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08:39 30.10.2019
Ein ICE der Deutschen Bahn steht abfahrbereit im Hauptbahnhof München in der Abenddämmerung. Quelle: imago images/Ralph Peters
Rostock-Warnemünde

Sie steht bereits am Bahnsteig: S-Bahn 33417 nach Güstrow. In fünf Minuten ist Abfahrt am Bahnhof Warnemünde Werft. Johannes Eltermann stellt noch schnell die nächsten Signale und Weichen richtig ein. Zwei Klicks mit der Computermaus genügen dafür. Der erste Streckenabschnitt auf dem Bildschirm leuchtet grün auf. „Wenn alles stimmt, kann die S-Bahn losfahren“, sagt der 21-Jährige und lehnt sich zurück.

Ortstermin in Rostock-Warnemünde: Eltermann und seine Kollegen leisten hier Pionierarbeit, Pionierarbeit in Sachen Digitalisierung bei der Bahn. In einem kleinen Zweckbau unweit der Ostsee geht an diesem Mittwoch Deutschlands erstes digitales Stellwerk offiziell in Betrieb. Genauer gesagt: Es ist das erste, das an einer Fernverkehrsstrecke liegt. Zumindest bald wieder.

Die Verbindung nach Warnemünde soll ab kommendem Mai besondere Bedeutung erhalten. Dann geht es im neuen Stellwerk nicht mehr nur um S-Bahnen in den Badeort und Güterzüge, die zum Rostocker Fischereihafen rollen. Das Ostseebad bekommt wieder eine Direktanbindung mit Intercity und ICE – unter anderem für den Kreuzfahrttourismus.

„Eine komplett neue Organisation“

Das Ganze ist ein Prestigeprojekt für die Bahn, die den Zugbetrieb in ihrem Netz nun nicht mehr mit analoger Technik steuern möchte. Die 65-Millionen-Euro-Investition in Warnemünde ist Teil der „Digitalen Schiene Deutschland“, eines Großprojekts, mit dem die Bahn ehrgeizige Ziele verfolgt.

Schritt für Schritt will der Staatskonzern Stellwerktechnik aus dem Verkehr ziehen, die vielerorts noch aus der Kaiserzeit stammt. Der Zugverkehr auf dem 33.400 Kilometer langen Streckennetz in Deutschland soll eines nicht allzu fernen Tages von 280 digitalen Stellwerken gesteuert werden. Seit vergangenem Jahr werden im sächsischen Annaberg-Buchholz bereits die Weichen und Signale auf einer Regionalstrecke digital gesteuert.

Bahn-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla sieht im groß angelegten Stellwerkumbau die Voraussetzung für mehr Effizienz im Schienennetz. „Die Eisenbahn kann ihren Beitrag für die Mobilitätswende und den Klimaschutz in Deutschland nur leisten, wenn sie leistungsfähiger wird. Die Digitalisierung wird entscheidend dazu beitragen“, sagte Pofalla dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Digitale Stellwerke würden „eine komplett neue Organisation“ des Bahnbetriebs ermöglichen. „Die Schiene gewinnt bedeutend mehr Kapazität, wird zuverlässiger und technisch standardisierter.“

Bahn-Projektleiter Buhlke: „Die Steuerungsbefehle werden von der Zentraleinheit, dem Gehirn des Stellwerks, über ein Netzwerk übertragen, nicht mehr wie früher über Stromkabel.“ Quelle: Dietmar Lilienthal

Zurück nach Warnemünde. Rund um das neue Stellwerk sieht es noch aus wie auf einer Baustelle. Kein Schild am Eingang, gerade wird die Zufahrt planiert. In orangefarbener Warnweste steht Projektleiter Ingo Buhlke vor dem Gebäude und erläutert, wie die neue Technik funktioniert: „Die Steuerungsbefehle werden von der Zentraleinheit, dem Gehirn des Stellwerks, über ein Netzwerk übertragen, nicht mehr wie früher über Stromkabel.“

Heißt konkret: Die neun Weichen und 26 Signale im Einzugsgebiet des Stellwerks haben nun eine IP-Adresse. 22 Kilometer Glasfaserkabel hat die Bahn verbuddeln lassen, um sie anzuschließen. Vor dem alten Stellwerk von Warnemünde, das gerade für den Abriss vorbereitet wird, zeigt Buhlke Müllsäcke voller Relais und Platinen, Kupferkabeln und Leuchtdioden. Es sind Relikte aus einer Eisenbahn-Ära, die bald der Vergangenheit angehören soll.

„Schneller an des Pudels Kern“

Einer der entscheidenden Vorteile digitaler Stellwerke sei, dass man Störungen und Ausfällen von Weichen und Signalen schneller auf den Grund gehen könne. Auch Wartung werde einfacher. „Wir kommen schneller an des Pudels Kern, was genau die Ursache ist“, erklärt Buhlke. Ein weiterer Vorteil aus Bahn-Sicht: Man kommt mit weniger Stellwerken aus – und benötigt deutlich weniger Kabelkilometer. „Für die heutige Infrastruktur mit 2700 herkömmlichen Stellwerken, 67.000 Weichen und 160.000 Signalen sind 400.000 Kilometer Kupferkabel vonnöten“, heißt es bei der Bahn.

Der größte Effizienzgewinn ergibt sich erst aus der Kombination mit ETCS, der digitalen Steuerungstechnik. Sie ermöglicht einen Bahnbetrieb ohne Signale, kürzere Zugfolgen und verspricht 35 Prozent mehr Kapazität im Netz, ohne dass dafür ein Kilometer Strecke völlig neu gebaut werden muss. Der flächendeckende Umstieg auf diese Technologie dürfte laut einer Machbarkeitsstudie bis 2040 dauern und mehr als 30 Milliarden Euro kosten.

Was Rostock angeht, ist das Zukunftsmusik. Die Bahn plant zwar mittelfristig mit mindestens zwei weiteren digitalen Stellwerken in der Region. Bis die Strecke zwischen der Hansestadt und Berlin mit ETCS ausgestattet ist, dürfte es allerdings noch länger dauern.

Von Rasmus Buchsteiner/RND

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