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Promis Wie sexy ist Saudi-Arabien?
Nachrichten Promis Wie sexy ist Saudi-Arabien?
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20:00 29.04.2016
Neugier gehört zur Grundausstattung: Tom Tykwer über seinen neuen Film "Ein Hologramm für den König" mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Quelle: Joachim Gern
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Herr Tykwer, Ihr neuer Film "Ein Hologramm für den König" spielt in Saudi-Arabien, auch in Mekka. Wie haben Sie es geschafft, dort zu drehen?
Wir haben immerhin eine allgemeine Drehgenehmigung für Außenaufnahmen zugestanden bekommen – in Mekka selbst musste ich aber drehen lassen. Als Nicht-Muslim darf ich ja nicht mal in die Stadt. Der Großteil des Films ist dann in Marokko entstanden. Tatsächlich bin ich aber bei der Vorbereitung für den Film versehentlich in Mekka gelandet – unfreiwillig, ich wollte gewiss keine religiösen Grenzen übertreten.

Was ist passiert?
Mein Fahrer hatte die letzte Ausfahrt vor der Stadt verpasst. Er war total gestresst, das war ihm fürchterlich unangenehm – auch Allah gegenüber.

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Sind Sie erwischt worden?
Natürlich nicht, wir sind auch gar nicht ausgestiegen, sondern so schnell wie möglich wieder raus. Sie dürfen nicht vergessen: Mekka ist ein Moloch. Da laufen Zigtausende von Dienstleistern rum, nicht jede Frau ist verschleiert, nicht jeder Mann trägt einen Kaftan. Da brummt das Leben.

Sind die Autobahnschilder in Ihrem Film echt: eine Spur für Muslime, eine für Nichtmuslime?
Alles ist echt in diesem Film! In gewisser Weise sogar die Geschichte von dem Geschäftsmann, der dem König ein neues Produkt verkaufen will: Romanautor Dave Eggers hatte sie von einem Bekannten erzählt bekommen, den es in eine geplante Megacity in der saudi-arabischen Wüste verschlagen hatte. Ewig hat der Bekannte dort gewartet, dann ist er wieder nach Hause gefahren. Niemand war gekommen.

Obwohl Sie in Marokko gedreht haben, sind Sie trotzdem die gesamte Reiseroute Ihrer Hauptfigur abgefahren. Warum?
Ich hätte sonst nicht gewusst, wie sich Saudi-Arabien anfühlt. Ich wollte echte Eindrücke aus der Gegend haben, über die wir so unglaublich viele Vorurteile haben. Tatsächlich gibt es kaum Übereinstimmungen zwischen dem Alltag dort und dem, was hier bei uns in den Medien ankommt.

Wie hat sich Saudi-Arabien denn angefühlt?
Die Leute sind viel aufgeschlossener, als wir hier glauben. Viele führen ein ziemlich lässiges Doppelleben: Auf der Straße wird die religiöse Fassade aufrechterhalten, hinter verschlossenen Türen sind die Menschen weltoffen, emanzipiert, liberal. Bei Ritualen gilt dann wieder das offizielle Reglement: Bei einer Hochzeit zum Beispiel feiern die Männer in dem einen Saal, die Frauen im anderen.

Gibt es wirklich solche Sexy-Dessous-Geschäfte in Dschidda?
Aber ja! Das ist verrückt. Allerdings dürfen die Frauen im Schaufenster kein Gesicht haben. Man sieht ihre Oberkörper, und man ahnt, dass sie nackt sein sollen. Vieles ist paradox, manches auch lustig. Das sehen die Leute dort oft ebenso: Die laufen ja nicht gedeckelt durch die Straßen, die haben Humor. Es gibt sogar scharfzüngige Comedians, die über bigotte Situationen herziehen. Dschidda ist allerdings auch progressiver als die Hauptstadt Riad.

Haben Sie sich willkommen gefühlt?
Als westlicher Tourist ist man es gewohnt, dass einem der Teppich ausgerollt wird. In Saudi-Arabien aber wird einem signalisiert: Wir brauchen dich nicht unbedingt. Wenn du willst, können wir was mit dir machen, aber zu unseren Konditionen. Dieses Gefühl drückt sich schon im Händeschütteln aus.

Wie das?
Es wird einem vermittelt: Du kannst auch wieder gehen. Es gibt eine seltsame Gleichzeitigkeit von sich widersprechenden emotionalen Aufforderungen. Man bekommt sowohl das Gefühl zu stören als auch gemocht zu werden. Und man bekommt auch nur schwer Antworten: Die Araber wissen, dass Westler sowieso nicht mit einer Antwort zufrieden wären, wenn diese weder Ja noch Nein lautet.

Hält sich in der Wüste an seiner amerikanisch-ökonomisch geprägten Identität fest: Tom Hanks als Handlungsreisender in "Ein Hologramm für den König". Quelle: Frederic Batier / X-Verleih / dpa

Wie offen muss ein Regisseur sein, wenn er sich auf so ein Projekt einlässt?
Neugier gehört zur Grundausstattung eines Regisseurs. Das ist sein Ur-Gen. Wenn Offenheit nicht in ausgeprägtem Maß vorhanden ist, hat man den falschen Beruf.

Vermissen Sie bei Kollegen manchmal die Neugier?
Ja, manchmal empfinde ich das so: Ich sehe zwar Filme mit originellen Ideen, habe aber trotzdem das Gefühl, dass die Geschichte den Machern nicht wirklich unter den Nägeln gebrannt hat. Zu so etwas hätte ich keine Lust.

Kennen Sie denn keine Ermüdungserscheinungen?
Ich bin in einer luxuriösen Position: Ich kann mir aussuchen, was mir gefällt, und das Projekt entwickeln. Das hat bislang fast immer geklappt. In diesem Fall habe ich sofort gespürt, dass ich mich in dem Stoff zu Hause fühle.

Wie hat sich Tom Hanks geschlagen: Der wäre doch bestimmt lieber bequem morgens in der kalifornischen Wüste aus einem standesgemäßen Wohnwagen ausgestiegen und ausgeschlafen am Set aufgetaucht.
Nein, so ist der überhaupt nicht. Wir brauchten eine echte Wüste. Beinahe den ganzen Globus haben wir danach abgesucht. Die Sahara sieht nun mal nur in der Sahara wie die Sahara aus.

Und Superstar Hanks spielte mit?
Für Hanks stellt sich diese Frage gar nicht. Wenn er Vertrauen zu einem Projekt gefasst hat, ist er dabei. Wenn es heißt, wir müssen in die Westsahara, dann sagt er: Okay, let's go! Wir haben im südlichsten Zipfel von Marokko gedreht, da gibt es keine Sternehotels. Wir haben uns gemeinsam in einem Haus eingenistet. Das Einzige, was es für Hanks gab, war ein Masken-Mobil fürs Schminken – kein Trailer!

Hätten Sie Ihren neuen Film auch ohne Hanks gedreht?
Im Nachhinein könnte ich mir das kaum vorstellen. Als ich das Buch von Dave Eggers aufschlug, stand da für mich schon auf der ersten Seite in großen Lettern: Tom Hanks! Wer sollte besser als er diesen aufrechten Zwangsoptimisten Alan Clay spielen, der mit Aktentasche im Nichts der Wüste auftaucht? Clay ist ein Auslaufmodell, klammert sich aber an sein Stehaufmännchen-Charisma – und irgendwann lässt er dann doch seine im ökonomischen Denken verankerte amerikanische Identität los, öffnet sich für die andere Kultur.

Egal ob "Lola rennt", "Der Krieger und die Kaiserin", "Heaven" oder nun "Ein Hologramm für den König": Glauben Sie tatsächlich an die befreiende Kraft der Liebe, die alles zum Besseren wenden kann?
Sogar in der größten Krise gibt es die Möglichkeit einer Begegnung. Und eine Begegnung ist die Urzelle von etwas Neuem und von Hoffnung. Daran glaube ich.

Angetrieben wird Ihr Film durch eine persönliche Krise der Hauptfigur. Sie sind gerade 50 geworden, Tom Hanks wird demnächst 60. Haben Sie am abendlichen Lagerfeuer übers Älterwerden geredet?
Man redet über alles Mögliche, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt. Man kommt sich da unweigerlich näher. Im Sandsturm haben wir endlos rumgesessen, gewartet und uns beinahe wie unsere Hauptfigur Clay gefühlt.

Und dann ging's um persönliche Dinge?
Ich bin durch meine Midlifecrisis schon durch, die liegt ein paar Jahre zurück. Ich weiß deshalb gut, wovon der Film erzählt: von der Angst, auf einmal nicht mehr gebraucht zu werden. Das ist verbunden mit Momenten großer Einsamkeit. Jahrzehntelang denkt man gar nicht darüber nach, ob das Leben, das man führt, das richtige ist. Und dann steht die Frage plötzlich im Raum: Ist das, was ich mache, genug, um ein ganzes Leben zu füllen? Funktionieren die Mechanismen noch, denen ich folge?

Jetzt sind Sie jedenfalls wieder ganz vorne dran: Sie inszenieren die Krimiserie "Babylon Berlin". Wie gut schlafen Sie vor so einem Mammutprojekt?
Wir fangen schon in ein paar Tagen mit dem Drehen an, aber damit komme ich gut klar. Wovor ich irren Respekt habe, ist die schiere Quantität von Arbeit und Drehzeit. Wir inszenieren 16 Episoden am Stück. Das ist so, als würde man acht Spielfilme in einem Jahr drehen. Zum Glück mache ich das ja mit meinen Regiepartnern Achim von Borries und Hendrik Handloegten zusammen. Das wird schon klappen. Wie gesagt: Durch meine Midlife-Crisis bin ich ja durch.

Zur Person

Regisseur Tom Tykwer, seine Frau Marie und der britisch-australische Schauspieler Hugo Weaving bei der Premiere von "Cloud Atlas" in Berlin. Quelle: Britta Pedersen / dpa

Sein Hunger auf Kino ist unstillbar: Schon als 13-Jähriger arbeitete Tom Tykwer in seiner Heimatstadt Wuppertal als Filmvorführer. Später machte er im Kino Moviemento in Berlin-Kreuzberg sein eigenes Programm. Einer wie er musste zwangsläufig hinter der Kamera landen – wenn auch nicht unbedingt mit einem so nachdrücklichen Formwillen, wie er ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten an den Tag legt.

Manche sprechen vom "Tykwer-Touch", einer schwebenden Unbestimmtheit, mit denen er seinen Figuren ganz eigene Freiheiten eröffnet. Sogar dann, wenn er ein Mammutprojekt wie die Patrick-Süskind-Verfilmung "Das Parfum" (2006) wuchtet, rettet er solche Momente in den Film.

Mit "Lola rennt" (1998), seinem dritten Film (nach "Die tödliche Maria" und "Winterschläfer"), elektrisierte der 1965 geborene Tykwer die Kinowelt: Titelheldin Lola – gespielt von Franka Potente, damals Tykwers Freundin – muss innerhalb von 20 Minuten 100 000 Mark für ihren in der Patsche sitzenden Hehler-Freund Manni auftreiben. Gleich dreimal rennt Lola los, jedes Mal nimmt die Geschichte einen anderen Ausgang, und trotz des peitschenden Tempos ist noch Zeit für ein paar Überlegungen über das Leben und die Macht der Liebe.

Von Kreuzberg nach Hollywood

Von diesem Kino-Spurt hörte auch Hollywood. Irgendwann ehrten sogar die "Simpsons" die rasante Lola mit der Episode "Trilogy of Error": Lisa Simpson rennt wie das deutsche Vorbild, allerdings durch Springfield. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tykwer zusammen mit Stefan Arndt, Dani Levy und Wolfgang Becker schon die Produktionsfirma X-Filme Creative Pool gegründet, seine Heimatbasis in Berlin. Die Idee hinter dem Unternehmen ist über all die Jahre geblieben: Freiraum für persönliche Filme soll hier geschaffen werden.

Einige von Tykwers wichtigsten Filmen sind unter dem Dach von X-Filme entstanden, etwa "Der Krieger und die Kaiserin" (2000), noch so eine Geschichte über bedingungslose Liebe. Auch als sich Tykwer mehr und mehr auf internationalem Parkett tummelte, blieb er X-Filme verbunden – siehe "Heaven" (2002) mit Cate Blanchett oder auch die spektakuläre Verfilmung des Bestsellers "Cloud Atlas" (2012), bei dem Tykwer zusammen mit den Wachowski-Geschwistern für die Regie verantwortlich zeichnete.

Nächstes Projekt: "Babylon Berlin"

Bei dieser komplizierten Vorlage mit sechs ineinander verwobenen Geschichten, die sich über Jahrhunderte erstrecken, lernte der Regisseur Tom Hanks kennen – und mit dem Hollywoodstar hat er nun auch seinen aktuellen Film "Ein Hologramm für den König" verwirklicht: Ein ausgebrannter US-Geschäftsmann (Hanks) wird nach Saudi-Arabien geschickt, um dem König ein High-Tech-Kommunikationssystem zu verkaufen. Auf dieser Reise beginnt der Handlungsreisende, seine Lebensprioritäten neu zu sortieren.

Tykwer ist schon mindestens ein Projekt weiter: Für ARD und Sky verfilmt er die Serie "Babylon Berlin". Der Krimi nach dem Roman von Volker Kutscher soll ein ganz großes Ding werden – hoffentlich mit dem typischen "Tykwer-Touch".

Von Stefan Stosch

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