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Politik Zwangsarbeit verharmlost: Bahlsen-Erbin sorgt für Empörung
Nachrichten Politik Zwangsarbeit verharmlost: Bahlsen-Erbin sorgt für Empörung
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18:21 14.05.2019
Jung-Unternehmerin Verena Bahlsen. Quelle: Mike Wolff/imago images
Hannover

Es wäre für Verena Bahlsen so einfach, zu den Guten zu gehören. Die 25-jährige Erbin des Keks-Giganten ist gern gesehener Gast in der Startup-Szene, einen Teil ihres Geldes hat sie in ihr eigenes Unternehmen gesteckt. „Hermann’s“ heißt es, benannt nach ihrem Urgroßvater, dem Firmengründer Hermann Bahlsen. 

Mit „Hermann’s“ will sie ein Netzwerk aufbauen, um beizutragen, die weltweiten Ernährungsprobleme zu lösen. Das Schlagwort ist Nachhaltigkeit. Die Erbin mit der roten Mähne könnte die große Schwester der „Fridays for future“-Bewegung sein.

„Nichts zuschulden kommen lassen“

Wenn da nicht die Vergangenheit wäre. Auch Bahlsen hat im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter beschäftigt, das Unternehmen war kriegswichtig, stellte Frontverpflegung her. Für Verena Bahlsen, die so stark die Familientradition hochhält, ist das anscheinend ein Problem aus grauer Vorzeit.

„Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt“, sagte sie der „Bild“-Zeitung. „Bahlsen hat sich nichts zuschulden kommen lassen.“

Klage wegen Verjährung abgewiesen

Nach eigenen Angaben beschäftigte das Keks-Imperium zwischen 1942 und 1945 rund 200 Zwangsarbeiter, vor allem Frauen aus Osteuropa. 1999 berichteten ukrainische Zeitungen über die Arbeitssklavinnen von Bahlsen.

Die Kiewer Frauen seien in ihrer Heimat abgeholt, in Viehwaggons verladen und ins rund 1500 Kilometer entfernte Hannover gebracht worden. Eine Klage von 45 ehemaligen Zwangsarbeiterinnen wurde im Jahr 2000 abgewiesen – wegen Verjährung.

Mehr zum Thema: Wie erging es NS-Zwangsarbeitern bei Bahlsen wirklich?

„Ich bin Kapitalistin“

Verena Bahlsens maximal unbedarfter Satz über die Zwangsarbeiterinnen war schon ihr zweiter schwerer Fehler in den vergangenen Tagen. Die erste Runde des Shitstorms gegen die Erbin begann nach ihrer engagierten Rede auf der Konferenz „Online Marketing Rockstars“ (OMR) in Hamburg vergangene Woche.

Dort hatte Bahlsen vehement das freie Unternehmertum verteidigt – und als Reaktion über Kevin Kühnerts Sozialismus-Thesen gesagt: „Ich bin Kapitalistin. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen, und da freue ich mich auch drüber. Es soll mir auch weiterhin gehören. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und so was.“

Bahlsen hat in London und New York studiert, dort sind solche schnoddrigen Sätze über den eigenen Reichtum gang und gäbe. In Hamburg und Hannover eher nicht. Da half es auch wenig, das Bahlsen gegenüber der „Bild“-Zeitung erklärte, dass sie sich überhaupt keine Jacht kaufen wolle. Und es half ebenso wenig, dass sie in ihrer Rede im Anschluss einen ebenso deftigen Satz raushaute: „Ich scheiß' auf Wirtschaft, wenn Wirtschaft nicht ein Vehikel ist, um uns als Gesellschaft nach vorn zu bringen.“

„Leichtfertige Aussage“

Erging es den Zwangsarbeitern bei Bahlsen wirklich so gut, wie Verena Bahlsen meint? „Ich halte diese Aussage für leichtfertig“, sagt Karljosef Kreter, Leiter des städtischen Teams für Erinnerungskultur in Hannover. Vorsichtig veranschlagt er die Zahl der bei Bahlsen beschäftigten Zwangsarbeiter „im vierstelligen Bereich“. Vor allem Frauen aus Osteuropa seien in der Lebensmittelproduktion eingesetzt gewesen. „Bahlsen galt als kriegswichtiger Betrieb, daher wurde er mit Arbeitskräften aus dem Osten versorgt“, sagt der Historiker.

Die Bahlsen-Arbeiterinnen lebten in verschiedenen Lagern. Osteuropäerinnen waren mit Aufnähern auf der Jacke gekennzeichnet, ein „P“ stand für Polinnen, „Ost“ für die Herkunft aus der Sowjetunion. „Zwangsarbeiterinnen lebten in der Regel in gefängnisähnlichen Zuständen“, sagt Historiker Kreter. Sie durften sich nur eingeschränkt bewegen, wurden bei Vergehen höher bestraft und geringer entlohnt.

In den Jahren 2000 und 2001 zahlte Bahlsen – wie auch viele andere deutsche Firmen – anderthalb Millionen D-Mark (rund 766.000 Euro) an die Stiftung der deutschen Wirt­schaft für die Entschä­di­gung ehema­liger Zwangs­ar­beiter.

Von Jan Sternberg und Simon Benne/RND

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