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Panorama Woher kommt die Lust am Gruseln?
Nachrichten Panorama Woher kommt die Lust am Gruseln?
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16:58 30.10.2017
Bill Skarsgard als Pennywise in einer Szene des Films «Es».
Bill Skarsgard als Pennywise in einer Szene des Films «Es». Quelle: dpa
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Potsdam

Was passiert, wenn der eigene Alptraum Wirklichkeit wird? Fast drei Millionen Menschen wollten das in den vergangenen Wochen im Kino sehen: Die Neuverfilmung von „Es“, dem legendären Horrorkrimi aus der Feder Stephen Kings, hält sich hartnäckig an der Spitze der deutschen Kino-Favoriten. Und Halloween zaubert gerade vielerorts Monsterkostüme in die Schaufenster. Warum lockt die Lust am Gruseln immer wieder neu?

Gerd Reimann. Quelle: PR

Der Potsdamer Psychologe Gerd Reimann vermutet, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung von fiktivem Horror angezogen fühlt. „Das deckt sich mit den Studien der Filmemacher“, sagt er. „Es lohnt sich, über Horrorfilme und Gewaltszenen nachzudenken, denn sie füllen die Kassen.“

Veranlagung zum Bösen

Es gibt Vermutungen, dass jeder Mensch eine gewisse Veranlagung zum Bösen hat, erläutert Reimann. „Sie müssen das aber nicht in eigenen Taten ausleben. Das geht auch stellvertretend, zum Beispiel in den Bildern eines Films.“ Der Psychoanalytiker Sigmund Freud habe versucht, die Sache so zu erklären: Menschen, die sich freiwillig solchen Gewaltbildern aussetzten, erlebten auch Läuterung. „Naturwissenschaftlich hat sich dieser Effekt allerdings noch nicht nachweisen lassen“, betont Reimann, der in Potsdam mit seinem Team Menschen in Extremsituationen betreut und unter anderem Bankmitarbeiter zum Verhalten bei Überfällen berät.

Tiefe Neugier

Der Psychologe hält es für wahrscheinlich, dass jedes Bild, das von der Norm abweicht, automatisch Interesse erzeugt. „Das ist tiefe Neugier“, sagt er. „Und es bringt Erleichterung, wenn man zugucken darf, aber selbst nicht betroffen und vor allem nicht das Opfer ist.“

Angst und Lust

„Angstlust“ nennt das Lothar Hellfritsch, ehemaliger Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologen. „Da kommen zwei Emotionen zusammen: Anspannung und Entspannung.“ Die Zentren für Angst und Lust lägen im Gehirn nah beieinander, die Wechselwirkung spiegele sich beim Gruseln messbar auch im Spiel der Hormone: Adrenalin sorge dabei für den Schauer, Endorphine für ein Glücksgefühl.

Das Ausloten der Toleranzgrenze bei Angstlust ist aber nicht immer einfach. Psychologe Reimann berichtet von Experimenten mit Ratten, die sich selbst Stromstöße versetzen durften. „Das war für einige Tiere so lustvoll, dass sie die Schwelle überschritten haben - und für ihre Lust den Tod in Kauf genommen haben.“ Beim Menschen gelte dieses Prinzip zum Beispiel bei Extremsportarten.

Gruppendynamik

Zum Gruseln im Kino gehört auch eine Gruppendynamik. „Zu Hause allein würden sich viele Leute Horrorfilme wahrscheinlich nicht angucken. Die Gruppe aber reduziert die Belastung. Man fühlt sich aufgehoben, das gibt den meisten Menschen Sicherheit“, sagt Reimann. Neu ist die Lust am Gruseln nicht: „Früher gab es öffentliche Hinrichtungen oder Folter. Das waren Massenveranstaltungen, auch noch in unserer christlich geprägten Religion.“

Von Ulrike von Leszczynski