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Politik Rosa Luxemburg: Die entzauberte Heldin
Nachrichten Politik Rosa Luxemburg: Die entzauberte Heldin
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11:02 14.01.2019
Unbeirrbar: In Berlin hält ein Demonstrant am Sonntag beim Gedenkmarsch Tausender Anhänger von kommunistischen und sozialistischen Gruppen und Parteien Bilder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wie Ikonen in die Kameras. Quelle: Markus Schreiber/AP/dpa
Berlin

Rosa Luxemburgs letzter Text klingt bis heute wie eine Geisterbeschwörung. Er wird bis heute von vielen Linken als Handlungsanweisung gelesen, als Manifest der Spaltung. 100 Jahren Erfahrung mit Demokratie und Diktatur zum Trotz.

Luxemburg schrieb den Text am 14. Januar 1919; da war ein Aufstandsversuch radikaler Kräfte gegen die junge Republik gerade gescheitert. „Die Revolution wird sich schon morgen ‚rasselnd wieder in die Höh’ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“ So stand es in der Parteizeitung „Rote Fahne“ am Tag, bevor die Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin von rechten Freikorpssoldaten ermordet wurden – mit Billigung der sozialdemokratischen Regierung um Friedrich Ebert, Gustav Noske und Philipp Scheidemann.

Liebknecht wurde am späten Abend des 15. Januar 1919 im Tiergarten erschossen, Luxemburg im Auto, in das die Mörder sie gezerrt hatten. Ihre Leiche warfen sie in den Landwehrkanal. Erst fünf Monate später, am 31. Mai, fand ein Schleusenwärter in Kanal nahe dem Bahnhof Zoo die verweste Wasserleiche. Die wichtigste linke Politikerin, die Deutschland je hatte, war da bereits selbst zum Geist geworden – ein Geist, der die Weimarer Republik bis zu ihrer Zerstörung belastete. Einer, der die deutsche Linke seit inzwischen 100 Jahren verfolgt.

„Die Gegenrevolution entwaffnen, die Massen bewaffnen, alle Machtpositionen besetzen“: Die „Gegenrevolutionäre“ – das waren für Rosa Luxemburg 1919 ihre einstigen sozialdemokratischen Parteifreunde. Quelle: Mary Evans Picture Library

Als Rosa Luxemburg endlich begraben werden konnte, klang es erneut nach einer Geisterbeschwörung. Für den Trauerredner Paul Levi, einen ihrer politischen und kurzzeitig auch persönlichen Gefährten, war sie Heilige und Rächerin zugleich: „Nach fünf Monaten bringen wir hier zur Erde, was von Rosa Luxemburg zur Erde gehört. Aber der tote Körper steht auf, und auf steht mit ihm der Fluch, der dreifache Fluch für die, die das getan haben. Der Fluch, nicht für die, die vorgeschoben sind, nicht für die Henker, der dreifache Fluch gilt denen, die den Mord veranlasst haben und heute noch in den Ministersesseln sitzen. Der tote Leib steht auf und richtet über die, die das getan haben.“

Der Fluch, den Levi beschwor, richtete sich also nicht so sehr gegen die Rechtsradikalen, gegen die Mörder Luxemburgs, sondern gegen die Sozialdemokraten, die Ordnung und Republik gegen die Revolution gesetzt hatten. „Die SPD hat uns verraten“, wusste Karl Liebknecht bereits 1918. Nach seinem und Luxemburgs Tod wurde daraus eine Parole, die ebenfalls bis heute durch die Linke geistert: „Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten.“

Seit 100 Jahren spaltet der Geist von Rosa Luxemburg die Linke. Ob es um Hartz IV geht oder um die innere Sicherheit, immer erhebt sich irgendwo die Erinnerung an den Januar 1919: Staatsräson oder Revolution, Verantwortung oder Radikalität, Staat oder Massen.

„Die Toten mahnen uns zu einem konstruktiven Umgang mit dem Thema“: Bodo Ramelow, Ministerpräsident, sucht den Ausgleich zwischen Linken und Sozialdemokratie. Quelle: Bodo Schackow/dpa

Es ist kein Zufall, dass ein früherer Gewerkschaftsfunktionär und heutiger Ministerpräsident versucht, den Riss endlich ein bisschen zu kitten. Dem Linken Bodo Ramelow in Thüringen kommt dieses Jahr eine besondere Rolle zu. Nicht nur, dass er bei den Wahlen im Herbst gern seine rot-rot-grüne Koalition retten würde. Er braucht die SPD für seine Realpolitik. In Thüringen liegt auch Weimar, wo am 6. Februar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an den 100. Jahrestag der Weimarer Reichsverfassung erinnern wird.

„Die SPD und die KPD haben damals einen Kampf gegeneinander geführt, der nicht nur die beiden Parteien ins Verderben geführt hat“, sagt Ramelow dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Was beide Parteien völlig falsch eingeschätzt haben, waren die Gefahr und die gewaltige Zerstörungskraft, die von der NSDAP ausgingen. Jede humane Schwelle wurde überschritten. Aus dieser Perspektive ist es nicht angebracht, die Fehler der Vergangenheit zu beklagen. Sätze wie ,Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten.‘ bringen uns nicht weiter. Sie ordnen auch historisch nicht ein, was falsch gelaufen ist.“

Am Ende traf der Fluch sie alle: Die Republik ging zugrunde, weil die Linke sich lieber gegenseitig bekämpfte. Die Nazis triumphierten. „Umgekommen sind Kommunisten und Sozialdemokraten im Konzen­trationslager gemeinsam“, erinnert Ramelow. „Die Toten mahnen uns zu einem konstruktiven Umgang mit dem Thema.“

Wortführer des Spartakusaufstands: Karl Liebknecht spricht am 5. Januar in der Berliner Siegesallee zu der Menge. Quelle: dpa

Januar 1919: Der Spartakusaufstand in Berlin

Es begann als Generalstreik – doch es wurde ein blutiger Aufstand daraus, der sogenannte Spartakusauf­stand. Er sollte die Weimarer Republik bis zu ihrem Ende belasten.

Nach der November­revolution von 1918, die das Deutsche Kaiserreich hinweggefegt hatte, sollte der „Rat der Volksbeauftragten“ als provisorische Regierung über die künftige Regierungsform entscheiden. Im Rat saßen je drei Mitglieder der Mehrheitssozialdemokratischen Partei (MSPD) und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) Deutschlands. Friedrich Ebert führte die Regierung.

Am 4. Januar 1919 verfügte Ebert die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn von der USPD. Ihm wurde zur Last gelegt, während der Weihnachtskämpfe 1918 revolutionäre Matrosen unterstützt zu haben. Die Berliner USPD-Führung und sogenannte Obleute riefen daraufhin zur Demonstration auf, um die anstehenden Wahlen zur Nationalversammlung zu verhindern und eine Räterepublik auszurufen. Die Revolutionäre besetzten Druckereien sozialdemokratischer Zeitungen wie des „Vorwärts“.

Anhänger der USPD und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bildeten am 5. Januar einen „Revolutionsausschuss“. Dieser löste einen Generalstreik aus und rief die Berliner Bevölkerung zum Sturz der Regierung Ebert auf.

Am 7. Januar bestimmte Ebert den späteren Reichswehrminister Gustav Noske zum Verantwortlichen für die Niederschlagung des Aufstands. Freikorps stürmten am 11. Januar das von den Revolutionären besetzte Zeitungsviertel und schlugen den Aufstand blutig nieder. Über hundert Aufständische wurden von den Militärs getötet. Wenige Tage später wurden auch die populären Anführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet.

Der rechtsradikale Generalstabsoffizier Waldemar Pabst hatte nach eigener Aussage den Mordbefehl erteilt. Jahrzehnte nach der Tat behauptete er, Noske habe ihn am Telefon indirekt dazu aufgefordert.

Doch der Geist der toten Rosa Luxemburg spukt weiter durch die deutsche Linke. Am Sonntag zogen wie jedes Jahr Tausende beim „Luxemburg-Liebknecht-Marsch“ durch Berlin, alle linken Splittergruppen waren vertreten. Würde man in dieser Runde um Verständnis für staatstragende Sozialdemokraten werben, für Hartz IV oder die leider nötige Niederschlagung des Spartakusaufstands 1919, es wäre schnell vorbei mit dem stillen Gedenken. Auch die SPD gießt Öl ins Feuer: Der sozialdemokratische „Vorwärts“ schrieb auf Twitter zu einem Aufsatz über den Januar 1919: „Die SPD verteidigt die Demokratie – auch mithilfe des Militärs.“ Der Aufschrei vonseiten der Linken kam sofort. „Einen Aufstand hat es im Januar 1919 nicht gegeben“, antwortete der Berliner Linken-Abgeordnete Michail Nelken. „Es gab brutalen Militärterror gegen revolutionäre Arbeiter.“

Vielleicht braucht es jemanden von außen, um einen frischen Blick zu wagen und den Geist von Rosa Luxemburg zu bannen. Dann könnte die historische Figur dahinter wieder zum Vorschein kommen.

Am renommierten University College Dublin lehrt Mark Jones Geschichte. Er ist gerade wieder zu Besuch in Berlin, hat einen wundervollen irischen Akzent und ist vielleicht der akribischste Kenner der Gewaltexzesse zu Beginn der Weimarer Republik. „Es ist schon bemerkenswert, wie politisiert dieser Teil der deutschen Geschichte immer noch ist“, sagt er. „Das ist der wirkungsmächtigste historische Mythos der deutschen Linken. Ihr gilt Rosa Luxemburg als Heilige, eine andere Sichtweise wird nicht akzeptiert.“

Dabei ist die Rosa Luxemburg des Jahres 1919 nicht mehr die Sozialistin, die für Frieden, Emanzipation der Arbeiterklasse und ihren berühmtesten Ausspruch steht: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Sie kommt im November 1918 frisch aus der Festungshaft nach Berlin und stürzt sich in die Revolution. Ihre Wohnung in Berlin sieht die von der Haft geschwächte Sozialisten wochenlang nicht, sie ist von morgens bis nachts in der Redaktion der „Roten Fahne“, schreibt, agitiert, kontrolliert. Sie glaubt, dass es nach der Abdankung des Kaisers nun eine wirklich revolutionäre Situation in Deutschland gäbe. Es war ihr schwerster Irrtum.

Luxemburg wollte immer die Massen überzeugen – und in diesen Tagen wollte sie die Massen eben zu einem gewaltsamen Aufstand drängen“, sagt Mark Jones. „Doch die Massen machten nicht mit.“

„Wegen ihrer Texte sind Menschen gestorben“

Luxemburg glaubt, jetzt sei die Stunde endlich gekommen. Ihre Artikel in der „Roten Fahne“ werden immer schärfer, Tag für Tag trommelt sie für den Aufstand. „Sie war einer der hitzigsten Köpfe in dieser Woche“, meint Jones. „Damit hat sie entscheidend zur Radikalisierung in diesen Tagen beigetragen. Wegen ihrer Texte sind Menschen gestorben. Auch Frauen und Kinder, die sich zum Beispiel im falschen Augenblick aus dem Fenster gelehnt haben und von einer Kugel erwischt wurden.“

Luxemburgs Leitartikel klingen atemlos: „Die Gegenrevolution entwaffnen, die Massen bewaffnen, alle Machtpositionen besetzen. Rasch handeln!“, schrieb sie am 7. Januar 1919. Mit der „Gegenrevolution” sind längst die Sozialdemokraten gemeint, ihre früheren Parteifreunde.

Als die Freikorpssoldaten den Aufstand im Berliner Zeitungsviertel niederschossen, wo die Putschisten Redaktionen besetzt hatten, gingen Gerüchte um, Rosa Luxemburg stünde an einem Maschinengewehr. Das war jenseits aller Wahrscheinlichkeit – die 47-jährige, körperlich kaum belastbare Frau hätte nie an Kämpfen teilgenommen. Es zeigt aber den grenzenlosen Hass, den die Rechte auf Luxemburg empfand – und in dem ihr die SPD in nichts mehr nachstand.

Wie viel Schuld trägt die Sozialdemokratie?

Gerade wies die heutige Parteichefin Andrea Nahles die Spekulation zurück, dass der sozialdemokratische Verantwortliche für die Niederschlagung des Aufstands, Gustav Noske, den Mord an Luxemburg in Auftrag gegeben hatte. „Es ist nicht zu beweisen, dass Sozialdemokraten wie Noske Komplizen der Mörder waren“, sagt auch Jones. „Aber die SPD hat die Mörder gedeckt.“

Am Tag nach den Morden lieferte der spätere Ministerpräsident Philipp Scheidemann die politische Begründung für die Taten: „Wenn ich im Begriffe bin, mich in ein brennendes Haus zu stürzen, um Weib und Kind zu retten, und mein wahnsinniger Bruder legt die Flinte auf mich an, dann hilft nichts mehr, dann muss ich mich gegen ihn zur Wehr setzen.“ Für die SPD waren „Weib und Kind“ gleichbedeutend mit Staat und Republik, die wahnsinnigen Geschwister waren die abtrünnigen Parteifreunde Liebknecht und Luxemburg.

Keine Wahnsinnige – und keine Heilige

Scheidemanns Begründung hallt bis heute nach. Und auch sie ist mit schuld am Ende der Weimarer Republik. „Diese Bürgerkriegsmentalität“, sagt Mark Jones, „zog sich durch die gesamten Jahre der Weimarer Republik.“

Rosa Luxemburg, so viel steht für den Historiker fest, war kaum eine Wahnsinnige – aber sie war gewiss auch keine Heilige. Sie war eine Frau, wie es in der deutschen Politik keine weitere gab. Rosa Luxemburg, geboren als Rozalia Luksenburg in einer bürgerlichen, polnischen, jüdischen Familie, zu Hause in sechs Sprachen, war 25 Jahre lang eine europäische Sozialdemokratin und Kämpferin der Arbeiterbewegung. Zehn Tage lang war sie eine tragisch irrende Putschistin – die eine große Bewegung für hundert Jahre gespalten hat.

Von Jan Sternberg

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