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07:00 30.12.2017
Roter Stern unter Dampf: Der sowjetische Beschwerdezug fuhr jahrelang durchs Land. Quelle: dpa
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Berlin

Je länger Deutschland ohne Regierung ist, umso dringender stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine Regierung braucht. Der Begriff „Staat“ kommt von lateinisch „status“ und deutet auf eine Vereinbarung, die stabil hält. Deutschland hält. Die Züge fahren, öffentlich-rechtliches Fernsehen verschickt Mahnungen an die Fernsehverweigerer, Polizei führt Razzien durch. Den Satz von Frau Merkel, die ganze Welt warte darauf, dass „Deutschland wieder regierungsfähig ist“, halte ich für überholt. Die Welt hat sicher Besseres zu tun.

Es etablieren sich ja ständig neue Führungskonzepte. Amerika wird via Twitter regiert, China durch eine „Kommunistische Partei“, die nichts mit Kommunismus am Hut hat. In meiner Heimat wurde seinerzeit gleich nach der Revolution vom Zug aus regiert. Die neue sowjetische Führung schickte ein Dutzend Züge in alle Richtungen, um das Volk über ihre Politik aufzuklären. Einer hatte neben dem Agitationsbüro eine Bibliothek, ein Kino, einen Ausstellungsraum und eine eigene Zeitung mit extra großen Buchstaben und vielen Bildern, damit auch die Analphabeten etwas davon haben. Besonders gut kam beim Volk der Beschwerdezug an, dort konnten die Bürger gleich beim Schaffner ihre Klagen und ihre Wünsche bezüglich der Zukunftsgestaltung abgeben.

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Später wurde es eng mit der Kohle, die Zugfahrten mussten reduziert werden. Am längsten schaffte es der Beschwerdezug, er fuhr noch Jahre durch die Gegend und sammelte fleißig weiter. Ob der Lokführer jemals die Beschwerden weiterreichte oder sie bloß zur Dampfproduktion verwendete, ist nicht geklärt.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller in Berlin.

Von Wladimir Kaminer

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