Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Politik Auch Lehrer müssen noch was lernen!
Nachrichten Politik Auch Lehrer müssen noch was lernen!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:40 29.01.2017
Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

Endlich bewegt sich etwas: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) will das deutsche Schulsystem bis 2021 fit für die digitale Welt machen. 5 Milliarden Euro sollen dafür bereitgestellt werden. Auch die Kultusminister haben ein Strategiepapier zur digitalen Bildung verabschiedet. Und mittlerweile sitzen alle Verantwortlichen zusammen, um über einen gemeinsamen Weg zu beraten. Rein rechnerisch könnte es also tatsächlich passieren, dass meine Enkelkinder eine Schulausbildung genießen werden, die sie ausreichend auf das Arbeitsleben vorbereitet.

Meinen Söhnen selbst wurde dieses Glück in ihren zehn bis 13 Jahren Schulzeit an staatlichen Berliner Schulen nicht zuteil. Die eklatant klaffende Lücke zwischen der Ausbildung von Kindern und dem Berufsrealismus mag in Berlin besonders auffällig sein. Geschlossen wird sie jedoch auch bundesweit nur punktuell von einzelnen Lehrerinnen und Lehrern, die sich privat fortbilden. Diese tauschen sich über soziale Netzwerke aus und halten sich mit selbst organisierten Treffen, eigenen Videokonferenzen oder Audio-Podcasts auf dem Laufenden. Ganzheitliche und verbindliche Lösungen durch den Bund oder die Länder, Konzepte, Pläne und dafür ausgewiesene Gelder gab es bisher nicht.

Wie bereiten wir die Jugend auf das digitale Zeitalter vor?

Bekannt ist dieses Manko schon lange, nun will der Bund immerhin mit einem ordentlich erscheinenden Batzen Geld reagieren. Wofür dieses Geld genau ausgegeben werden soll, scheint allerdings noch nicht klar zu sein. Denn obwohl sich alle darüber einig sind, dass wir die junge Generation nicht unvorbereitet in das digitale Zeitalter entlassen dürfen, besteht Uneinigkeit darüber, was das genau bedeutet.

Dies wiederum dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Stichwort „digitale Bildung” sehr unterschiedlich interpretiert wird – und dass all diese unterschiedlichen Definitionen stimmen. So vielschichtig, wie die digitale Sphäre zwischen reiner Internetnutzung am Computer oder Smartphone, der Robotik und dem „Internet der Dinge”, also miteinander vernetzen Alltagsgegenständen ist, so umfangreich sind eben auch die nötigen Schritte, die für eine gute Ausbildung der jungen Generationen sorgen sollen.

Geradezu fatal wäre es nun, würde sich ein Gigant aus der Telekommunikationsbranche das größte Stück des Milliarden-Kuchens einverleiben, um in den kommenden Jahren Straßen und Schulwände aufzureißen, kilometerweise Kabel zu verlegen und jedem Schüler und jeder Schülerin einen in drei Jahren schon wieder veralteten PC auf den Tisch zu stellen.

Schüler sind Schulen technologisch weit voraus

Selbstverständlich brauchen Schulen – genauso wie Unternehmen, Behörden und Privathaushalte – eine moderne Infrastruktur mit schnellen Netzzugängen. Dass diese aber nicht nur in ländlichen Gebieten immer noch nicht vorhanden ist, darf nicht auf Kosten des neuen Digitalbildungsetats gehen, sondern ist generelle Bund- und Länderaufgabe. Und so wichtig, wie eine Grundausstattung in Sachen Hardware für die Schulen auch ist, so falsch wäre es, den Großteil der 5 Milliarden für Geräte auszugeben. Es wäre nichts damit erreicht.

Denn zum einen ist die Technologie, die Schülerinnen und Schüler privat nutzen, fast immer aktueller als die, die zwei Jahre nach der Bestellung in den Schulen ankommt. Eine Strategie zur Nutzung, vielleicht auch finanziellen Förderung der eigenen Geräte der Familien an Schulen wäre also unter Umständen der finanziell günstigere und sinnvollere Weg. Zum Anderen werden die modernsten Tablets und Whiteboards im Schulkeller verstauben, wenn niemand sie bedienen oder auch mal mit einem Update versehen kann.

Johnny Haeusler

Der Musiker, Blogger und Radiojournalist Johnny Haeusler (52) hat mit seiner Frau Tanja den Ratgeber „Netzgemüse – Aufzucht und Pflege der Generation Internet“ geschrieben.

Johnny Haeusler Quelle: Daniel Seiffert

Der Großteil des versprochenen 5-Milliarden-Topfes muss daher für das ausgegeben werden, was nachhaltiger, zukunftsfördernder und somit viel wichtiger ist: Wissen und Personal.

Einsatz von Whiteboard hat ohne Methodik keinen Sinn

Eine gute Lehrkraft kann auch auf einem Blatt Papier oder an einer herkömmlichen Tafel erklären, wie das Internet aufgebaut ist und funktioniert. Vorausgesetzt, er oder sie weiß es überhaupt. Die notwendige ethische Debatte darüber, wie wir miteinander sowohl offline als online umgehen, braucht nicht hinter Bildschirmen geführt zu werden – doch Pädagoginnen und Pädagogen müssen die digitalen Ebenen des gesellschaftlichen Miteinanders kennen. Und die Sorgen vieler Eltern, ihre Kinder würden durch digitalen Unterricht den Bezug zur physischen Welt verlieren, können nur durch ganzheitliche Konzepte beruhigt werden, die digitale Technologien und Möglichkeiten in jedes Schulfach einfließen lassen. Ergänzung und Erweiterung der Lehrpläne sind hier die Stichworte.

Es darf nicht darum gehen, Handwerkszeug oder Lehrmittel einfach auszutauschen. Das Whiteboard statt Kreidetafel wird ohne neue Methodik niemanden auf die digitale Welt vorbereiten. Nur wenn das Digitale an den Schulen genauso gesehen, behandelt und gelehrt wird, wie es auch im Leben außerhalb der Bildungsstätten existiert – nämlich in wirklich allen Lebens- und Lehrbereichen. Nur dann hat Schule eine Chance, die gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft mitzugestalten und für eine aufgeklärte und gut ausgebildete künftige Generationen zu sorgen. Auch wer die digitale Welt lehren will, indem er einfach alle Jugendlichen dazu verdonnert, programmieren zu können, hat das große Ganze aus den Augen verloren. Code ist eine Sprache, und ihren Aufbau und ihre Semantik zu kennen ist wichtig, aber eben nur ein Teil der Sache. Mindestens ebenso wichtig scheint mir bei diesem Beispiel zu sein, Wirkung und Folgen dieser Sprache zu kennen und künftig Programmierende auf die immense Verantwortung vorzubereiten, die sie zu tragen haben.

Diese Leistung und viele mehr kann eine Schule übrigens sogar ohne den neuesten Laptop erbringen, aber nicht ohne das dazu ausgebildete Personal mit entsprechender Expertise. Um unsere Kinder auf das Digitale vorzubereiten, brauchen wir zuallererst Lehrkräfte und Pädagogen, die das auch können – und wollen. In ihre Aus- und Fortbildung sollte dringend investiert werden.

Von Johnny Haeusler