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Nachrichten Politik Terror jenseits der Kästchen
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21:33 08.04.2018
Menschen stellen nach einem Trauergottesdienst Kerzen vor dem Dom auf. Quelle: dpa
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Hannover

Noch bevor irgendetwas klar war, hatte die blitzgescheite Beatrix von Storch alles durchschaut. Jedenfalls glaubte sie das. „Wir schaffen das“, twitterte die AfD-Frau hämisch. Ein Fahrzeug fährt in die Menge? Das muss ein Islamist gewesen sein. Und wer hat ihn ins Land gelassen? Die Kanzlerin.

„Danke Merkel“, höhnten AfD-Leute schon oft. Auch nach dem Anschlag von Ansbach im Juli 2016. Damals zündete ein 27-Jähriger Syrer eine Rucksackbombe, die ihn selbst tötete und 15 Menschen verletzte.

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Ansbach wurde einsortiert als „erster islamistischer Anschlag in Deutschland“. Münster dagegen kam soeben in ein ganz anderes Kästchen: Ein „Deutscher ohne Migrationshintergrund“ beging die Tat, ein gewisser Jens R., der ein 18-seitiges Schreiben hinterlassen hat, das die Serie seiner psychischen Krisen beschreibt.

Betroffenen und Hinterbliebenen ist es egal, ob der Wahn, der die Täter treibt, auch noch religiös oder ideologisch bewimpelt ist. Die Szenerie verändert sich ohnehin, die Grenzen fließen. Scharf konturierte Terrorgruppen wie RAF oder Al Kaida mit ihren angeblich höheren Zielen sind nicht mehr auf der Bühne. Unterwegs sind aber, in schlecht beleuchteten Bereichen, viele Einzeltäter mit verschwimmenden Motiven.

Auch der Attentäter von Ansbach etwa war psychisch krank. Dass er nicht mehr leben wollte, hatte er einem deutschen Therapeuten ausdrücklich anvertraut. Zur „islamistischen“ Tat wurde Ansbach durch die Herkunft des Täters: Der Mann hieß Mohammed und kam aus einem Land mit Y.

Was, wenn der Täter von Ansbach Jens geheißen hätte und der Täter von Münster Mohammed? Wir hätten damals Ansbach achselzuckend abgehakt als Suizid eines Kranken – und an diesem Wochenende einen islamistischen Überfall auf die berühmte Stadt des Westfälischen Friedens vermutet.

Die Gefahr, die ein Mensch für seine Umwelt bedeutet, hängt nicht an seiner Herkunft. Wegen Isolation, fehlender Liebe und unerkannter seelischer Abgründe brachte der Pilot Andreas Lubitz sogar 149 Menschen auf einen Schlag um.

David S. wurde 1998 in München geboren. Seine Eltern kamen aus dem Iran, er selbst aber war stolz darauf, Deutscher zu sein – so stolz, dass er sich in immer mehr Ausländerhass hineinsteigerte. Am 22. Juli 2016, mit 18 Jahren, tötete er neun Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Später stellte sich heraus, wie krank er war, voller Ängste, ein Mobbingopfer an der Schule. Wer trägt Verantwortung für das Abdriften solcher jungen Leute in Richtung Schreckenstat? Gehässigkeiten nach Art der Frau von Storch sind schnell ausgesprochen: Klar, die Kanzlerin hat Schuld. Ein umsichtiger, vorbeugender Umgang mit den neuen Terrorrisiken jenseits der Kästchen ist sehr viel mühsamer – und geht alle an.

Von Matthias Koch/RND