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15:50 21.01.2019
Der US-amerikanische Menschenrechtler Martin Luther King Jr. beschwört auf einer Pressekonfernz am 8.6.1964 vor dem «Overseas Press Club» in New York ein «Klima der Gewaltlosigkeit». Quelle: UPI/dpa
Washington

"MLK", wie Martin Luther King in Amerika kurzerhand genannt wird, ist in der US-Hauptstadt an vielen Orten präsent. Ein halbes Jahrhundert nach dem Mord an dem berühmten Priester zählt sein Denkmal in West Potomac Park zu den beliebten Stationen vieler Touristengruppen.

Bekannt ist auch die gleichnamige Hauptverkehrsstraße, die direkt in das historische Zentrum des Stadtteils Anacostia führt. Hier, in Sichtweite des Kapitols, bündeln sich die unterschiedlichsten Entwicklungen in der afroamerikanischen Gemeinde wie unter einem Brennglas.

Da sind die Überreste des einstigen Elendsviertels, das in den zurückliegenden 30 Jahren vor allem mit unzähligen Schießereien und Drogenhandel für Schlagzeilen sorgte, und da sind die vielen Baustellen und frisch sanierten Häuser, die erste Hinweise auf den radikalen Umbruch geben.

Wirtschaftlicher Aufschwung in Anacostia

"Anacostia ist eine Goldmine", sagt Stanley Jackson, Chef der "Anacostia Economic Development Corporation“. In dem traditionsreichen Stadtteil, der größtenteils von Afroamerikanern bewohnt wird, herrsche eine breite Aufbruchstimmung: Demnächst eröffnen Starbucks, die Chase Bank und andere Firmen ihre erste Filialen östlich des Anacostia-Flusses. Auch steigen die Grundstückspreise jährlich um fast 30 Prozent, da es vor allem die Millennials in das Schwarzenviertel zieht. "Die düstere Zeit in unserer Gemeinde ist vorbei", gibt sich Jackson sicher.

Ein Boom, der noch an Fahrt gewinnen dürfte, sobald Amazon sein neues "Hauptquartier" eröffnet, das nur 15-Autominuten von der MLK-Avenue entfernt gebaut wird. Da sich die Grundstücke überwiegend im Besitz von alteingesessenen schwarzen Familien befinden, verändern sich die Vermögensverhältnisse in dem bisher so armen Viertel fast schlagartig.

Unter Trump: Arbeitslosigkeit von Afroamerikanern sinkt

Die sich aufhellende Stimmung ist aber nicht allein den steigenden Immobilienpreisen geschuldet: Ausgerechnet unter Donald Trump ist die Arbeitslosigkeit unter Afroamerikanern auf ein historisches Tief gesunken. Im Wahlkampf 2016 hatte der damalige Präsidentschaftskandidat mit eigenwilligen Worten um die Stimmen der Schwarzen gebuhlt: "Was habt ihr denn zu verlieren? Schlimmer kann es für euch nicht werden. Dann könnt ihr es auch mit mir versuchen."

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Die 10 wichtigsten Versprechen von Trump

Dass das Urteil über den Präsidenten, der sich gemeinhin als Interessenvertreter der (weißen) Arbeiterschaft gebährdet, in Anacostia recht differenziert ausfällt, liegt jedoch nicht allein in der guten Wirtschaftsentwicklung begründet.

Für Aufsehen sorgt hier nicht zuletzt seine Strafrechtsreform. Von den neuen Regelungen, die stärker auf Rehabilitation und niedrigere Haftzeiten setzen, profitieren Afroamerikaner überproportional. So sind knapp 40 Prozent der mehr als zwei Millionen Gefängnisinsassen in den USA schwarz, obwohl sie nur zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Barack Obama war mit einem ähnlichen Vorstoß im Kongress gescheitert, und nun ist es überraschenderweise Trump, der vielen Häftlingen und ihren Angehörigen neue Hoffnung gibt.

Schlechte Bildungschancen und zerrüttete Familien

All die positiven Ansätze können die bestehende Unwucht jedoch nicht ausgleichen. Das lässt sich auch in Washington beobachten. Wie Stephen Glaude von der "Coalition for Nonprofit Housing"-Gesellschaft erklärt, liegt die Armutsquote in Anacostia mit 35 Prozent doppelt so hoch wie in der gesamten Hauptstadt.

Die Hintergründe seien hinreichend bekannt: Da die Ausstattung der Schulen - zum Teil - von der Finanzkraft in der unmittelbaren Nachbarschaft abhängig ist, gebe es eine strukturelle Benachteiligung der schwarzen Schüler. Die schlechten Bildungschancen würden dazu beitragen, dass sich die Armut von einer Generation auf die nächste vererbt.

Es mangelt nicht an Versuchen, den Teufelskreis zu erklären und zu durchbrechen. Drastische Appelle sind nicht zuletzt von Afroamerikanern zu hören. So fordert Jason Riley, Leitartikler beim Wall Street Journal, die jungen Schwarzen auf, aus ihrer Opferrolle herauszutreten und mehr Verantwortung zu übernehmen.

Hört bitte auf, uns zu helfen

Der relativ leichte Zugang zu Lebensmittelkarten habe viele Jobs letztlich unattraktiver gemacht. Als fatal würden sich zudem die schwierigen Familienverhältnisse auswirken: In Stadtvierteln wie Anacostia gebe es überproportional viele Teenagerschwangerschaften. Auch würde die Mehrzahl der Kinder ohne ihre Väter aufwachsen.

Vor wenigen Jahren veröffentlichte Riley ein Buch, das sich wie eine radikale Kampfschrift liest, aber unter Afroamerikanern in Anacostia auch Zustimmung findet. Der Titel: „Please Stop Helping Us“ (Hört bitte auf, uns zu helfen).

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Von RND/Stefan Koch

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