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Politik Vor der Polen-Wahl: Eine Witwe klagt an
Nachrichten Politik Vor der Polen-Wahl: Eine Witwe klagt an
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17:42 12.10.2019
Magdalena Adamowicz bei der Trauerfeier für ihren Mann, den ermordeten Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz.
Danzig

Frau Adamowicz, vor neun Monaten wurde Ihr Ehemann Pawel Adamowicz, der Danziger Bürgermeister, ermordet. Wie geht es Ihnen heute?

Das war eine fürchterliche Tragödie für mich und unsere zwei Kinder. Am Anfang war ich in einem Schockzustand voller Adrenalin. Aber ich musste mich zusammennehmen, mich um meine Kinder kümmern und irgendwie so etwas wie einen Alltag schaffen. Irgendwann einmal war mir klar: Ich muss etwas gegen Hate-Speech unternehmen. Wie sagt man dazu auf Deutsch?

Es gibt keine eindeutige Übersetzung. Vielleicht trifft es Hassrede ganz gut.

Dann bleiben wir bei Hate-Speech. Jedenfalls habe ich kurz nach dem Mord an meinem Mann mit dieser Kampagne begonnen, dann wurde ich ins Europaparlament gewählt, musste mich in Brüssel organisieren. Und jetzt stelle ich fest, dass mich wieder die Trauer packt. Ich weine wieder mehr. Ich habe das Gefühl, dass es mir heute schlechter geht als kurz nach dem Attentat. Die Leute sagen, dass die Zeit Wunden heilt. Na ja. Wir werden sehen.

War der Mord an Ihrem Mann politisch motiviert?

Ich will niemanden direkt beschuldigen. Ich glaube nicht, dass der Mörder meines Mannes im Auftrag von irgendjemandem handelte. Aber die Politik und die Medien in Polen sind voll mit Hate-Speech und Fake News. Eine unabhängige Kommission hat herausgefunden, dass allein im öffentlichen Fernsehen in Polen im vergangenen Jahr mehr als 100 Sendungen über meinen Mann liefen, die ihn als Dieb, Mafioso und unehrlichen Menschen darstellten. Ich war auch Inhalt dieser Berichte, und meine Kinder waren es auch und unsere Eltern. Wenn solche Desinformationskampagnen gemacht werden, dann hat das sicher auch Einfluss auf den Täter gehabt. Mein Mann war einer der lautesten Kritiker der regierenden Partei in Polen. Das hat ihn umgebracht.

Was denken Sie über den Täter?

Ich hasse den Mann nicht. Er ist jetzt in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Und vielleicht muss er irgendwann einmal vor Gericht.

Das klingt so, als zweifelten Sie daran?

Ich habe Zweifel, ob die polnischen Strafverfolgungsbehörden ihre Arbeit so machen, wie sie eigentlich müssten. Vor dem Mord an meinem Mann ist der Täter aus der Haft entlassen worden. Und selbst Warnungen seiner Mutter, dass ihr Sohn gefährlich ist und jemanden umbringen könnte, haben daran nichts geändert.

Sie sind ins Europaparlament gewählt worden, jetzt ist Brüssel ihre Heimat geworden. Hätten Sie Angst, wieder in Danzig zu leben?

Nicht direkt Angst, aber unsere ältere Tochter, die eine sehr enge Beziehung zu meinem Mann hatte, konnte es sich nicht mehr vorstellen, an ihre alte Schule in Danzig zurückzukehren. Aber jetzt ist Wahlkampf in Polen, und schon allein deswegen bin ich öfter wieder dort. Ich will meine Wählerinnen und Wähler unterstützen, damit die regierende Partei am 13. Oktober möglichst wenige Stimmen bekommt.

Magdalena Adamowicz (Jahrgang 1973) ist Witwe des im Januar ermordeten Danziger Oberbürgermeister Pawel Adamowicz. Seit Juli 2019 ist sie Europaabgeordnete und setzt sich gegen Hate Speech ein. Quelle: Damir Fras

Was ist das Vermächtnis Ihres Mannes?

Er liebte die Menschen. Er ging durch die Straßen der Stadt, sprach mit jedem, notierte sich deren Sorgen und ließ seine Beamten am nächsten Morgen die Sachen abarbeiten. Er hat Danzig als offene, multikulturelle Stadt wahrgenommen, in der alle einen Platz finden – egal, woher sie kommen, egal, wie sie aussehen, egal, wen sie lieben. So viele Städte dieser Art gibt es nicht in Polen.

Tausende Menschen nehmen an einem Gedenkmarsch für den verstorbenen Bürgermeister von Danzig, Adamowicz, teil. Der tödliche Anschlag hat Polen geschockt.

Wollen Sie dieses Vermächtnis fortführen?

Ich bin irgendwie dazu verpflichtet. Ich habe mich nie besonders um Politik gekümmert. Ich war Rechtswissenschaftlerin an der Uni, und das war ich sehr gern. Ich habe meinen Mann sehr geliebt, mir ist aber erst jetzt klar geworden, wie wichtig er für Danzig und die Menschen dort war. Es ging ihm gar nicht so sehr um Leuchttürme wie Sportstadien oder so etwas. Er wollte, dass die Menschen in Danzig ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln.

Wie denken die Menschen in Danzig heute darüber?

Ich bekomme immer noch Hunderte von E-Mails und anderer Nachrichten, in denen mir die Menschen sagen, wie sehr sie meinen Mann bewundert haben.

In Deutschland gibt es gerade eine heftige Debatte, weil ein Gericht in Berlin geurteilt hat, dass die Grünen-Politikerin Renate Künast Beleidigungen, die im Internet gegen sie ausgestoßen wurden, ertragen muss. Wie wird das Problem in Polen debattiert?

In Polen reden die Leute übereinander, nicht miteinander. Die polnische Gesellschaft ist gespalten – mehr als noch zu Zeiten des Kommunismus. Wer Staatsfernsehen guckt, ist in der Regel ein Anhänger der regierenden PiS. Wer Privatfernsehen guckt, steht eher der Opposition nahe. Ein Dialog findet nur selten statt. Die regierende Partei nutzt das schamlos aus.

Wie?

Ich denke da nur an das Märchen, das verbreitet wird, dass die Mi­granten Krankheiten ins Land bringen. Oder die Verunglimpfung von Schwulen und Lesben. Das führt dazu, dass sich die Leute bedroht fühlen, weil ihnen die regierende Partei immer einredet, sie müssten sich bedroht fühlen.

Aber dennoch sieht es so aus, als würde die regierende Partei die Parlamentswahlen am 13. Oktober gewinnen.

Leider sieht es danach aus. Aber ich will optimistisch bleiben. Das wäre mein Mann auch gewesen.

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