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Promis Muss man die Deutschen fürchten?
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20:01 19.08.2016
Beginner für Fortgeschrittene (von links): Dennis Lisk, Jan Delay und Guido Weiß rappen mit ihrem neuen Album "Advanced Chemistry" gegen rechts. Quelle: Universal Music
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Für viele Menschen ist euer erstes Beginner-Album seit 13 Jahren so etwas wie das Ereignis des Jahres. Wie fühlt ihr euch da?
Dennis Lisk: Na ja, viele Menschen? Also: Für mich, meine Mutter und meine Frau ist es das bestimmt (lacht).
Jan Delay: Auch meine zwei Jahre alte Tochter ist sehr aufgeregt. Hier. (Er spielt auf seinem Handy ein kurzes Video ab, auf dem ein Kleinkind ein paarmal "Ahnma" sagt und sich sehr freut.)

"Ahnma" heißt einer der neuen Songs. Ist das Wort eine Erfindung von euch?
Delay: In Hamburg ist das ein ganz normaler Begriff, den gibt es dort eigentlich schon sehr lange. Aber wir stellen gerade fest, dass selbst viele Hamburger "Ahnma" nicht kennen.
Lisk: Wir haben trotzdem nicht die Ambition, daraus jetzt das neue, fette Jugendwort des Jahres zu machen.

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Frei übersetzt heißt "Ahnma" so viel wie "stell dir mal vor". Habt ihr ein Händchen für Hamburg-Ausdrücke?
Delay: Digga, wir reden eben so! Das ist doch das Schöne am Hip-Hop, dass du in deiner Sprache und dem Dialekt deiner Gegend rappst. Ich finde das spannend, wenn du einem Rapper nach zwei Sätzen anhörst, wo er herkommt.
Lisk: Früher war dieses Phänomen noch ausgeprägter. Mittlerweile hat sich das etwas aufgeweicht, viele Stuttgarter leben heute in Berlin, auch ich bin von Hamburg nach Berlin gezogen. Letzten Endes weiß man aber, wo man herkommt, und hat sich lokal verortbare Eigenschaften erhalten. In Hamburg ist es eben dieses Schnoddrige, Offenherzige.

Euer neues Album war schon ewig lange angekündigt, kam dann aber doch nie heraus. Fast wurde das schon zum Running Gag. Was sollte das?
Delay: Wir haben immer gesagt, wir arbeiten daran. Aber wir haben auch immer gesagt, wenn es nicht geil wird, dann kommt es nicht raus. Wir haben das Album öfter abgekündigt als angekündigt. Wir wussten halt nicht, wann es fertig sein würde.
Lisk: Gerade da wir lange nichts gemacht hatten, bedeutete das auch, dass wir uns immer wieder selbst und unsere Musik infrage stellten. Es schwebte immer die Frage "Ist das jetzt geil genug?" durch den Raum.

Muss man als Hip-Hop-Musiker eigentlich denken, dass man der Geilste ist?
Lisk: Das hilft ganz sicher. Zumindest braucht man das Selbstbewusstsein und den naiven Willen, der Geilste – oder auch Derbste – zu werden.
Guido Weiß: In den Neunzigern war uns schon bewusst, dass wir gar nicht so geil sind, wie wir gern wären. Aber irgendwann weißt du auch selbst, was du kannst. Mit den Jahren und der vielen Erfahrung wirst du besser, ganz klar.

Seid ihr als nunmehr 40-Jährige anders an euer neues Album "Advanced Chemistry" herangegangen als 1998 an euer Debüt "Bambule"?
Delay: Klar. Man hat früher viele Fehler gemacht, die man heute nicht mehr machen will. Zum Beispiel: Zu früh zu denken, man ist schon fertig mit dem Album. Oder ein zu großes Ego zu haben und nicht in der Lage zu sein, teamplayermäßig zu arbeiten. Bei diesem Album war es die Prämisse, unseren ziemlich weit oben angesetzten Ansprüchen tatsächlich und ehrlich gerecht zu werden. Das resultierte in viel Spaß und viel Arbeit und hat eben – mit Pausen – fünf Jahre lang gedauert.

Jan Delay, Dennis Link und Guido Weiß: Die Beginner mit neuem Album. Quelle: dpa

Erwachsen zu sein und zugleich jung zu klingen – ist das ein Spagat?
Lisk: Spagat würde ich nicht sagen. Eher ein natürlicher Prozess. Ich habe mir nie Fragen gestellt wie: "Wie klinge ich ein bisschen jünger?" oder "Schaffe ich es auch mit drei Kindern noch, unspießig zu wirken?". Heute überlegt man sich eben vorher viermal, ob man saufen geht.

In dem Stück "Schelle" bezeichnest du, Jan, den Agrarkonzern Monsanto als "böse". Ist die politische Wut noch da?
Delay: Ja, die ist noch da. Die bleibt auch da. Man ist ja auch in seinen Songs der, der man ist. Weil das Themen sind, die wir für wichtig halten und mit denen wir uns beschäftigen, blitzen diese Themen auch in unseren Liedern auf.

Wie viel Politik erlaubt ihr euch noch?
Delay: Natürlich ordnen wir das Ganze dem Entertainmentfaktor unter. Du willst auf der einen Seite Statements abliefern, auf der anderen Seite willst du das aber nicht in Form einer Rede an die Nation machen, sondern unterhaltsam. Normalerweise äußern wir Kritik nicht, um Kritik zu äußern, sondern bringen die Kritik nur vor, wenn wir sie in einen guten Reim verpackt kriegen. In dem Monsanto-Fall allerdings habe ich auf den guten Reim geschissen. Weil ich echt was habe gegen dieses Unternehmen von der dunklen Seite der Macht.
Lisk: Ich liebe es, wenn Rapper einfach mal frei heraus sagen, was sie denken. Wir machen das aber nicht über ein ganzes Album. Dafür ist uns der Wortwitz zu wichtig.

"Advanced Chemistry" ist nicht direkt ein politisches Album, doch fließt Politik immer wieder mit ein – etwa in Sätzen wie "Sie sagen abschotten/Ich sage abholen", oder in der Aussage, ohne Migration seien wir "vollkommen unterfremdet".
Delay: Bleibt der Ausdruck hängen?

Absolut.
Delay: Sehr gut. Das wollten wir. Wir haben schon früh, noch vor "Bambule", gemerkt, dass es Blödsinn ist, die ganze Zeit sozialkritische Themen anzugehen, Missstände eins zu eins in den Strophen herunterzubeten. Das interessiert niemanden. Wenn man aber Politik in seinen Texten hat, dann will man damit etwas bewirken. Und das funktioniert sehr viel besser, wenn die Lieder toll sind und dann vielleicht ein, zwei Zeilen enthalten, in denen wir die eigenen Ideale, die persönliche Haltung widerspiegeln – am besten in einem geilen Wortspiel. So kriegst du die Leute dazu, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Versucht ihr die Leute zurückzuschubsen vom Abgrund des Rechtspopulismus?
Delay: Ja, klar. Da wollen wir auf jeden Fall unsere Haltung rüberbringen, auch unseren Frust, unseren Schock. Dieses "Wo leben wir denn eigentlich?".

Wird eine Partei wie die AfD wieder verschwinden?
Delay: Das ist leider kein deutschlandspezifisches Problem und deshalb auch nicht mit den Nazis zu vergleichen. Diese Entwicklung umspannt Europa. Entsprechend hat sich das Feindbild verändert. Früher war der Gegner klar: Das waren irgendwelche Skinhead-Nazis in Ostdeutschland. Jetzt sind es die Biedermänner, die "Das wird man ja mal sagen dürfen"-Deutschen. Diese ekligen "Ich bin kein Nazi, aber"-Deutschen. Ich bin erschrocken über den großen Prozentsatz von Leuten, die sich jetzt ganz ungeniert in der rechten Ecke aufhalten. Neu ist auch, dass die Rechten jetzt ganz offen hetzen, mit ihrem Namen.

Muss man diese Deutschen fürchten?
Lisk: Ich habe eher Angst, dass so eine rechte Gesinnung ganz normal wird. Das wäre schlimm, denn eine solche Entwicklung ginge einher mit Unfreiheit, Intoleranz, Zensur, Rückschritt.
Delay: Fremdenfeindlichkeit ist eine Volksmeinung geworden. Und die Volksmasse legitimiert wiederum den gewalttätigen Hooligan. Wenn wir nicht sehr aufpassen und als Gemeinschaft dagegen vorgehen, dann schaukelt sich die Radikalität weiter hoch.
Lisk: Wenn "leben und leben lassen" irgendwann kein Konsens mehr ist in Deutschland und die AfD auf Prozentzahlen käme wie der Front National in Frankreich oder die FPÖ in Österreich, dann würde ich das Land wahrscheinlich verlassen.

Zur Person

Lange Karriere: Die Beginner 1998 auf dem Hamburger Fernsehturm. Quelle: Mika Väisänen

Die Erwartungen der Fangemeinde sind gigantisch, und sie werden nicht enttäuscht. 13 Jahre nach ihrem vorigen Album "Blast Action Heroes" sind die Beginner zurück. "Advanced Chemistry" heißt das vierte Album von Jan Eißfeldt (40) alias Jan Delay, Dennis Lisk (39) alias Denyo und Guido Weiß (44) alias DJ Mad, das am kommenden Freitag (26. August) erscheint. Der Fuchs auf dem Cover steht für die Schläue und den Biss der Lyrik, der Titel ist zunächst eine Verbeugung der Hamburger vor den gleichnamigen Heidelberger Urvätern des deutschen Hip-Hop.

Musikalisch aber ist die Platte kaum nostalgisch, sondern ziemlich zeitgemäß produziert. Mithilfe der Ko-Produzenten Kaspar "Tropf" Wiens und Fiji Kris sowie ausgesuchter Kollaborateure (etwa Gentleman, Dendemann und Haftbefehl) werden die Beginner dem etwas großmäuligen Selbstlob ("Der Testsieger rappt wieder") absolut gerecht.

Die Beginner zählen zur ersten Generation des deutschsprachigen Hip-Hop, der Anfang der Neunzigerjahre durch das Stuttgarter Quartett Die Fantastischen Vier populär wurde. Parallel erhielt das Rappen in deutscher Zunge mit dem Song "Fremd im eigenen Land" durch Advanced Chemistry eine politische Dimension. Die 1991 gegründeten Hamburger Absolute Beginners (später fiel zunächst das englische Plural-"s", dann das "Absolute" aus dem Bandnamen), anfangs noch siebenköpfig und mit englischen Raps unterwegs, brachten 1992 das ziemlich brachiale Stück "K.E.I.N.E." heraus, in dem der Polizei unter Beschimpfungen vorgeworfen wurde, auf dem rechten Auge blind zu sein.

Wortwitz, Politik und lange Planung

Die Beginner galten (und gelten bis heute) als links, provokativ, aufrichtig, impulsiv. Von der Vorstellung getrieben, dass Musik mehr sein muss als Unterhaltung, schrieben sie im Grunde klassische Protestsongs – nur mit Beats und Bässen. 1998 wurden Absolute Beginner mit ihrem zweiten Album "Bambule" und den Hits "Liebes Lied", "Hammerhart" und "Füchse" zu Stars der Szene. Das Feuilleton der "Welt" befand, ihr drittes Album "Blast Action Heroes" könne als einziges deutsches des Jahrgangs 2003 neben dem gesellschaftskritischen US-Rap à la Public Enemy bestehen. Das jetzt im 25. Jahr des Bandbestehens erscheinende vierte Album ist schon seit 2010 in Planung.

Von den drei verbliebenen Beginnern hat nur Eißfeldt alias Delay, der Sänger mit Deutschlands näselndster Stimme, die an Roland Gift von den Fine Young Cannibals erinnert und natürlich an Udo Lindenberg (mit dem er das Duett "Ganz anders" aufgenommen hat), auch eine erfolgreiche Solokarriere hingelegt. Jan Delay kennen heutzutage weit mehr Menschen als die Beginner. Mit vier Soloalben steckte Delay ein erstaunliches musikalisches Terrain von Reggae über Funk bis Rock ab.

Zuletzt machte er 2014 außermusikalische Schlagzeilen, als er den Volksmusiker Heino, der sein "Liebes Lied" gecovert hatte, als "Nazi" beschimpfte. Folge: Strafanzeige des Bezichtigten. Außergerichtliche Einigung: 20 000 Euro Entschädigung für Heino. Nächstes Soloalbum: Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Von Matthias Halbig und Steffen Rüth

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