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09:01 31.03.2018
Eine lehrreiche Kombination? Quelle: dpa
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Belrin


Vor 1500 Jahren brannte die Kaiserliche
Bibliothek von Konstantinopel nieder. Bis heute gehen die Meinungen über die Ursache des Brandes auseinander, die einen sagen, der Feind habe sie während der Schlacht angezündet, die anderen meinen, die Bibliothekare hätten mit Kerzen gespielt. Ich glaube, der byzantinische Kaiser selbst zündete seine Bibliothek an.

Jahrelang sammelte er das Wissen aus aller Welt, er gab sein ganzes Geld für Papyrusrollen aus Indien, Afrika, Persien und Griechenland aus, der Kaiser wollte der klügste Mann auf Erden werden. Er las Tag und Nacht, doch je mehr er las, umso dämlicher kam er sich vor. Manche Bücher verstand er nicht, viele waren in Sprachen verfasst, die er nicht kannte, ein menschliches Leben würde nicht reichen, um so viele Schriftzeichen zu bewältigen.

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In seiner Verzweiflung griff der Kaiser zu einem magischen Ritual: Er goss Wein auf die Papyrusrollen, bis sich die Tinte auflöste, und trank die Bücher quasi aus. Mit jedem Glas fühlte er sich klüger als je zuvor. Doch die Magie hielt nicht lange. Am nächsten Tag verflüchtigte sich das neue Wissen mit dem Alkohol, der Kopf fühlte sich hohl an. Im Zorn verbrannte der Kaiser seine Bibliothek – wenn ich das Wissen nicht haben kann, soll es auch kein anderer besitzen.

Heute ist mir klar, was der Fehler des Kaisers war. Man kann unmöglich fremdes Wissen mit x-beliebigem Alkohol mischen. Ich würde dem jungen Leser zu den russischen Romanen einen guten Wodka empfehlen, die fernöstlichen Schriftzeichen gehen sehr gut in Sake auf, und die deutsche Poesie ist nur mit einem großen kühlen Bier zu verstehen.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller in Berlin.

Von Wladimir Kaminer