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Politik Wehrhahn-Prozess beginnt nach 17 Jahren
Nachrichten Politik Wehrhahn-Prozess beginnt nach 17 Jahren
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08:48 25.01.2018
Rettungskräfte versorgen vor dem Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn die Verletzten des Rohrbomben-Anschlags. Quelle: dpa
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Düsseldorf

Mehr als 17 Jahre nach der Tat beginnt am Düsseldorfer Landgericht der Prozess wegen zwölffachen Mordversuchs. Der 51 Jahre alte Ralf S. steht im Verdacht, im Juli 2000 eine ferngezündete Rohrbombe am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn gezündet zu haben. Die überwiegend jüdischen Opfer, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, kamen in diesem Moment vom Deutschunterricht an einer Sprachschule. Zehn der zwölf Männer und Frauen wurden bei dem Bomben-Attentat teils lebensgefährlich verletzt. Eine werdende Mutter verliert durch Bombensplitter ihr ungeborenes Kind. Die Staatsanwaltschaft wirft dem rechtsradikalen S. vor, den Anschlag aus Fremdenhass und Antisemitismus begangen zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

Trotz des gewaltigen Aufwands der Ermittler konnte die Tat erst spät aufgeklärt werden. Im Rahmen der Untersuchungen wurden 1500 Menschen befragt, mehr als 300 Spuren verfolgt und 450 Beweisstücke gesammelt. Die Staatsanwaltschaft lobte eine Belohnung in Höhe von 120.000 Mark (63.000 Euro) aus. Dennoch schwiegen wichtige Zeugen aus seinem Umfeld. S. wird vorgeworfen, seinen Bekannten gedroht zu haben, sollten sie aussagen.

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Anfangsverdacht bestätigt

Zwischenzeitig wurde vermutet, dass islamistische Terroristen hinter dem Anschlag stecken könnten. Auch ein Zusammenhang mit der rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wurde überprüft. S. hatte Kontakte zur rechtsradikalen Szene in Düsseldorf. Er soll einen stadtbekannten Neonazi um ein Alibi für den Tatzeitpunkt gebeten haben.

Schließlich gab der ehemalige Bundeswehrsoldat selbst den entscheidenden Hinweis. 2014 soll sich S. im Gespräch mit einem Mitgefangenen verraten haben, als er in anderer Sache im Gefängnis saß. Der Angeklagte war bereits direkt nach der Tat unter Verdacht geraten, der sich zunächst jedoch nicht erhärten ließ. Der 51-Jährige betrieb damals in der Nähe Tatorts ein Geschäft für historische Militärutensilien.

Der Verteidiger des Angeklagten, Olaf Heuvens, zog die belastenden Aussagen der Anklage vor dem Prozessauftakt in Zweifel: „Wieso sollte mein Mandant einem Gefangenen, den er kaum kannte, so etwas erzählen?“ Der Anwalt sieht in der hohen ausgelobten Belohnung eine mögliche Motivation für die Aussage des Mithäftlings. Nach Ansicht von Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück ist die Beweislast gegen Ralf S. jedoch erdrückend. Bis Juli hat das Landgericht Düsseldorf 40 Verhandlungstage für den Indizien-Prozess angesetzt. Bei einer Verurteilung droht dem Angeklagten eine lebenslange Haftstrafe.

Von RND/dpa/epd