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Politik 30 Jahre Mauerfall – Die Revolution begann in Plauen
Nachrichten Politik 30 Jahre Mauerfall – Die Revolution begann in Plauen
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11:23 17.10.2019
Im Oktober 1989 gingen Tausende in Plauen mit Transparenten auf die Straße und forderten politische Veränderungen in der DDR. Quelle: picture alliance / ZB

Es war wie die Implosion eines Röhrenfernsehers, sagt Peter Luban. Ganz plötzlich knallt es, kommt es zum Druckausgleich. So sei es in Plauen gewesen, am 7. Oktober 1989, dem letzten Republikgeburtstag der DDR. Demonstrationen gab es an diesem Tag auch in Ost-Berlin, in Leipzig und in anderen Städten.

Aber die erste Großkundgebung, der erste Moment, als das Volk gegen die Regierung rebellierte, fand außerhalb der Wahrnehmung westlicher Kameras statt, am äußersten Rand der sozialistischen Welt, in Plauen im sächsischen Vogtland. Von den damals 80.000 Einwohnern der Textilstadt („Plauener Spitze“) ging an diesem regnerischen 7. Oktober ein Viertel auf die Straße. Bis zu 20.000 Menschen trotzten ihrer Angst und der Volkspolizei.

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Der Künstler und Zeitzeuge Peter Luban hat das Plauener Wendedenkmal geschaffen. Er nennt den Herbst 1989 die Zeit, „in der wir alle in einem Boot saßen“, in dem man sich verbrüderte, um die Angst zu besiegen. Eine Angst, die durch die Staatsmacht noch angeheizt wurde. Als sich die Massen am Nachmittag durch die Stadt zogen, kreiste ein Hubschrauber nervtötend laut knapp über den Dächern der Stadt. Die Volkspolizei hatte zwei Löschzüge der Feuerwehr als Wasserwerfer beschlagnahmt, die direkt in die Menge fuhren. Die Stimmung kippte. Steine und Flaschen flogen, auch ein Blumenkübel wurde in Richtung Löschzug geschleudert. Es fehlte nicht viel, und die friedliche Revolution hätte mit einer Eskalation der Gewalt begonnen. Plauens evangelischer Superintendent Thomas Küttler erreichte im Gespräch mit dem Oberbürgermeister, dass Hubschrauber und improvisierte Wasserwerfer zurückgezogen wurden. Küttler ließ die Glocken der Lutherkirche läuten und kündigte durch ein Megafon eine Versammlung in der Kirche an. Dort bildete sich am selben Abend die „Gruppe der 20“, die in den kommenden Wochen mit der Macht im Rathaus verhandelte. Bevor es ein Neues Forum gab, bevor sich irgendwo anders in der Republik Runde Tische bildeten, hatte die Revolution in Plauen schon ihren ersten Sieg errungen.

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„Man erkannte einander an weißen Wimpeln am Auto

Bis zum Vorabend der Volkskammerwahl am 18. März 1990 trafen sich die Plauener weiter jeden Samstag zur Demonstration. Die Angst, sagt Peter Luban, war mindestens bis zum Mauerfall noch dabei. Von Anfang an demonstrierten sie nicht nur für freie Wahlen, Reise- und Meinungsfreiheit, sondern auch schon für die Vereinigung beider deutscher Staaten. Das machte die Revolutionäre aus der Provinz aus Berliner und Leipziger Sicht suspekt. Aber aus Plauener Perspektive war es die einzig richtige Forderung: Die Stadt lag fast im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

Die westdeutschen Fernsehprogramme waren – anders als im Dresdner „Tal der Ahnungslosen“ – alle störungsfrei zu empfangen. Und die Amerikaner betrieben direkt an der Grenze hinter Plauen den Rias-Sender Hof, der mit deutschsprachigen Programm den Süden der DDR bespielte. Die Teilung war hier täglich spürbar – aber auch überwindbar. Plauener und ihre bayerischen Verwandten trafen sich oft in den nahe gelegenen tschechischen Kurorten, in Franzensbad (Frantiskovy Lázne) oder Karlsbad (Karlovy Vary). In der ersten Hälfte des Jahres 1989 hatten schon 2000 Plauener Ausreiseanträge gestellt, man erkannte einander an weißen Wimpeln am Auto.

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Der Druck baute sich immer weiter auf. Als in den Tagen unmittelbar vor dem 7. Oktober die Sonderzüge mit den Ausreisenden aus der Prager Botschaft über den Plauener Bahnhof geleitet wurden, war das der allerletzte Auslöser.

Plauen war die erste Stadt, „in der der Wille zur Revolution und zur deutschen Einheit schon am 7. Oktober massenhaft auf der Straße bekundet wurde“, schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem neuen Buch „Die Übernahme“. „Hätte irgendein verantwortlicher Politiker in Ost oder West im Oktober auf Plauen geschaut und die Stadt als Abbild der DDR wahrgenommen, wäre er der Visionär gewesen, der gewusst hätte, wohin und wie schnell die Reise gehen würde. Plauen aber kam auf der politischen Landkarte nicht vor.“

Das Denkmal zur friedlichen Revolution 1989 im Zentrum von Plauen. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/

Doch warum begann die Revolution ausgerechnet hier? Den letzten Anstoß lieferten ein Mann und seine Schreibmaschine. Jörg Schneider hackte einen Aufruf in die Tasten seiner Robotron-Schreibmaschine, mit Durchschlagpapier kam er auf 180 Exemplare. Eine „Initiative zur demokratischen Umgestaltung der Gesellschaft“ rief darin zu einer „Protestdemonstration“ auf. Niemand hatte je von dieser Gruppe gehört. Doch das Gerücht machte die Runde in der Stadt, dass am Republikgeburtstag etwas passieren würde.

„Die Erinnerung an die Revolution gehört ganz bestimmt nicht der AfD

Steffen Kollwitz bekam am 5. Oktober eines der Flugblätter in die Hand, im Anschluss an eine Friedensandacht in der Markuskirche. Kollwitz, heute Goldschmiedemeister und aktiv bei den Grünen, hatte bereits im Mai 1989 das erste Mal gegen den SED-Staat aufbegehrt. In der Nacht vor der Kommunalwahl am 7. Mai sprühte er Parolen in der Stadt. „7. Mai – nein“ stand an den Wänden und wurde hektisch übermalt.

Dieses Jahr am 7. Oktober hat Kollwitz unter anderem mit der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Altbundespräsident Joachim Gauck bei einer Gedenkveranstaltung in der Lutherkirche gesprochen. Die Fragen, die dort verhandelt wurden, lauteten: Wem gehört denn nun dieser historische Moment in Plauen? Wer hat am meisten dazu beigetragen? Waren es Bürgerrechtler wie Kollwitz? Waren es Plauener Bürger wie Frank Heidan, der zur „Gruppe der 20“ gehörte und gerade nach 15 Jahren das Landtagsdirektmandat für die CDU verlor? Oder hat auch die AfD ein Anrecht auf die Revolution, nachdem jetzt der Plauener Optiker Frank Schaufel mit 80 Stimmen Vorsprung gegen Heidan gewonnen hat und als direkt gewählter Abgeordneter in den Landtag einzieht? Alle berufen sich auf 1989, alle haben ihre Erinnerungen an den 7. Oktober. „Das ist das Datum der Plauener, das darf niemand vereinnahmen oder verklären“, sagt Kollwitz.

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Und Frank Heidan, der so knapp an seinem AfD-Konkurrenten scheiterte, ergänzt: „Die Erinnerung an die Revolution gehört ganz bestimmt nicht der AfD. Sie gehört überhaupt keiner Partei. Sie gehört den friedlichen Menschen, die damals alle auf die Straße gegangen sind. Unsere Forderungen waren: Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Pressefreiheit – und die Zulassung des Neuen Forums.“ Heidan hat den geschassten Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen im Wahlkampf eingeladen und wurde dafür innerparteilich scharf kritisiert. „Das fällt für mich aber unter Meinungsfreiheit“, kontert er. Und dass seine politische Karriere nun vorbei ist, „das sind eben freie Wahlen. Dafür bin ich am 7. Oktober und all die Wochen danach auf die Straße gegangen. Nun trifft’s eben auch mich.“

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