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11:13 29.04.2017
FDP-Chef Christian Lindner beim Parteitag in Berlin. Quelle: imago
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Berlin

„Wer braucht schon die FDP?“, hat deren bekanntester Frontarbeiter, Christian Lindner, mit schauspielerischer Attitüde auf dem Wahlparteitag der Liberalen gefragt. Der Mann ist nicht schlecht. Lindner braucht die Aufbautruppe mit APO-Status als politische Bühne, um gezielt die Lücken anzusteuern, die erschöpfte, tatsächliche oder selbsternannte Volksparteien nicht schließen können und wollen.

Freiheit, Lastenverteilung, Modernisierung und der Kampf gegen verfestigte Strukturen verlangen große, tragfähige Bündnisse, aber auch kleine, unorthodoxe Störenfriede. Und weil die FDP nicht mehr nur schrill sein, nicht mehr nur billig für angestaubte Koalitionen bereitstehen möchte, braucht sie heute die Fünf-Prozent-Hürde weniger zu fürchten als in den Rösler-Westerwelle-Jahren.

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Die Frage, wer die FDP braucht, stellt sich aber auch deshalb, weil mit den ermatteten Grünen die kleine Konkurrenz zwar nominell derzeit noch stärker ist, aber in Wahrheit sind die Grünen ausgezehrt, seit der kratzbürstige Joschka Fischer politisch privatisiert. Es reiben sich nicht einmal mehr Fundis und Realos, sondern es treffen oft nur noch Banalos auf Banalos. Das grüne Spitzenpersonal mit Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir passt in ihrem Anspruchsdenken eher zur alten, abgetakelten FDP als zu Grünen mit unbequemen Gestaltungswillen. Wenn es die FDP geschickt anstellt, kann sie auf die Überholspur wechseln.

Ein-Personen-Show?

Und weil die Schulz-SPD eine FDP als Koalitionsspielmasse mindestens so sehr braucht wie die Merkel-Union steht es besser um die FDP, als viele nach der letzten Bundestagswahl gedacht haben. Dass ein nicht ganz unbefähigter politischer Kleinkünstler wie Christian Lindner seinen großen Anteil daran hat, dass die FDP auch außerhalb des Bundestages auffällt, ist in unserer Mediengesellschaft nicht wirklich überraschend. Spannend wird es, ob die Liberalen es schaffen, mehr zu sein als Lindners Trampolin, sobald sie wieder wirklich wichtig geworden sind.

Absurd ist jedenfalls der Vorwurf, die FDP sei doch nicht mehr als eine Ein-Personen-Show. Was, bitte schön, ist Merkels Kanzlerwahlverein? Was ist die SPD als Schulzzug anderes? Wie gern hätten die Grünen einen wie Lindner an der Spitze? Was gäbe die Linke darum, wenn Gysi noch da wäre und so aussähe wie die Wagenknecht? Und selbst die AfD hatte es zeitweilig auf ein Petri-Bekanntheitsniveau gebracht und damit ein bisschen mächtig gewirkt. Sollte die FDP die Balance zwischen selbstbewusstem Mut und der notwendigen Demut gegenüber den Wählern schaffen, kann sich Lindner zukünftig die Frage sparen, wer denn noch eine FDP brauche.

Von Dieter Wonka/RND