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Nachrichten Politik So prekär sind die Bedingungen in der Gastronomie
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08:22 28.06.2019
Die NGG will mit der Kampagne „fairdient“ auf prekäre Arbeitsbedingungen in der Gastro-Branche aufmerksam machen. V.l.n.r.: Guido Zeitler von der NGG, Magdalena K. und Oliver R. Quelle: ngg
Berlin

Vor der Gründung des Betriebsrats schlief Ruth K. manchmal auf einer Matratze in der Gäste-Dusche. „Meine Schicht ging bis 24 Uhr und um 8 Uhr ging es direkt weiter“, sagt die Hostel-Angestellte. „Wäre ich noch den langen Weg nach Hause gefahren, hätte ich kaum Schlaf bekommen“. Auch Arbeitsanrufe in ihrer Freizeit sowie Doppelschichten seien normal gewesen. „Die Chefin argumentierte dann, dass wir doch als Team solidarisch sein müssen“, erinnert sich die Berlinerin.

Die Verteilung sowie die Einhaltung von Arbeitszeiten sind zwar nicht nur in der Gastronomiebranche ein großes Thema, trotzdem ist die Lage hier besonders brisant. Das zumindest sagt Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und bezieht sich dabei auf den „Überstunden-Monitor“, den das Pestel-Institut im NGG-Auftrag am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. Glaubt man diesem Bericht, haben Beschäftigte aller Branchen in Deutschland im vergangenen Jahr knapp 2,15 Milliarden Arbeitsstunden zusätzlich geleistet. Mehr als eine Milliarde der Stunden waren dabei unbezahlt.

18-Stunden-Schichten, Putzdienste und keine Pausen. Gastronomie-Angestellte erzählen, wie extrem ihre Jobbedingungen manchmal sind. Und wie sie ihre persönliche Situation verbessert haben.

„Damit sparen Arbeitgeber in Deutschland im Jahr 25 Milliarden Euro. Beziehungsweise wird ihnen dieses Geld von ihren Angestellten geschenkt“, sagt Institutsleiter Matthias Günther. Dass dabei mehr als 12 Millionen unvergütete Überstunden auf das Hotel- und Gaststättengewerbe entfallen, das somit auf Platz 14 im Branchenvergleich steht, hält er für kritisch. Bei zusätzlich geleisteten Arbeitsstunden handle es sich eigentlich um ein Phänomen, dass mit steigender Qualifikation – und so auch steigender Vergütung – einhergehe.

Arbeitnehmer verschenken 25 Milliarden Euro im Jahr

In der Gastronomie sei der Anteil der Mindestlohn-Beschäftigten aber besonders hoch. Mehr als 50 Prozent verdienen laut dem Pestel-Institut in Vollzeit weniger als 2000 Euro brutto. Prekärer sehe die Lage nur bei den Reinigungsberufen aus. „Damit muss man sich übrigens auch nach 45 Jahren Einzahlung in die Rentenkasse auf Grundsicherung einstellen“, sagt Günther. Bedenklich sei auch die oft fehlende Tarifbindung der Branche, bei der außerdem mit 35 Prozent in den alten und 15 Prozent in den neuen Bundesländern ein starkes Ost-West-Gefälle bestehe.

Massive Kritik übt die NGG an den Forderungen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Dieser erklärt sich auf seinem Internetauftritt zwar ausdrücklich nicht für eine Verlängerung der Gesamtarbeitszeit, dafür aber für eine flexible Verteilung innerhalb der Woche mit Höchstarbeitszeiten von bis zu 12 Stunden. „Die Leute arbeiten an Feiertagen, früh am Morgen und Nachts. Die sind flexibel genug“, sagt Guido Zeitler. Der Vorschlag der Dehoga sei ein Versuch, Überschreitungen der Arbeitszeit zu „entkriminalisieren“. Der Gaststättenverband wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Das Schreckensszenario der NGG geht an der Realität vorbei“, heißt es von einer Sprecherin. Die Wochenarbeitszeitregelung entspreche dem Wunsch vieler Mitarbeiter, die so mehr freie Tage hätten. „Es geht uns um die Anpassung des Arbeitszeitgesetzes an die Lebenswirklichkeit“. Gerade im Veranstaltungs- und Saisongeschäft lasse sich nicht minutengenau planen.

Arbeitszeitgesetz wird permanent gebrochen“

Letztendlich liege es auch an den Arbeitnehmern, sich für ihre Rechte einzusetzen, sagt Guido Zeitler, der am Donnerstag die NGG-Kampagne „fairdient“ in Berlin gestartet hat. Die Social-Media und Plakataktion soll auf das Problem aufmerksam machen und Betroffene zum Handeln und auch zum Widerspruch bewegen. So werde das Arbeitszeitgesetz zwar in vielen Betrieben permanent gebrochen, festgestellt werde das aber nur selten. „Bei den geltenden Kontrollintervallen wird man als Gastronom in Deutschland statistisch alle 230 Jahre mal geprüft“, sagt Matthias Günther mit Bezug auf eine Anfrage der Linkspartei.

Im Hostel von Ruth K. gibt es inzwischen keine Doppelschichten mehr, auch in der Dusche muss sie nicht mehr schlafen. Erkämpft hat das die Belegschaft selbst mit der Gründung eines Betriebsrats.

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Von Hanna Gerwig/RND

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