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Nachrichten Politik Fridays for Future: Darum ebben die Demonstrationen nicht ab
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08:43 16.06.2019
Unsere Zukunft in Euren Händen: Schüler und Studenten demonstrieren für einen radikalen Wandel der Klimapolitik – und immer mehr Erwachsene schließen sich ihnen an. Quelle: Imago
Hannover

Fast auf den Tag genau zehn Monate ist es her, dass sich die schwedische Schülerin Greta Thunberg mit einem selbst geschriebenen Schild vor das Parlament in Stockholm setzte. Unter der im vergangenen Sommer auch im hohen Norden nahezu dauerhaft scheinenenden Sonne trat die damals 15-Jährige vom 20. August 2018 an in den Schulstreik – zunächst drei Wochen lang jeden Tag.

Danach wurde aus Thunbergs „Skolstrejk för klimatet“ eine Freitagsdemonstration. Mittlerweile ist aus der Einzelaktion eine internationale Jugendbewegung entstanden – Rekordtag der Fridays for Future war der 15. März, als geschätzte 1,8 Millionen Menschen weltweit auf den Beinen waren, um die Politiker in der Klimapolitik zum Umdenken zu bewegen. Doch wie lange werden diese Demonstrationen noch andauern?

Die große Kunst für eine solche Bewegung ist, das haben Proteste der Vergangenheit immer wieder gezeigt, die Spannung zu halten. Ein-, zwei-, dreimal zu Demonstrationen zu gehen, dafür reichen die Euphorie oder der Zorn oftmals noch aus. Aber irgendwann lässt die Protestlust nach.

Mehr zum Thema:
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Die Jungen sind nicht allein

Um über die Sommerferien hinaus im Gedächtnis der Jugend wie auch der Erwachsenen zu bleiben, haben sich Klimaaktivisten wie Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Alexandria Villaseñor einen weiteren Schritt überlegt: Sie rufen für den 20. September zu einem weltweiten, eintägigen Streik auch der Erwachsenen auf. „Wir bitten Sie, sich uns anzuschließen“, heißt es in dem Appell.

„Es gibt in verschiedenen Teilen der Welt viele verschiedene Pläne für Erwachsene, sich zusammenzuschließen, Farbe zu bekennen und sich für unser Klima aus der Komfortzone herauszuwagen.“ Man solle mit seinen Nachbarn, Kollegen, Freunden auf die Straße gehen, um die Kinder und Jugendlichen zu unterstützen, schreiben die Aktivistinnen und Aktivisten.

Fridays for Future“:
Eltern fordern von Lehrern Unterstützung

So weit, so gut. Aufrufe sind nichts Besonderes, Appelle gehören zu Protesten wie der Sand zum Strand oder die Führungskrise zu den Sozialdemokraten. Doch das Besondere an den Fridays for Future ist: Die Jungen sind nicht allein, sie erfahren schon jetzt jede Menge Unterstützung und Rückenwind von Erwachsenen.

Wir streiken bis Ihr handelt: Schülerinnen und Schüler demonstrieren am 24. Mai 2019 in Münster während des Fridays for Future – Klimastreiks für die Umsetzung der Pariser Weltklimaabkommens. Quelle: Guido Kirchner/dpa

Eine Stellungnahme der neu gegründeten Scientists for Future unterschrieben Mitte März 23.000 Wissenschaftler. 23.000! Darin fordern die Experten die Bundesregierung auf, die Anstrengungen für den Klimaschutz zu intensivieren und die Forderungen der Schüler ernst zu nehmen.

Man kann also den Bundespolitikern sagen: Es sind nicht mehr „nur“ Schüler an Bord – die Profis sind mit im Boot. Doch die Wissenschaftler sind nicht die einzigen Erwachsenen, die der Jugend zur Seite stehen. Es gibt mittlerweile Künstler, Eltern, Großeltern und weitere Gruppen – alle „for Future“.

Auch der Aufruf zum Klimastreik am 20. September findet quer durch die Gesellschaft Widerhall. Bekannte Intellektuelle, Wissenschaftler und Schriftsteller wie Margaret Atwood, Naomi Klein, Nancy Fraser, Noam Chomsky und Bruno Latour schreiben, sie werden am 20. September ihre „Arbeitsplätze und Wohnungen verlassen, um einen Tag lang Maßnahmen gegen den Klimawandel zu fordern, die große existenzielle Bedrohung der gesamten Menschheit“.

Sie reden nicht nur, ihnen wird auch zugehört

Ob dieser Aufruf reicht, um wirklich Breitenwirkung zu erzielen, muss sich zeigen. Doch Jugendliche haben plötzlich das Gefühl, sie protestieren nicht bloß, sie reden nicht nur, ihnen wird auch zugehört. Welche Jugendbewegung kann das schon von sich behaupten?

Politisches Interesse und Engagement habe es bei einer Minderheit der Jugendlichen immer schon gegeben, sagte kürzlich der Gründer des Archivs für Jugendkulturen, Klaus Farin. Und: „Einige erinnern sich an die großen Demonstrationen im ersten Golfkrieg und die Schülerdemonstrationen. Der Unterschied ist: Es hat die Erwachsenenwelt überhaupt nicht interessiert.“

Mittlerweile hat es die angeblich so unpolitische Generation der mit dem Smartphone in der Hand und dem WLAN in der Muttermilch Aufgewachsenen geschafft, das Thema Klimaschutz so ins Zen­trum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu rücken, dass es die Europawahl mitentschieden hat. Gemeinsam mit dem „CDU-Zerstörungs“-Video des Youtubers Rezo.

Dass die Jugend sich unverstanden fühlt, dass sie gegen die Älteren, gegen bestehende Verhältnisse opponiert, ist ein uraltes Phänomen. Und dass die Erwachsenen zurückschlagen, mal milde oder müde lächelnd, mal mit Gewalt und Strafe, lässt sich genauso durch die gesamte Zivilisationsgeschichte hindurch beobachten.

„Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Dieser Satz stammt nicht aus der CDU-Parteizentrale, richtet sich nicht gegen den blauhaarigen Rezo. Geschrieben hat ihn vor fast 2500 Jahren der griechische Philosoph Aristoteles.

Das Verhältnis zwischen Jugend und Erwachsenen ist momentan besonders komplex. Jung und Alt sind gleichzeitig einander so nah und so fern wie selten zuvor. Auf der einen Seite nähern sich Kinder und ihre Eltern immer weiter an. Mütter und Töchter gehen gemeinsam tanzen, Väter tragen die gleichen Chucks und die gleichen Hoodies wie ihre Söhne. Manchmal sogar dieselben.

Die Jugend lebt wahrhaftig in einer anderen, in einer digitalen Welt

Auf der anderen Seite lebt vor allem die Generation Z – also die erste Generation, die mit Smartphones und der digitalen Welt von klein auf gelebt hat – in einer den Älteren nur sehr schwer verständlichen Welt. Selbst wenn natürlich auch die meisten Älteren mittlerweile wissen, was ein Tweet und was ein Meme ist.

Doch wie groß der Graben zwischen Jung und auch nur Mittelalt mittlerweile ist, wie disruptiv das Verhältnis zwischen den Digital Natives und den Jahrgängen, die Festnetztelefone noch mit D-Mark bezahlt haben, hat das Rezo-Video gezeigt. Man muss da gar nicht die immer noch unfassbare Reaktion der CDU bemühen, die als Antwort auf Rezos 55-minütiges Video mit seinen Anti-CDU-Thesen ein elfseitiges PDF ins Netz stellte.

Die Jugend lebt wahrhaftig in einer anderen, in einer digitalen Welt. Sie informiert sich anders, sie politisiert sich anders, sie kommuniziert anders, sie liebt und lebt anders. Nicht besser, nicht schlechter als die Älteren. Nur anders.

Alle Generationen kommen auf einen Nenner

Zu akzeptieren, dass das Starren auf das Smartphone nicht automatisch bedeutet, dass der Sohnemann oder die Tochter das Leben verdaddelt, sondern Texte liest, Netzwerke knüpft, sich bildet, fällt vielen Eltern heute so schwer, wie es Aristoteles fiel, das Anderssein der jungen Menschen seiner Zeit zu verstehen.

Doch bei den Klimaprotesten kommen momentan doch wieder alle Generationen auf einen Nenner – weil alle auf demselben Planeten leben. Kinder und Jugendliche, aber eben auch Erwachsene ziehen ihre eigenen Schlüsse aus der drohenden Klimakatastrophe. Immer häufiger berichten langjährige überzeugte Grillfans, dass sie jetzt vegetarisch leben. Autofahrer kaufen sich Fahrräder. Manche verzichten sogar auf eine Flugreise in die Karibik und fahren stattdessen mit der Bahn in den Urlaub nach Dänemark.

Das klingt klug und vernünftig, und vielleicht hält das ja sogar selbst dann noch an, wenn das Thema Klimawandel mal wieder einem anderen ebenfalls wichtigen Thema weichen muss. Doch zur Wahrheit gehört auch die Erkenntnis, dass ein solcher Wandel der Lebensweise nicht ausreichen wird, die Welt mal eben zu retten.

Zwei in Müll umhüllte Demonstranten machen ein Selfie bei dem Protest Fridays for Future. In mehr als 120 Ländern wird mittlerweile für mehr Klimaschutz demonstriert. Quelle: Matthias Oesterle/ZUMA Wire/dpa

Der Appell zur Selbstbeschränkung springe viel zu kurz angesichts der Größe der ökologischen Herausforderung, meint dann auch der Ex-Grünen-Politiker und Gründer des Thinktanks Zen­trum liberale Moderne, Ralf Fücks. „Eine CO2-Reduktion um 90 Prozent und mehr ist durch Verhaltensänderungen nicht zu erreichen.“

Was also muss jetzt geschehen? Wie können Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit miteinander vereinbart werden? Kann bei einer steigenden Weltbevölkerung wirklich auf Wachstum verzichtet werden? Wie könnte eine radikale Erneuerung der Produktionsweisen aussehen? Keiner weiß, wie viel Zeit für Entscheidungen, für neue Ideen und Technologien noch bleibt.

Ein Weiter-so wäre die schlechteste aller Entscheidungen

Greta Thunberg wiederholt gebetsmühlenartig die Erkenntnisse von Wissenschaftlern, wonach um das Jahr 2030, also in rund elf Jahren, „wir eine irreversible Kettenreaktion jenseits menschlicher Kontrolle ausgelöst haben, die höchstwahrscheinlich zum Ende unserer Zivilisation, wie wir sie kennen, führen wird“ – so sagte sie es am 23. April im britischen Parlament.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht hat die Menschheit auch noch mehr Zeit. Doch unbestritten ist zumindest bei einem Großteil der Gesellschaft die Einsicht, dass ein Weiter-so die schlechteste aller Entscheidungen wäre.

Eine Generation, die den Satz „Nach uns die Sintflut“ nicht mehr als Metapher, sondern als ernsthafte Befürchtung ausspricht, wird jedenfalls – so scheint es zumindest heute – nicht so leicht ruhen. Weder auf der Straße noch auf Youtube.

Von Kristian Teetz

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