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Politik „Abwanderung ist ein weltweites Problem“
Nachrichten Politik „Abwanderung ist ein weltweites Problem“
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07:25 10.07.2019
Die Folgen von Abwanderung und Kindermangel sind auch Jahre nach der Wiedervereinigung nicht zu übersehen: Der Osten Deutschlands hat 2,3 Millionen Menschen verloren. Quelle: Jens Büttner / dpa
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Finsterwalde

Stephanie Auras-Lehmann wurde 1982 in Finsterwalde (Brandenburg) geboren, machte dort Abitur und lernte Reiseverkehrskauffrau. Nach Stationen in Berlin, Leipzig, Weilburg (Hessen) und New York kehrte sie nach Finsterwalde zurück und hilft heute anderen, es ihr gleich zu tun.

Frau Auras-Lehmann, Ostdeutschland hat in den letzten Jahrzehnten massiv Einwohner verloren. Merken Sie das auch in Finsterwalde?

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Ja. Sehr viele junge Leute gehen nach der Schule erstmal weg, um anderswo ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen. Das ist aber auch ganz normal. Außerdem gibt es viele Gewerbetreibende, die Nachfolger für ihre Betriebe suchen.

Sie selbst haben in Finsterwalde Ihre Ausbildung gemacht, sind dann aber in verschiedenen Teilen Deutschlands und sogar in New York unterwegs gewesen. Warum sind Sie zurückgekehrt?

Ich bin der Liebe wegen zurückgegangen. Denn mein Mann wollte gern hier bleiben. Sonst hätte ich das vielleicht nicht gemacht. Im Nachhinein bin ich absolut glücklich und zufrieden. Wir haben mittlerweile zwei Kinder. Wir haben Jobs und meine Eltern in der Nähe. Und schließlich ziehen wir bald in ein frisch saniertes Haus. Daran wird gerade noch gearbeitet.

Nach Ihrer Rückkehr haben Sie eine Rückkehrer-Initiative gegründet. Was genau machen Sie da?

Meine zwei Kolleginnen und ich arbeiten für die Willkommensagentur „Comeback Elbe-Elster“, die vom Verein „Generationen gehen gemeinsam“ getragen wird. Interessenten können direkt zu uns kommen. Sie können uns aber auch online kontaktieren. Wir geben Ihnen dann Tipps, wo es in der Nähe Jobs, Kitas oder Wohnungen gibt. 2012 hatten wir eine Anfrage im Quartal; jetzt haben wir zehn bis zwölf Anfragen im Monat. Das ist Wahnsinn. Außerdem haben sich viele Leute, die zu uns kommen, vorher schon informiert. Es ist alles viel konkreter als am Anfang. Und der Rückkehr-Trend wird immer intensiver. Wir sehen uns als Lotsen, die Interessenten vor allem die Bürokratie abnehmen wollen. Bei uns gilt der Grundsatz: Alles kann, nichts muss.

Merkt man den Effekt?

Ja. Die Kitas werden wieder voller. In manche Wunsch-Kitas kommen Kinder gar nicht mehr rein. Die Stadt stellt Bauland zur Verfügung. Es wird wieder Wohnraum geschaffen. Gleichzeitig siedeln sich Startups an. Es entstehen neue Arbeitsplätze. Alle merken: Wow, hier geht was.

Stephanie Auras-Lehmann Quelle: Markus Decker

Unterdessen sind Sie auch mit anderen Initiativen vernetzt.

Ja, in Brandenburg existiert jetzt ein Netzwerk namens „Ankommen in Brandenburg“ von über 13 Initiativen. Es wächst und wächst. Brandenburg war da absoluter Vorreiter – wobei das nicht zentral gesteuert wird, sondern vor Ort entsteht. Wir hier in Finsterwalde kooperieren neuerdings unter dem Dach der Robert-Bosch-Stiftung innerhalb des Neulandgewinner-Programms mit der Initiative „Heimvorteil HSK“ im Hochsauerlandkreis. Da geht es darum, heraus zu kriegen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es beim Weggehen und beim Zurückkehren in Ost und West gibt. Denn jeder dritte junge Sauerländer verlässt die Heimat für Studium oder Ausbildung. Das Projekt heißt „Hüben wie drüben“. „Heimvorteil HSK“ übergibt an Schulabsolventen zum Beispiel „Heimvorteil2Go Boxen“, die auf die Vorzüge der Region hinweisen und darüber informieren, welche Unternehmen es dort gibt.

Sie tauschen sich aus.

Ja, wir tauschen uns innerhalb Deutschlands aus über Ideen und versuchen, uns gegenseitig etwas abzugucken. Außerdem haben wir Anfragen etwa aus Italien oder Frankreich. Daran merken wir: Abwanderung ist nicht nur ein ostdeutsches oder ein deutsches, sondern ein weltweites Problem. Sich damit zu beschäftigen, macht trotz aller Schwierigkeiten unheimlich Spaß.

Es geht also bergauf?

Ich habe das Gefühl, dass wir dieser krassen Abwanderung der letzten Jahrzehnte etwas entgegen setzen können. Ja, es geht bergauf.

Von Markus Decker/RND