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Panorama Die Abenteuer des Thomas Kühnl
Nachrichten Panorama Die Abenteuer des Thomas Kühnl
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20:35 14.03.2018
Thomas Kühnl ist zurück in Potsdam. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Thomas Kühnl ist angekommen, vorerst. Am 13. Juli 2013 brach der damals 48-Jährige von Potsdam nach Südamerika auf. Erst Ende November, rund 17 Monate später, setzte er seine Füße wieder auf Potsdamer Erde. Pünktlich zum Rugby-Spiel der alten Herren des USV Potsdam, von denen er bis vor kurzem selbst einer war, gegen die einzige Schwulen-Rugby-Mannschaft Deutschlands.

Thomas Kühnl liebt die Weite. Quelle: Thomas Kühnl

Highlights ohne Ende

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In der Zeit dazwischen ist er geradelt, stolze 19.091 km in 1400 Stunden, im Schnitt knapp 80 km pro Tag, durch neun Länder Südamerikas und fünf in Europa. Thomas Kühnl hat in Südamerika zwei Geburtstage gefeiert, ist durch Patagonien gefahren bis nach Feuerland zur einzigen außerhalb der Antarktis lebenden Kolonie von Kaiserpinguinen, hat sich durch die Anden gestrampelt bis Machu Picchu, die schwimmenden Inseln der Urus am Titicacasee besucht, hat sich durch die Lagunen-Route in Bolivien gequält, hat den Zuckerhut in Rio de Janeiro erklommen und sich an der Karibikküste Kolumbiens die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

Südamerika im Kühnl-Check

Peru: Niemals an die Küste, immer in die Berge! Denn die Küste ist ein Moloch, gefährlich und dreckig.

Ecuador: Wenn Südamerika, dann in Ecuador beginnen! Es ist ein kleines und vielfältiges Land, du hast alles, von Berge bis Wüste. Hier kann man in fünf Wochen ganz viel sehen. Aber niemals in der Regenzeit dorthin, also nicht im Juli.

Bolivien: Unbedingt nach Süd-Bolivien zum Salzsee und zu den anderen Seen! Auch La Paz muss man gesehen haben. Bolivien ist auch deswegen interessant, weil es den einzigen Indio-Präsidenten hat, den es jemals gab.

Chile: Hier muss man die Chilenische Seenplatte gesehen haben und die Carretera Austral, die rund 1350 km lange Straße von Norden nach Süden, gefahren sein.

Argentinien: Buenos Aires muss man einfach gesehen haben, ebenso die überwältigenden Iguazú-Wasserfälle im Norden Argentiniens - 20 größere sowie 255 kleinere Wasserfälle auf  2,7 Kilometern. Und natürlich Patagonien! Und immer Dollars dabei haben, keine Euros.

Kolumbien: Wenn Kolumbien, dann so schnell wie möglich hinreisen. Denn der Tourismus verändert die Menschen. Für jede Kleinigkeit muss man zahlen.

Brasilien: Rio de Janeiro ist der Wahnsinn! Nach Brasilien sollte man fahren, wenn man Strand und Feiern liebt. Der Amazonas ist sicher auch eine Reise wert, habe ihn aber selbst nicht gesehen.

Uruguay: Alle sagen, das Land hat unheimlich schöne Küsten. Bin selbst aber abseits der Touristenroute gefahren und habe nur Kühe und Schafe und Weiden gesehen.

Paraguay: Der Itaipu-Stausee an der Grenze zu Brasilien ist der zweitgrößte Stausee der Welt. Das Pantanal ist eines der größten Feuchtgebiete der Erde. Asuncion ist eine schöne Hauptstadt, und die Mennoniten-Siedlungen sind interessant.

Macchu Picchu Quelle: Thomas Kühnl

An die eigenen Grenzen gehen

Was sich wie ein 17-monatiger Traumurlaub anhört, war "meist harte Arbeit und ein entbehrungsreiches, luxusfreies Leben", so Thomas. Und immer Abenteuer. Das größte von allen sei gewesen, jeden Abend eine sichere Unterkunft oder wenigstens einen geschützten Platz zum Zelten zu finden. Und die Berge! "Die haben mich an die Grenzen meiner Kräfte gebracht". Oft war er allein unterwegs, manchmal mit Begleitern, die er über www.rad-forum.de gefunden hat, und ohne die manche Strecken nicht zu bewältigen gewesen wären.

So wie die Lagunen-Route in Bolivien mit Sandwüsten, Salzseen, Vulkanen, alles auf einer Höhe um die 4000m. Es gibt keine Straßen, nur Pisten mit teils tiefstem Sand, so dass man manchmal tagelang schieben muss. Alles mit über 45 kg Gepäck und 20 l Wasser, denn das gibt es auf der Lagunen-Route nur alle zwei bis drei Tage. "Auf dieser Tour war ich zwölf Tage lang nur fertig", erinnert sich Thomas. Hinzu kam, dass einer der Mitradler, ein junger Deutscher, ihn mit seinem Egoismus an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht habe.

Auf die harte Tour

Die schlimmste Zeit, die schönste Zeit in Südamerika? Für Thomas ist es ein und dasselbe: nämlich diese "krasse" Lagunen-Route - "die anstrengendste, aber auch die schönste Zeit".  Er ist also einer, der es auf die harte Tour mag. Einer, der immer in Bewegung sein muss. Einer, der sich am wohlsten fühlt, wenn er an seine Grenzen gehen kann - und darüber hinaus. Mit jedem Schritt und jedem Tritt sich selbst erfahren und darüber staunen, wie der Körper das schafft. Je größer die Anstrengung, desto größer das Glücksgefühl abends am Lagerfeuer bei Kraftbrühe mit Nudeln oder Reis und manchmal mit einem Bier.

Rast mit Lagerfeuer, irgendwo in Patagonien. Quelle: Thomas Kühnl

So häufig wie auf keiner Tour zuvor gab es Momente, in denen sich Thomas am Ende glaubte. Und dann? "Dann habe ich zehn Minuten gewartet und mir gesagt, es gibt nichts, was ich nicht schaffe." Und weiter ging es, immer weiter. Todo es posible, heißt es auf Spanisch, alles ist möglich, und es gibt immer einen Weg. So hat Thomas auch die 100 Kilometer bergauf  in Peru geschafft, von Null auf 4500 Meter. Und so hat er die ersten einsamen Tage überstanden, nachdem sich seine Radler-Gruppe in Ushuaia – dem südlichsten Ort Argentiniens, der als Ende der Welt gilt - aufgelöst und sich viele der Radfreunde nach Europa verabschiedet hatten.

Unglaublich freundliche und hilfsbereite Menschen

Gott ist ihm in solchen Momente keine Hilfe, denn "ich bin krasser Atheist", behauptet Thomas von sich. Nur wenn er wichtige Dinge vergessen hatte - seine Lieblingstasse, den Löffel, den Windschutz vom Kocher- dann sei er zurückgeradelt und habe zum Gott der Radfahrer gebetet, er möge die Dinge an seinem Platz belassen. "Hat geholfen", meint Thomas verschmitzt.

Thomas Kühnl hat in Südamerika große Hilfsbereitschaft erfahren. Quelle: Thomas Kühnl

Für höheren Beistand haben andere gesorgt. "Die Menschen in Südamerika sind so unglaublich freundlich und hilfsbereit. Wenn sie sehen, sie können nicht helfen, fragen sie, ob sie für einen beten dürfen." Auch habe er soviel geschenkt bekommen. Die Kette aus schwarzen und gelben Holzperlen, die Thomas noch heute trägt, hat ihm ein Schafhirte in Uruguay geschenkt. Südamerika sei überhaupt ein unglaublich friedlicher und schöner Kontinent mit offenen, herzlichen Menschen und weiten, beeindruckenden Landschaften.

Angst ist ihm ein Fremdwort

Angst ist ein Wort, das Thomas nicht kennt, eher Respekt. "Es gab schon brenzlige Augenblicke", gibt er zu. Man müsse auf sein Hab und Gut achtgeben. Auch gegen die Hunde sollte man immer Pfefferspray und Knüppel dabeihaben. Zweimal war Thomas krank, mit Durchfall und Bronchitis. "Richtig fertig" war er, als ihm sein iPod gestohlen wurde und als er nicht über die USA nach Hause fliegen durfte, weil im Visum "Kuehnl" steht, im Ausweis aber "Kühnl". Nach dieser Aktion braucht die USA nicht mehr auf den Touristen Thomas zu hoffen.

Ob er die Südamerika-Tour schon verarbeitet hat? "Ja, das geht bei mir ganz schnell. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei", sagt Thomas. Aber dann kommt er doch ins Erzählen, und so vieles fällt ihm wieder ein. Zum Beispiel die Geschichte von Hildegard, mit der er 2010 sechs Wochen in Tadschikistan unterwegs war. Auf der legendären Ruta Nacional 40 in Argentinien hat er sie wieder getroffen - durch Zufall, wenn man an Zufälle glaubt.

Zurück in Potsdam

Aber jetzt, wenn niemand mehr fragt, ist Thomas lieber im Hier und Jetzt und freut sich an dem, was er hat: Schwarzbrot und Traube-Nuss-Schokolade zum Beispiel, seine Freunde, seine Tochter in der Nähe. Und obwohl Thomas ein Naturbursche ist und ohne viel Luxus auskommt, ist er „extrem froh“, endlich mit warmem Wasser abzuwaschen und das Toilettenpapier ins WC werfen zu können und „nicht in einen überfüllten Eimer neben dem Klo“. Genügend Probleme hält das Hier und Jetzt auch bereit: Nachdem er 16 Monate in Südamerika unfallfrei überstanden hatte, brach er sich an seinem zweiten Tag in Potsdam beim Fahrradsturz die Rippe!

Im Februar, so hofft Thomas, ist alles wieder gut. Dann geht es zurück in den Job, "endlich wieder Geld verdienen". In einer Berliner Privatschule unterrichtet er Erdkunde und Sport "und was sonst noch so anfällt".

Was er in Zukunft vorhat? "Ich hatte extrem Angst vor meinem 50. Geburtstag. Ich dachte, ich falle am 2. Oktober tot um. Aber dann war es doch nicht so schlimm, und ich fühle mich noch immer jung - jung genug, um weitere Touren zu machen." Irgendwann wolle er noch einmal nach Asien und die 5000er Höhe knacken. Und Kuba reize ihn seit langem und ist vielleicht in den kommenden Sommerferien fällig. "Ich brauche nur noch einen Mitradler, hat jemand Interesse?"

Von Maria Kröhnke

Die Abenteuer von Thomas Kühnl sind nachzulesen auf seiner Website www.reisen-mit-und-ohne-rad.de.
MAZonline hat Thomas' Reise begleitet, nachzulesen unter www.MAZ-online.de/tour