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09:50 23.09.2017
„Mit Deutschsein konnte man in Deutschland ohnehin nicht punkten“: Parole bei einer Kundgebung Russlanddeutscher 2016 in Nürnberg. Quelle: dpa
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Berlin

In der letzten Zeit musste ich viele Interviews zur Bundestagswahl geben. Ich wurde vor allem mit der Frage konfrontiert, warum ausgerechnet Russlanddeutsche die AfD unterstützen.

In unserer alten Heimat, der Sowjetunion, fühlten sich nicht alle Menschen zu Hause. Einige hatten gute Gründe dafür, zum Beispiel die Russlanddeutschen. Obwohl viele von ihnen in Kasachstan oder in Kirgistan lebten und sich äußerlich von Kirgisen und Kasachen nicht unterschieden, wurden sie gemobbt und als Nazis gehänselt. Sie waren anders, manche von ihnen trugen Namen, die für russische Ohren komisch klangen, Waldemar, Edelgard oder Eugen. Sie wussten, dass sie eigentlich nicht da bleiben sollten. Aber erst in den Neunzigerjahren durften sie auswandern.

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Hier wurden sie jedoch als Kirgisen empfangen, die merkwürdige Namen trugen. Namen, die für deutsche Ohren inzwischen auch ausländisch klangen. Mit Deutschsein konnte man in Deutschland ohnehin nicht punkten. Deutschsein war verpönt. Die hiesigen Deutschen wollten alles sein: lesbisch, bayerisch, europäisch, nur nicht deutsch. Die Russlanddeutschen hielten sich im Schatten und warteten, bis die richtigen Deutschen gerufen würden. Das tat die AfD, die Partei der Gegensätze. In dieser Partei wollen Menschen aus Kirgistan und Kasachstan Deutschland vor Überfremdung retten, Lesben wollen die traditionelle Familie schützen. Zu ihnen gesellten sich Menschen, die ihren Führerschein verloren haben, sie protestieren gegen das Tempolimit auf der Autobahn. Dabei dürfen sie allenfalls Fahrrad fahren.

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller, er lebt in Berlin.

Von Wladimir Kaminer