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Wirtschaft Einmalig in DAX-Geschichte: Aktionäre stimmen gegen Entlastung des Bayer-Vorstands
Nachrichten Wirtschaft Einmalig in DAX-Geschichte: Aktionäre stimmen gegen Entlastung des Bayer-Vorstands
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10:24 27.04.2019
Werner Baumann. Quelle: Maja Hitij/Getty Images
Bonn

Das hat noch nie ein DAX-Vorstand-Chef erlebt: Auf der Hauptversammlung am Freitag in Bonn, die sich bis in den späten Abend zog, stimmten 55,5 Prozent des anwesenden Grundkapitals gegen eine Entlastung des Unternehmensvorstandes. Das ist ein herber Rückschlag für Konzernchef Werner Baumann: 2018 war der Vorstand noch mit rund 97 Prozent entlastet worden.

Um Zurückhaltung bemühten sich die Bayer-Aktionäre nicht, als sie zuvor das Wort hatten: „Heute stehen wir vor einem Scherbenhaufen“, begann Ingo Speich seine Ausführungen. Speich stand für die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka am Mikrofon und vertritt für Millionen Sparer rund 1,1 Prozent der Bayer-Aktien. Vorstandschef Werner Baumann hatte zuvor seine Rede gehalten und gerechtfertigt, was Speich heftig kritisierte.

Der „Scherbenhaufen“, das ist der Börsenkurs des Leverkusener Pharma- und Agrochemiekonzerns – der Wert der Aktie ist seit der vergangenen Hauptversammlung um 39 Prozent gesunken. „Das ist eine Wertvernichtung historischen Ausmaßes“, wetterte Speich.

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Mit einem Börsenwert von nur noch rund 57 Milliarden Euro laufe Bayer Gefahr, zum Spielball der Märkte zu werden und selbst übernommen oder sogar zerschlagen zu werden. Die Ursache dafür sei die größte Übernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte: „Das Management hat eine kerngesunde Bayer mit dem Monsanto-Virus infiziert, doktert nun herum, hat aber auch kein heilendes Medikament zur Verfügung.“

Die schwächelnde Pharma-Forschung, der Verkauf von Unternehmensanteilen, der Abbau von weltweit 12.000 Stellen, davon 4500 in Deutschland – diese und weitere Bayer-Baustellen spielten am Freitag nur eine Nebenrolle.

Protagonisten sind Glyphosat und der Erwerb von Monsanto, auch vor dem World Conference Center: Neben den regelmäßig bei Bayer-Aktionärstreffen demonstrierenden Aktivisten der „Cooperation gegen Bayer-Gefahren“ protestierten diesmal Imker mit toten Bienen gegen das Pflanzengift. Die ankommenden Aktionäre mussten über einen Teppich lebloser Insekten schreiten, ein Sinnbild für das Artensterben.

Die meisten der rund 700 Demonstranten waren indes Schüler: Die Klimaprotestler von Fridays For Future aus Bonn und Köln hatten sich am Tag der Hauptversammlung zusammengeschlossen und forderten von Bayer eine landwirtschaftliche Zukunft ohne das Pflanzengift Glyphosat.

Warum ausgerechnet Monsanto?

In der Halle musste sich Baumann vor 3600 Aktionären gegen den Vorwurf wehren, den Erwerb von Monsanto nicht ausreichend geprüft sowie rechtliche und Reputationsrisiken unterschätzt zu haben. Die Vorteile der Kombination von Agrochemie- und Saatgutgeschäft lägen zwar auf der Hand, sagte Janne Werning, der im Auftrag von Union Investment die Interessen von mehr als vier Millionen Anlegern vertritt: „Aber warum musste es ausgerechnet Monsanto sein, das umstrittenste Unternehmen der Branche?“

Es gebe nichts zu beschönigen, sagte Bayer-Chef Werner Baumann. Quelle: AP

Es gebe nichts zu beschönigen, sagt Baumann gleich zum Auftakt der Hauptversammlung: „Die Klagen und die ersten Urteile zu Glyphosat lasten schwer auf unserem Unternehmen und verunsichern viele Menschen.“ 13.400 Personen klagen in den USA inzwischen wegen möglicher Krebsrisiken durch die Nutzung von Monsantos Glyphosat-haltigem Unkrautvernichter Roundup gegen den Bayer-Konzern. Die ersten zwei Verurteilungen zu jeweils rund 80 Millionen Dollar Schadensersatz sind zwar noch nicht rechtskräftig, haben aber den Aktienkurs zum Einsturz gebracht. Ein dritter Prozess läuft aktuell.

Milliardenschwere Risiken

Die finanziellen Risiken, die von den weiteren Klagen ausgehen, bewegen sich nach Meinung zahlreicher Analysten mindestens im mittleren einstelligen Milliardenbereich, einzelne Börsenkenner beziffern sie gar mit 35 Milliarden Euro. Werner Baumann gab unumwunden zu, dass die Glyphosat-Klagen Bayer noch jahrelang begleiten werden.

Dem Vorstand um Baumann die Entlastung für das Geschäftsjahr 2018 zu verweigern, haben zahlreiche Aktionäre im Vorfeld der Hauptversammlung bereits angekündigt. Der Bayer-Chef aber verteidigte die Übernahme: „Aufgrund der hervorragenden Aufstellung unserer Geschäfte, dem großen Potenzial für unsere Kunden, den Möglichkeiten für eine nachhaltigere Landwirtschaft sowie auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Logik war und ist der Erwerb von Monsanto der richtige Schritt.“ Die Risiken seien ausführlich geprüft und als „überschaubar“ bewertet worden, die Kursreaktionen auf die Prozessniederlagen „übertrieben“, der wahre Wert des Unternehmens nicht im aktuellen Börsenwert widergespiegelt.

Bayer will Glyphosat „entschieden verteidigen“

Als Bayer 2016 sein Interesse an Monsanto anmeldete, gab es laut Baumann lediglich 120 Glyphosat-Klagen. Die Behauptung der Klägeranwälte, Monsanto habe seine Kunden wissentlich einem Krebsrisiko ausgesetzt, weist der Vorstandsvorsitzende als „unglaubliche Vorwürfe“ zurück. Bayer werde Glyphosat „weiterhin entschieden verteidigen“, sagte er.

Unterdessen führte Baumann Geschäftszahlen und Prognosen an, um die unternehmerische Logik des Monsanto-Kaufs zu belegen: Der Umsatz mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut sei 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 49 Prozent gestiegen – der Großteil davon sei auf das akquirierte Geschäft zurückzuführen. „Wir werden aus der Übernahme von Monsanto ab 2022 Synergien in Höhe von jährlich einer Milliarde Euro realisieren“, sagte Baumann.

„Bei einer solch hohen Vernichtung des Börsenwerts können wir nicht mit gutem Gewissen entlasten“, hielt Deka-Vertreter Speich dagegen. Auch Union-Investment-Vertreter Werning sprach sich gegen die Entlastung aus, ebenso der Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Alle drei Redner erhielten dafür Applaus. Marc Tüngler, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), hätte lieber eine Vertagung der Entlastung auf eine folgende Hauptversammlung gesehen und enthielt sich, ebenso wie die Fondsgesellschaft DWS.

Von RND/Hendrik Geisler