die Daten noch längst nicht digitalisiert.

Glück hatte die Gemeinde im Gegensatz zu manch anderen Kommunen bei der Kooperation mit einem Experten aus dem „Westen“. Wie Udo Drefahl beschreibt, hatte sich der Lübecker Kaufmann Harald Gerstmann angeboten, bei dem Projekt zu helfen. Er machte dabei von Beginn an deutlich, dass er allerdings auch geschäftliche Interessen verfolge. Die ehrliche Basis war am Ende die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Amtsverwaltung aus dem Boden gestampft

Dass es Fritz Kalf gelang, die Gemeindevertreter zu bewegen, dass in der Nähe ein Windkraftfeld gebaut werden konnte, die Zeugen Jehovas sich einen Königreichssaal bauen konnten und sogar eine Diskothek ins MEZ einziehen konnte, zeigt, wie viel Überzeugungskraft der Bürgermeister hatte. Doch mehrfach drohte auch er zu scheitern.

Damit die kleine Gemeinde Gägelow überhaupt arbeitsfähig war und die Projekte umsetzen konnte, überzeugte er die Landesregierung, dass eine Amtsverwaltung nicht nur notwendig, sondern überlebenswichtig sei. So entstand das Amtsgebäude und eine hauptamtliche Verwaltung, die es andernorts in dieser Form noch längst nicht gab. Doch die Bauleitplanung für das Gewerbegebiet drohte im Sumpf der Bürokratie zu versinken, denn der B-Plan konnte nur durch das Land abgesegnet werden – doch im Herbst 1990 existierte das Land noch nicht, stattdessen gab es nach wie vor die Bezirke Schwerin und Rostock.

Und dort wollte niemand angesichts der unsicheren Zukunft, eine Entscheidung treffen. Mit viel Überzeugungskraft, so Drefahl, sei es dann schließlich doch gelungen, einen Bezirksmitarbeiter ausfindig zu machen, der seine Unterschrift unter den B-Plan setzte.

Holzmann AG setzte das Projekt um

Doch das bedeutete noch lange nicht, dass es losgehen konnte. Die Beratungen in den zuständigen Stellen in Schwerin zogen sich bis in den Winter 1990 hin. Denn das große Problem war nach wie vor, dass ohne die Zustimmung der Stadt Wismar niemand ein solches Projekt genehmigen wollte.

Am Ende rückten die Bagger der Philipp Holzmann AG 1991 an und begannen mit der Erschließung. Allerdings bewegten sich die Akteure auf rechtlich sehr dünnem Eis, Wismar klagte sogar vor dem Verwaltungsgericht, um einen Baustopp zu verfügen, scheiterte aber. Raumordnung und Stadtplanung existierten zwar auch damals schon, aber die Umsetzung der Richtlinien scheiterte oftmals im Ansatz. Das Tempo der Entwicklung überrollte so manche Dienstvorschrift. Und so entstand das Gewerbegebiet in Gägelow im Sommer 1991.

Von Michael Prochnow