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Panorama Karl Lagerfeld: Der König ist tot
Nachrichten Panorama Karl Lagerfeld: Der König ist tot
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21:55 19.02.2019
Der deutsche Modezar Karl Lagerfeld bei der Eröffnung der Ausstellung «The Little Black Jacket». Der deutsche Modeschöpfer ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Quelle: Britta Pedersen/dpa
Hannover

Vor wenigen Wochen hat Karl Lagerfeld die Modewelt noch einmal überrascht. An jenem Januartag auf der Pariser Modewoche ging es ausnahmsweise nicht um eine großartige Kollektion, eine flapsige oder provokante Bemerkung, für die der Modeschöpfer so bekannt ist.

Es ging darum, dass Karl Lagerfeld nicht auftauchte.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten trat zum Abschluss der Chanel-Schau nicht wie üblich der Mann mit dem Mozartzopf auf den Laufsteg, um sich feiern zu lassen, sondern Virginie Viard, die Chefin seines Ateliers. „Karl ist müde“, vermeldete der französische Luxuskonzern Chanel wortkarg und gab damit Gerüchten neue Nahrung: War die Zeit gekommen, dass der große Kreativchef sich zurückzog aus dem Geschäft?

Am Dienstag erreichte die traurige Wahrheit die Welt: Karl Lagerfeld ist tot. Zu den Umständen seines Todes wurden zunächst keine Details bekannt. Fest steht allerdings, dass es schwer werden wird, die Lücke, die er in der Branche hinterlässt, zu füllen. Mit Lagerfeld geht der letzte große Meister der französischen Haute Couture, ein genialer Schöpfer, der zeit seines Lebens den schmalen Grat zwischen Erneuerung und Tradition sicher entlanggeschritten war. Und bisweilen ziemlich rebellisch.

Zäsur für Modebranche

Für die kriselnde Modebranche markiert der Tod Lagerfelds eine Zeitenwende. Digitalisierung, Pelzverbote und Fast Fashion: In der Zeitrechnung nach Lagerfeld wird vermutlich auch im streng auf Traditionen bedachten Hause Chanel vieles anders werden.

Tatsächlich war das die große Gabe des Modezaren, der, obwohl geboren in Hamburg, 65 Jahre seines langen Lebens in Paris beheimatet war: Er schaffte es in einer schnelllebigen, sich an der stetigen Neuerfindung ihrer selbst reibenden Branche, das kostbare gestalterische Erbe Chanels zu bewahren.

Zwar mag Lagerfeld vor Übernahme seines Amtes als Kreativchef von Chanel über das verstaubte Image der Haute Couture mit ihren strengen Regeln geschimpft haben. Unter seiner Leitung war nichts dergleichen zu verspüren.

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Karl Lagerfeld und seine Models

Vor wenigen Jahren öffnete der Konzern die Ateliers für eine Fernsehdokumentation: Zu sehen waren ältere und jüngere Schneiderinnen, die stolz und in adretter Kleidung fast wie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts per Hand Pailletten und Knöpfe, Federn und Seide vernähten.

Schloss Lagerfeld sich der Arbeit an, glich sein Auftritt dem eines Stars, dessen Erscheinen sich im Atelier mit geflüsterten Zurufen der Mitarbeiter ankündigt. Im Handstreich verwarf der Meister ganze Entwürfe, skizzierte neue Ideen – und bescherte den Angestellten wieder eine Nachtschicht. Trotzdem gab es niemanden, der nicht voll Ehrfurcht von „Karl“ sprach.

Modehäuser wie Gucci und Dior waren zeitweise bis zur Selbstaufgabe mit sich selbst beschäftigt, Kreativdirektoren wechselten so schnell wie die Trainer in Fußballbundesligavereinen – aber Lagerfeld machte die beiden verschlungenen C’s im Signet der Luxusmarke unbeirrt nur noch berühmter. Die Marke ist Kult, das Unternehmen milliardenschwer.

Was Lagerfeld schuf, entsprach stets dem Zeitgeist, hatte aber dennoch das Zeug zum Klassiker. Seine Spitznamen „Kaiser“ oder „Modezar“ oder „Karl der Große“ passen dazu. Er hat die Schnitte der Tweedjacken und -röcke den Zeiten angepasst, aber unter seiner Führung blieb Chanel immer seiner Gründerin, der legendären Coco Chanel, treu. Das ist dann auch schon das größte Vergehen, das ihm seine Kritiker vorwerfen.

Nicht ohne seine Musen

Vielleicht wurden die Produkte auch deshalb Kult, weil Lagerfeld eine glückliche Hand mit den Frauen hatte, die sie in die Öffentlichkeit trugen: Inès de la Fressange war bei seinem Chanel-Start 1983 das erste Model, das sein Schaffen begleitete, sieben Jahre später machte er die Deutsche Claudia Schiffer zum Superstar. „Musen“ nannte er sie, die ganz Besonderen, die ihn inspirierten.

Zu manchen hielt er eine lebenslange Verbindung, zum Erfolg aller, die für ihn liefen, hat er auf jeden Fall maßgeblich beigetragen – in den Neunzigerjahren waren Supermodels wie Naomi Campbell, Linda Evangelista, Kate Moss, Cindy Crawford und Christy Turlington die ersten Models, die auf dem Laufsteg wieder Typen sein durften.

Die Regenbogenpresse freilich, vor allem die deutsche, verbiss sich in die andere Seite des Karl Lagerfeld: in seine öffentlichen Auftritte als Unsympath, als schwieriger Nörgler, zuletzt gar als kompromissloser, störrischer Alter. Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, provozierte er einen kleinen Skandal, als er Bundeskanzlerin Angela Merkel vorhielt: „Man kann nicht, selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, Millionen Juden töten, um danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde kommen zu lassen.“

Weltberühmt ist sein Kommentar zum Athleisure-Trend, der Sweatshirts und -hosen salonfähig machte: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Über Heidi Klum sagte Lagerfeld in einem seiner berühmten „Karlismen“ immerhin recht amüsant: „Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.“ Sein unfassbares Arbeitspensum kommentierte er selbstironisch: „Ich kenne keinen Stress, ich kenne nur Strass.“

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Lagerfeld gehörte zu den Menschen mit vielen Talenten, auch als Maler, Karikaturist und Fotograf. In den Neunzigerjahren gründete er sein eigenes Label, eines, das Designermode auch für weniger Wohlhabende einigermaßen erschwinglich machen sollte. Der gleiche Gedanke stand hinter einer Kooperation zwischen Lagerfeld und dem schwedischen Fast-Fashion-Konzern H&M, die beispielhaft wurde.

Es war, als ob er in seinen späten Schaffensjahren trotz all seines Ruhmes etwas nachzuholen hätte. Er suchte den Erfolg unter eigenem Namen. Er machte Entwürfe für den Spielzeughersteller Steiff und den Klavierbauer Steinway. Seine Birma-Katze Choupette (für deren finanzielles Wohl ähnlich wie für das seiner Mitarbeiter gesorgt sein soll) hat mehr als 100.000 Follower bei Instagram. Die Dynamik, die scheinbar unermüdliche Schaffenskraft und die von ihm selbst oft beschriebene Angst vor der Langeweile ließen die Ideen nur so aus ihm heraussprudeln.

Die US-amerikanische „Vogue“ schrieb einmal, Lagerfeld habe die Fähigkeit besessen, die Stimmung eines Moments einzufangen. Er galt als wunderbarer Beobachter des Zeitgeistes, als Seismograph der Gesellschaft. Das Grand Palais etwa ließ er für seine Schauen mal in einen Naturpark umbauen oder in einen Supermarkt voller Fast Food.

Als sich die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ankündigte, trugen die Models wie beim Women’s March Plakate mit feministischen Botschaften. „Ein Designer muss sich selbst als ein Gebäude mit Fernsehantennen betrachten; man nimmt Bilder von allem auf, was passiert, speichert sie und vergisst sie dann”, erklärte er bereits 1984 in einem Interview mit der „Vogue“.

Alter? Interessiert keinen!

Kontakte zu Altersgenossen verweigerte er schon lange, er verabscheue Gespräche über das Altern und Krankheiten, sagte er. Auch das ein Grund, warum er um das Jahr seiner Geburt ein Geheimnis machte?

Mittlerweile wird als sicher angesehen, dass er 1933 in Hamburg als Sohn des Dosenmilchfabrikanten Otto Lagerfeld geboren wurde, zu dessen Produkten die Glücksklee-Milch zählte. Während des Zweiten Weltkriegs lebte die Familie auf Gut Bissenmoor bei Bad Bramstedt, 1953 zog er mit seiner Mutter nach Paris, wo er seine Schulbildung vollendete, machte erste Schritte als Zeichner und blieb.

Entdeckt wurde das Talent des Schneiderlehrlings bei Balmain. Seine erste Kollektion veröffentlichte er unter dem Namen Roland Karl. Schon 1963 wurde er künstlerischer Direktor bei Chloé, arbeitete später für Fendi und andere Modehäuser, bis er 1983 zu Chanel gerufen wurde. „Heute habe ich nicht nur einen Freund verloren, sondern wir alle haben einen außergewöhnlich kreativen Geist verloren“, sagte Alain Wertheimer, Eigentümer von Chanel, der gestern noch Atelierleiterin Viard als Nachfolgerin berief.

Am Beginn von Lagerfelds Karriere stand ein gelber Wollmantel, den er für einen Wettbewerb des Pariser Wollsekretariats schneiderte. Bis heute wird der Mantel gezeigt. Da wirkt es fast wie eine kleine Hommage an den großen Karl, dass Winterjacken in der Saison 2018/2019 besonders oft gelb sind.

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Von RND/Dany Schrader

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