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Wirtschaft BER-Monster soll gezähmt werden
Nachrichten Wirtschaft BER-Monster soll gezähmt werden
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00:29 21.03.2015
Technikchef Jörg Marks ist zuversichtlich.
Technikchef Jörg Marks ist zuversichtlich. Quelle: dpa-Zentralbild
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Schönefeld

Über dem Kopf von Jörg Marks klafft ein Loch in der Decke. Er zeigt nach oben auf nackte Stahlträger, Rohre, Kabel, Sprinklerköpfe. „Hier verlaufen Heizungsstränge, Klimatechnik, Kabel. Wenn aber die Reihenfolge nicht stimmt, haben sie brandschutzmäßig ein Problem“, sagt Marks. „Es darf nicht nach einer halben Stunde irgendwas herunterfallen, wenn es mal brennt.“ Inzwischen stimmt die Reihenfolge, erklärt Marks, der so hochgewachsen ist, dass es wirkt, als könne er mit bloßen Händen in der Hohlraumdecke herumfuhrwerken. Der Technikchef des Flughafens BER in Schönefeld (Dahme-Spreewald) steht im Nordpier, den die Behörden Ende vergangenen Jahres abgesegnet haben. Marks will demonstrieren, dass es voran geht auf Deutschlands berüchtigtster Baustelle.

Ein Jahr vor dem geplanten Bauende am neuen Hauptstadtflughafen laufen die Arbeiten nach Angaben des Technikchefs nach Plan. „Wir sind im Augenblick auf einem sehr guten Weg“, sagte Jörg Marks bei einer Baustellenbesichtigung am Mittwoch. Nur die Arbeiten an der Entrauchungsanlage im Terminal liegen etwas hinter dem Zeitplan.

Nur noch ein paar Pinselstriche müssten hier im Nordpier gezogen werden, sagt Marks. Die wichtige „Deckenhohlraumsanierung“ sei abgeschlossen: Unter den ansonsten abgehängten Decken wurden kilometerweise Trassen neu verlegt, weil die alten völlig überbelegt waren und drohten, im Feuerfall abzustürzen und womöglich Passagiere zu erschlagen. Einer der vielen Krisenherde des BER scheint entschärft.

480 Arbeiter ziehen Kabel und schrauben Trassen an

480 Arbeiter sind derzeit am BER im Einsatz, viele davon stehen auf Leitern, den Kopf in den finsteren Hohlraumdecken, und schrauben Trassen an oder ziehen Kabel ein. Sie haben es am Nordpier geübt. Der abgenommene und freigegebene Bauriegel dient nun sozusagen als Blaupause für die restliche BER-Reparatur. In genau einem Jahr soll sie abgeschlossen sein, dann soll die Entrauchung stehen, die Sprinkleranlage funktionieren, alle Kabel sauber gezogen sein, damit der Tüv und die Behörden den Bau endlich abnehmen können. Das wird inklusive des Probebetriebs mit Testpassagieren noch gut ein Jahr dauern. Irgendwann im zweiten Halbjahr 2017 soll der Flughafen dann endlich öffnen.

Mit diesem Zeitplan hatte Jörg Marks kurz vor Weihnachten den Aufsichtsrat überzeugt. Er war im Herbst von Siemens abgeworben worden, um die Nachfolge von Jochen Großmann anzutreten. Der galt, wie Marks heute, als Hoffnungsträger des BER, der den gordischen Knoten in der fehlgeplanten BER-Technik endlich zerschlagen würde. Doch dann stolperte Großmann über eine Korruptionsaffäre. Die bisweilen blumige Sprache seines Vorgängers will sich der eher nüchterne Marks nicht zu eigen machen. Großmann hatte die überkomplexe Brandschutzanlage als „Monster“ bezeichnet. „Ob es jemals ein Monster war, weiß ich nicht“, sagt Marks dazu. „Aber es ist sehr groß.“

In den Entrauchungskanälen könnten Autos fahren

Ansonsten verbreitet er Optimismus: „Wir sind im Augenblick auf einem sehr guten Weg.“ Dabei soll ein Erbe Großmanns helfen: die Frequenzmodulatoren. Mit ihnen lässt sich die Kraft steuern, mit denen die vier riesigen Ventilatoren im Keller des BER rotieren, um im Brandfall Rauchgas ab- und Frischluft anzusaugen. Im Brandschutz waren diese Bauteile bislang nicht erlaubt. Am BER dürfen sie jetzt eingesetzt werden. „Damit lässt sich die Leistung zwischen 40 und 100 Prozent regeln, das ist ähnlich wie bei einem Fön“, erklärt Marks. Ohne die Regler würden die Ventilatoren immer volle Pulle laufen. Egal, ob das Terminal in Flammen steht oder nur ein Abfalleimer in einem Büro qualmt.

Um die Dimensionen der Brandschutzanlage zu illustrieren, führt Marks seine Besucher in ein großes Gängesystem unter dem Terminal. Es sind breite Betonfluchten, durch die man bequem mit dem Auto fahren könnte. Tatsächlich sind es die Hauptarme der Entrauchungsanlage. Hier ahnt man das „Monster“.

Die Bauherren spielten „Wünsch-dir-was“

Wie falsch die Anlage geplant wurde, zeigt sich schon an der Zahl der Brandschutzklappen, mit denen die Luftströme geregelt werden. „Bei der ersten Ausschreibung wurden 300 Klappen vorgesehen“, erklärt Marks. „Jetzt sind es über 3000.“ Der Grund für solche Fehlkalkulationen ist nicht allein bei Planern oder Ingenieuren zu suchen. Die Bauherren, also die Länder Berlin, Brandenburg und der Bund, haben mit dazu beigetragen. Der Bau des BER wurde begleitet von einem großen Wünsch-dir-was, das unter anderem dazu führte, dass eine komplett neue Etage in das Mainpier eingezogen wurde. Die Folge: Die Etagenhöhen schrumpften jeweils, die Versorgungsstränge mussten irgendwie hineingequetscht werden, und die Technik war überfordert. „Auf einmal musste man viel mehr Systemleistung bringen, weil erheblich mehr Fläche dazugekommen ist“, sagt Marks.

„Das Thema Entrauchung ist entschärft“, sagt der Ingenieur am Ende seiner optimistischen Baustellenführung. „Aber wir müssen noch schneller werden. Wir dürfen keine Zeit verlieren“ Man sei zwar im Plan, und der milde Winter habe den Arbeitern in die Hände gespielt. Aber noch immer hakt es bei der elektronischen Steuerung der Frischluftzufuhr. Dafür müssen die tausenden Brandschutzklappen je nach Brandszenario präzise programmiert und aufeinander abgestimmt werden. „Da sind wir etwas hinter dem Zeitplan“, räumt Jörg Marks ein.

So soll der BER ans Netz gehen

Der Countdown läuft: Im zweiten Halbjahr 2017 soll der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) in (Schönefeld) eröffnen. So sieht der Plan von Technikchef Jörg Marks aus:

Entrauchung: Bis Ende April 2015 soll der wichtige Nachtrag zur Genehmigung der Entrauchungsanlage gestellt sein. Danach erhalten die Baufirmen ihre Detailpläne. Die Anlage soll Anfang März 2016 fertig sein.

Kabeltrassen: Die Hauptverkabelung, bei der 20 Kilometer neue Trassen gelegt werden müssen, soll im Spätsommer 2015 stehen. 60 Prozent der Trassen sind derzeit saniert.

Pier Nord/Pier Süd: Das Nordpier ist fertig und abgenommen. Das Südpier soll Ende des Jahres komplett sein.

Nordbahn: Im Mai soll mit der Sanierung begonnen werden, die noch zum alten Flughafen gehört. Doch mehrere Anwohner haben Widerspruch gegen die vorübergehende Freigabe der BER-Südbahn eingelegt, die während er Sanierung genutzt werden soll. Der Grund: Mangelnder Schallschutz.

Terminal: Das Fluggastterminal soll in genau einem Jahr, im März 2016 baulich fertiggestellt sein. Danach schließt sich eine gut einjährige Inbetrieb- und Abnahmephase samt Probebetrieb an.

Von Torsten Gellner