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Panorama Wer erschoss Walter Lübcke? - Verdacht führt in rechte Szene
Nachrichten Panorama Wer erschoss Walter Lübcke? - Verdacht führt in rechte Szene
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18:41 05.06.2019
Auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha ist Walter Lübcke ist in der Nacht zum Sonntag erschossen worden. Quelle: Swen Pförtner/dpa
Wolfhagen-Istha

Die Nachricht von seinem Tod war unüberhörbar, das Polizeiaufgebot am Sonntag in Wolfhagen-Istha unübersehbar. In dem 900-Einwohner-Dorf, einem Stadtteil von Wolfhagen, 20 Kilometer von Kassel entfernt, lebte Walter Lübcke mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen und einem Enkelkind. Istha ist ein hübscher, überschaubarer Ort mit Fachwerkhäuschen und Blumen in den Vorgärten. Jeder, den man in diesen Tagen in Istha fragt, wirkt erschüttert, geschockt, ratlos – und kann genau sagen, wie er am Sonntag vom Tod Lübckes erfahren hat, wann und wo. Nur über die Nacht zuvor, da rätseln Anwohner, Ermittler und alle, die Anteil nehmen am Schicksal des Regierungspräsidenten, der mit einem Schuss in den Kopf aus nächster Nähe getötet worden ist. Das zumindest gaben Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag bekannt. Zu sämtlichen Details schweigen sie, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

„In meinen Augen war das eine Hinrichtung“

Was geschah in der Nacht zu Sonntag? Wer ist für diese Tat verantwortlich? Und mit welchem Motiv? Die mittlerweile 50-köpfige Sonderkommission Soko „Liemecke“ ermittelt „in alle Richtungen“, hat bisher keine entscheidenden Hinweise, geht aber mittlerweile auch den rechten Hassbotschaften im Internet nach, die Lübcke wegen seine Haltung zur Flüchtlingspolitik erhielt. Was den oder die Täter angeht, haben die Menschen im Ort eine Vermutung, die dazu passt, und betonen eines immer wieder: Dass es jemand aus dem Dorf gewesen sein kann, könne sich niemand vorstellen.

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„In meinen Augen war das eine Hinrichtung“, sagt ein Anwohner, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen will. Er kannte Walter Lübcke, seit er mit seiner Frau hergezogen war in den Achtzigern, sie waren langjährige lokalpolitische Weggefährten. „Walter war Raucher, so wie ich“, sagt er, „und er rauchte nicht im Haus, so wie ich.“ Eine Nachbarin habe Lübcke beim Spazierengehen am Samstagabend gegen 23.30 Uhr noch rauchend auf seinem Balkon gesehen, erzählt er, sie hätten sich noch gegrüßt. Etwa eine Stunde später habe ihn sein Sohn gefunden, leblos auf der Terrasse.

Nach Informationen der HNA soll der Sohn dann einen Freund zu Hilfe gerufen haben, der Sanitäter ist und zu dem Zeitpunkt auf der Kirmes war. Demnach soll er der Erstversorger bei Walter Lübcke gewesen sein, nicht die des angeforderten Rettungswagens. Weiteren Medienberichten zufolge soll der Ersthelfer außerdem den Tatort verändert haben, indem er Blut weggewischt hat. Warum er das getan hat, wird ermittelt, die Staatsanwaltschaft kommentiert den Bericht nicht.

Das Wohnhaus der Familie Lübcke in Wolfhagen-Istha liegt umgeben von Wiesen und Weiden, ein dünner Elektrozaun trennt die Terrasse von der Pferdekoppel. Quelle: Julia Rathcke

Die Weizenkirmes, die an diesem Wochenende stattfand, müsse man sich als das Event des Jahres für den Ort vorstellen. So erzählt es der Gemeindepfarrer von Istha, Wolfgang Hanske. Seit einigen Jahren organisiere eine Jugendgruppe das Ganze, immer zu Himmelfahrt von Donnerstag bis Sonntag. Istha hat 900 Anwohner, zur Kirmesparty kämen pro Tag bis zu 2000 Menschen aus umliegenden Orten. Für die Veranstaltung gelte auch keine Nachtruhe, die Party Freitag- und Samstagnacht laufe gewohnt bis drei, vier Uhr morgens, sagt Pfarrer Hanske. Auch zur Tatzeit sei der Lärmpegel hoch gewesen. „Selbst wenn mehrere Schüsse gefallen wären, niemand hätte sie gehört in dem Trubel“, sagt der Wegbegleiter Lübckes, der unerkannt bleiben will.

Der kleine Platz in Istha liegt keine 200 Meter vom Haus der Lübckes entfernt. Während am Wochenende hier die "Weizenkirmes" lief, wurde Walter Lübcke auf seiner Terrasse erschossen.  Quelle: Julia Rathcke

Verdacht auf rechtsextreme Tat

Das Haus der Lübckes steht keine 200 Meter Luftlinie entfernt vom Kirmesplatz. Es ist gibt keine Mauer oder einen Zaun, nur einen Hund, sagen Nachbarn. Der großzügige weiße Neubau, in dem auch einer seiner Söhne lebte, steht ansonsten frei auf einer Anhöhe, hinten raus umgeben von Wiesen und Weiden. „Sie müssen diesen Tatzeitpunkt ganz gezielt gewählt haben“, sagt der Ortspolitiker und Bekannte Lübckes. Als Täter kämen seiner Ansicht nach nur Leute aus der rechtsextremen Szene infrage, „Walter hatte sonst keine Feinde, keine Neider, keinen Streit. Er hatte eine glückliche Familie, genug Geld und war beliebt.“

Anfeindungen von Rechten erhielt Walter Lübcke vor allem 2015, dem Jahr der Flüchtlingskrise. Der CDU-Politiker zeigte von Anfang an klare Haltung gegenüber Hetzern, setzte sich für Geflüchtete ein und verwies dabei stets auf die christlichen Werte. „Er trug sein Christsein nicht nur in der Hosentasche“, sagt Hanske, der Lübcke als Pfarrer nahestand, dessen Söhne er konfirmiert hat und dessen Angehörige er nun als Seelsorger betreut. Zum Höhepunkt des Hasses gegen Lübcke kam es Mitte Oktober 2015, auf einer Bürgerversammlung zu einer geplanten Notunterkunft für Flüchtlinge. In einem Youtubevideo ist zu sehen, wie Lübcke mehrfach unterbrochen wird, mit Pfiffen und „Scheiß Staat“-Rufen, nach Angaben der Lokalzeitung von örtlichen von Pegida-Anhängern. Lübcke entgegnete den Störern, er würde für seine Werte eintreten. „Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er will.“

„Vielleicht haben sie auf den Moment gewartet“

Für den Satz erhielt Lübcke etliche Hasskommentare und Morddrohungen. Auf dem rassistischen Blog „PI-News“ wurde auch seine Privatadresse veröffentlicht. Die Polizei ermittelte und stellte den Politiker zeitweise unter Personenschutz, berichtete die Lokalpresse damals. Aktuell äußert sich die Polizei nicht zu den damaligen Ereignissen, bisher gibt es auch keinen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen damals und heute. Wer aber die Kommentarspalten in den aktuellen Nachrichten verfolgt, findet hasserfüllte Sätze von rechten Hetzern, die ihre Freude über den Tod Lübckes äußern.

2015, als das Video von der Bürgerversammlung auf Youtube veröffentlicht wurde, gab es darunter Kommentare wie: „Dieser Hans Wurst gehört gelyncht“, „Galgen ist schon eine gute Idee..“, oder „Dieser dreckige Volksverräter gehört zerschossen“. Am 2. Juni 2019 wurde Walter Lübcke erschossen. Sein Bekannter aus Istha sagt: „Vielleicht haben die Rechten die Zeit für sich arbeiten lassen. Und auf den Moment gewartet.“

Von Julia Rathcke / RND

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