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Politik Süße Schnäpse für Jugendliche unberechenbar
Nachrichten Politik Süße Schnäpse für Jugendliche unberechenbar
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08:50 30.11.2017
Vor allem junge Menschen unterschätzen die Wirkung von Alkohol. Quelle: dpa
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Potsdam

Viele Jugendliche in Brandenburg konsumieren Alkoholmengen, die bereits für Erwachsene als riskant gelten. So ist die Zahl der minderjährigen Brandenburger, die wegen einer akuten Alkoholvergiftung ins Krankenhaus mussten, im vergangenen Jahr deutlich angestiegen.

503 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren wurden mit einer akuten Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt, teilt die Krankenkasse DAK mit und beruft sich auf Daten des Statistischen Bundesamts. Im Vergleich zum Vorjahr handelt es sich um einen Anstieg von 20,9 Prozent. 2015 waren noch 416 Komatrinker in märkische Kliniken eingeliefert worden. Bundesweit nimmt Brandenburg damit einen traurigen Spitzenplatz ein. Nur in Sachsen-Anhalt stieg die Zahl prozentual gesehen noch stärker an (26,2 Prozent).

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Jugendliche greifen seltener zur Flasche

Besonders Brandenburger Jungen tranken häufiger exzessiv (plus 30,2 Prozent). Bei Mädchen und jungen Frauen betrug der Anstieg immerhin noch 9,2 Prozent. Die Zahlen sind überraschend. In den vergangenen Jahren war der Alkoholkonsum unter Jugendlichen eher zurückgegangen.

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) fordert Konsequenzen. „Wir sollten wachsam bleiben und den Jugendschutz in Kommunen und Ländern rigoros umsetzen.“ Andere Suchtexperten sehen trotz aktueller Entwicklung keinen neuen Trend zum Komasaufen. „Das ist kein gutes Ergebnis, und jeder einzelne Fall ist ernst zu nehmen“, sagt Johannes Lindenmeyer, Direktor der auf Suchtbehandlung spezialisierten Salus-Klinik Lindow (Ostprignitz-Ruppin). Erhebungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge griffen Jugendliche heutzutage deutlich seltener regelmäßig zur Flasche. Auch steige die Zahl der Jugendlichen, die noch nie Alkohol getrunken haben. „Untersuchungen aus Brandenburg zeigen, dass das Komasaufen eher abnimmt“, sagt Lindenmeyer. Warum im vergangenen Jahr mehr volltrunkene Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung klinisch versorgt wurden, hat nach Einschätzung des Suchtspezialisten auch andere Gründe: „Die Bevölkerung ist achtsamer geworden und sorgt dafür, dass Jugendliche, die deutlich zu viel Alkohol konsumiert haben, ins Krankenhaus gebracht werden.“

Die Wirkung von süßen Schnäpsen

Lindenmeyer hatte mit dem Gesundheitsministerium das Präventionsprojekt „Lieber schlau als blau“ entwickelt, mit dem Minderjährigen in Schulen der maßvolle Alkoholkonsum beigebracht werden soll. „Das Komasaufen ist kein Anzeichen dafür, dass die jungen Menschen suchtgefährdet sind, vielmehr ist es ein Problem des jugendlichen Leichtsinns, der gefährlich enden kann.“ Das Exzessiv-Trinken sehe er als vorübergehende Phase der Unvernunft.

Eine Einschätzung, die Bernhard Kosack, Oberarzt der Kinderintensivstation des Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikums, teilt. Zwar seien in diesem Jahr mehr Komatrinker eingeliefert worden, doch der größte Teil gehöre nicht zu denen, die regelmäßig Alkohol konsumierten. „Die meisten Kinder erlebten einen Alkoholrausch zum ersten Mal, weil sie die Wirkung von süßen Schnäpsen unterschätzen.“

Von Diana Bade