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Politik Selbst Nazi-Gegner hatten Angst vor der anrückenden Sowjetarmee
Nachrichten Politik Selbst Nazi-Gegner hatten Angst vor der anrückenden Sowjetarmee
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18:42 08.01.2020
Heute fühlt sich das Ende des Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges für viele Menschen als „Befreiung“ an. Demonstranten vor dem Sowjetische nEhrenmal an der Straße des 17. Juni in Berlin am 8. Mai 2015. Quelle: Maurizio Gambarini/dpa
Potsdam

Der von der ARD ausgestrahlte Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“ lenkt die Aufmerksamkeit auf die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges. Aus Furcht vor dem Einmarsch der Roten Armee sollen in der vorpommerschen Kleinstadt zwischen dem 30. April und dem 4. Mai 1945 fast 1000 Einwohner Selbstmord verübt haben. Ein Suizid-Drama in dieser Größenordnung hat es in Brandenburg offenbar nicht gegeben. Aber auch hier trugen sich viele Grausamkeiten zu und nicht alle Wunden sind spurlos verheilt.

Schnitt in der Pulsader

 Der Informatiker Burghard Zacharias aus dem idyllischen Havelland-Dorf Gülpe kann auf eine feine, lange Narbe am linken Handgelenk verweisen. Seine Mutter Luise hatte in den ersten Maitagen 1945 vergeblich versucht, ihrem vierjährigen Jungen die Pulsader aufzuschneiden. Nachzulesen in den Erinnerungen „Mitten am Rand“ und in der „Chronik der Gemeinde Gülpe“.

Seine Mutter versuchte ihn und die Familie, im Mai 1945 zu töten. Burghard Zacharias mit dem Buch von Luise Zacharias„Mitten am Rande“. Quelle: Norbert Stein

Wie erlebten die Brandenburger das Herannahen der „feindlichen Truppen“? Davon legte auch der Schriftsteller Hermann Kasack (1896-1966) in dem 1996 veröffentlichen Tagebuch „Dreizehn Wochen“ beredt Zeugnis ab. In den Hitler-Jahren hatte sich Kasack selbst als „Emigranten im Inneren“ bezeichnet. Der Autor des abstrakt-existenzialistischen Romans „Die Stadt hinter dem Strom“ war nachweislich kein Nazi. Um so bemerkenswerter ist es, dass Kasack das Kriegsende nicht als Befreiung erlebt hat. In seinen undatierten „Tage- und Nachtblättern“ schildert der Potsdamer, was für starke Ängste der Einmarsch der Sowjetarmee geweckt hat.

Auch Hitler-Gegner hatten Angst vor den Russen

Kasack erwog aus Angst vor den Russen, Gift zu schlucken und hatte deshalb bereits eine Verabredung mit einer Ärztin getroffen. Doch die Apotheke war bei einem Luftangriff zerstört worden. Der Autor und seine Frau lauschten „in geduckter Passivität“ auf den nahenden Geschützdonner. Nachts wagte sich niemand zu entkleiden. Sie rechneten wohl fest damit, deportiert zu werden. „Jeder trug doppelt und dreifach Wäsche am Leibe, und wir saßen in der Wohnung in Mänteln und mit umgehängten Taschen.“ Als sie dann kamen, frage ein Panzersoldat „Welche Stadt das?“ Die Kasacks mussten raus auf die Straße, dort kam es dann aber zu keiner Massenerschießung.

Recht der ersten Nacht

Minutiös schildert Kasack die 24-stündige Besetzung seines Hauses in Potsdam durch russische Soldaten. Der Anspruch des Kommissars auf eine Bewohnerin wird nicht wie eine Vergewaltigung geschildert, sondern wie ein umständlich ausgehandeltes Recht der ersten Nacht. Gefährlich wurde es, wenn die Russen alkoholisiert waren und mit vorgehaltener Pistole eine „Uhri, Uhri!“ verlangten. Einige „Mongolen“ hätten in ihrem Leben noch nie einen Spiegel gesehen und staunten nicht schlecht über ihre kindlichen Grimassen, so Kasack.

Anständige Russen

Wenn der Schriftsteller ins politische Moralisieren kommt (was nur selten geschieht), dann eigentlich nie gegenüber seinen kompromittierten Landsleuten, sondern im Hinblick auf die Russen. „Notierte ich schon, dass die Soldaten keines der Saatbeete zertraten, sorgfältig auf den Wegen blieben und auch den organischen Dünger abseits an den Mauern verteilten?“ Nur in den Wohnung („deutsche Kultura!“) hinterließen sie ein heilloses Durcheinander. Doch dafür ließen die Besatzer einen Rest Buchweizengrütze in der Terrine.

Vergewaltigungen in Potsdam

Die 2010 von Kurt Baller und Marlies Reinholz herausgebrachte Chronik „Potsdam im Zweiten Weltkrieg“ verzeichnet gleich mehrere Zeitzeugenberichte über die letzten Kriegstage. Am 20. April wurde die Jüdin Inge Deutschkron im Potsdamer Ravensberg versteckt und entging wenige Tage später nur knapp einer Vergewaltigung durch Sowjetsoldaten. Am 23. April nahmen die Einheiten der Roten Armee den Ortsteil Bergholz-Rehbrücke ein. Marianne Breuer notiert in ihrem Tagebuch: „Wir hören sie in der Diele und in der Küche rumoren. Sie kommen in den Keller und leuchten uns mit einer Taschenlampe in die Gesichter. ,Komm, komm, Frau!‘ es sind vier Mann. Alles geht schnell und unpersönlich, aber ich habe genug von dieser Art Liebe.“ Einen Tag später wird ein Mann in Bergholz-Rehbrücke erschossen, als er versucht, seine beiden Töchter vor Vergewaltigung zu schützen.

Der Präsident erschoss sich und seine Familie

25 000 Potsdamer verließen am 21. April die Teltower Vorstadt, als sich Soldaten der 1. Ukrainischen Front näherten. „Am 26. April erschießt der Präsident des Reichsrechnungshofs Heinrich Müller seine Frau Hedwig und die Kinder Dietlind (15), Hartfried (10) und Herwig (7) in seiner Dienstvilla Kappenbergstraße 4 (heute Puschkinallee)“, heißt es in der Dokumentation.

Büßen für die Untaten im Osten

„Viele nahmen sich das Leben aus Angst, dass sie büßen mussten für die Untaten von Deutschen, welche in Russland geschehen waren“, schrieb Lydia Weisflog 1993 sehr treffend in ihren Aufzeichnungen, die sie 1993 in der MAZ veröffentlicht hat. Als junge Mutter, die die russische Sprache beherrschte, wurde sie oft von beiden Seiten zu Hilfe gerufen.

Massaker in Treuenbrietzen

Einen Massensuizid wie in Demmin gab es in Brandenburg nicht. Aber allein für die Millionenstadt Berlin sind mehr als 7000 Selbstmorde nachgewiesen, wobei mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet werden muss. Ein Drama von ähnlicher Dimension wie in Demmin spielte sich in der 7000-Einwohner-Stadt Treuenbrietzen ab, wo am 23. April 1945 etwa 160 Zivilisten von Rotarmisten getötet worden sein sollen. Das Massaker wurde bis 1989 verschwiegen. Am gleichen Tag wurden 127 italienische Zwangsarbeiter in einer Kiesgrube nahe der Stadt erschossen. Beide Verbrechen wurden von Staatsanwälten und Historikern untersucht, ohne die Umstände eindeutig zu klären.

„Über Leben in Demmin“ läuft am 8. Januar um 22.45 Uhr im Ersten. Ab sofort ist der 89-minütige Film außerdem bis zum 15. Januar in der Mediathek abrufbar.

Von Karim Saab

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