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Wirtschaft Beginnt auf der IAA die E-Auto-Zukunft - oder wird die Messe zum Spießrutenlauf?
Nachrichten Wirtschaft Beginnt auf der IAA die E-Auto-Zukunft - oder wird die Messe zum Spießrutenlauf?
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12:43 10.09.2019
Bei der IAA soll es teilweise futuristisch zugehen - doch die deutsche Automobilindustrie steht heftig in der Kritik. Quelle: Boris Roessler/dpa

Die Demonstration am Samstag soll Zeichen setzen. Kinder und Erwachsene sollen nach Frankfurt kommen. Mit Rollatoren, zu Fuß, mit dem Kinderwagen und vor allem mit dem Fahrrad. Das Ziel: „Wir wollen zeigen, dass die Mitte der Gesellschaft das nicht mehr will“, sagte Uwe Hiksch vom Bundesvorstand der Naturfreunde, am Montag auf einer Pressekonferenz in Frankfurt. Er meint damit das, was er den „PS-Wahn“ der Autobauer nennt.

Anlass ist die Internationale Automobilausstellung (IAA) auf dem Frankfurter Messegelände. Am Eingang davor soll am Nachmittag eine Kundgebung stattfinden. 20 000 Teilnehmer erwartet die Polizei. Wie viele dann tatsächlich kommen, ist unklar. Klar ist aber, dass eine größere Zahl in einer Sternfahrt auf 13 verschiedenen Routen per Fahrrad nach Frankfurt unterwegs sein wird, und dass es der größte Gegenprotest in der Geschichte der IAA wird. Besucher der Autoshow müssen wohl mit erheblichen Verkehrsbehinderungen rechnen. Für die Kritiker ein Erfolg: „Die IAA wird mit Protesten belagert. Der jetzt geführte gesellschaftliche Diskurs ist der Beginn eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels", sagt die unter dem Pseudonym auftretende Aktivistin Tina Velo vom Bündnis „Sand im Getriebe“

SUVs boomen seit Jahren - trotz aller Kritik

Insgesamt sieben Umweltorganisationen und alternativen Verkehrsclubs tragen die „#aussteigen“-Aktion. Ihre Forderung: „Verkehrswende jetzt“. Naturfreunde-Bundesvorstand Hiksch wirft den Managern der Autobauer Versagen vor. Sie würden immer noch Konzepte der 1960er und 1970er Jahre verfolgen. Besonders groß ist unter den Organisatoren die Empörung über Sports Utility Vehicles (SUV). Die Wagen stehen nicht erst seit dem verheerenden Unfall von Berlin-Mitte mit vier getöteten Fußgängern in der Kritik. „Stadtpanzer“ bezeichnet Jürgen Resch sie.

Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe erwartet, dass in diesem Jahr erstmals mehr als eine Million dieser Fahrzeuge hierzulande verkauft wird. Die hochgebockten und meist schweren und PS-starken Pseudogeländewagen erleben seit Jahren einen Boom. Laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) waren die SUV im August mit einem Marktanteil von rund 22 Prozent erstmals die stärkste Pkw-Kategorie.

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Im Vergleich zum Vorjahresmonat stieg die Zahl der Neuzulassungen um gut elf Prozent. „Auf der IAA werden Klimakiller gefeiert", sagt Marion Tiemann von Greenpeace. Sie verlangt eine schnelle Umkehr: „Wollen die Hersteller nicht Teil des Problems bleiben, müssen sie schleunigst auf kleine, leichte, geteilte E-Autos setzen und Mobilität als Dienstleistung begreifen."

Verfehlte CO2-Ziele kämen Autobauer teuer zu stehen

Klar ist: Eine Umkehr muss kommen, wenn nicht nur die Klimaziele, sondern auch Abgasvorgaben der EU erreicht werden sollen. Derzeit liegen die hiesigen Autobauer deutlich über den Grenzwerten, die von 2021 an gelten sollen. Werden diese nicht erreicht, müssen die Hersteller bei jedem verkauften Pkw für jedes Gramm, das über dem Zielwert der Neuwagenflotte liegt, 95 Euro zahlen – da können Milliardensummen zusammenkommen. Aber: „Zum Erreichen der Vorschriften der EU ist es noch nicht zu spät“, sagt Peter Fuß, Autoexperte der Prüf- und Beratungsgesellschaft EY. „Keiner der Autobauer will sich mit Strafzahlungen blamieren“, so Fuß, „denn das würde massiv die Reputation und die Glaubwürdigkeit der Unternehmen schädigen“.

Lesen Sie: "Klimakiller an Bord“: Greenpeace blockiert SUV-Auslieferung

Tatsächlich sieht es überraschend gut aus. Aus einer aktuellen Studie der Umweltforscherorganisation ICCT im Auftrag der Denkfabrik Agora Verkehrswende geht hervor, dass trotz des SUV-Trends „unter plausiblen Rahmenbedingungen“ die Zielwerte erreicht werden könnten, so Agora-Direktor Christian Hochfeld. Daimler und BMW müssen laut ICCT-Studie die Neuwagenflotten von durchschnittlich 133 Gramm beziehungsweise 128 Gramm CO2 pro Kilometer im vorigen Jahr auf jeweils 102 Gramm kommen. Für Volkswagen gilt: von 122 auf 96 Gramm.

Mehr E-Autos sollen Treibhausgas-Emissionen senken

Wichtigste Voraussetzung für eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen sei „eine deutliche Steigerung der Zulassungen von Elektrofahrzeugen auf einen Marktanteil von acht bis 15 Prozent“, so Hochfeld. Laut KBA lag im August der Anteil der vollelektrischen Autos und der Plug-in-Hybride aber bei nur 2,6 Prozent. Fuß erinnert indes daran, dass die Autobauer „unheimlich viel“ in die Entwicklung neuer Antriebssystem investiert hätten: „Auf der IAA werden viele Elektroautos gezeigt, die wir vom nächsten Jahr an auf unseren Straßen sehen werden.“

Die wichtigsten Fakten zu Elektroautos

Um die Elektrifizierung zu schaffen, muss nach Hochfelds Ansicht aber auch die Ladeinfrastruktur ausgebaut werden – das soll Vertrauen in puncto Stromtanken bei potenziellen Käufern schaffen. Zudem fordert er eine „niedrigere Kfz-Steuer für emissionsarme Autos, die durch eine Steueranhebung für höher emittierende Fahrzeuge gegenfinanziert werden muss“.

Umweltschützer: Politik darf nicht auf Industrie bauen

Ähnliche Forderungen wurden schon aus dem Kreis der „#austeigen“-Demo-Veranstalter formuliert. Allerdings macht DUH-Chef Resch auch darauf aufmerksam, dass von Audi (E-tron), Porsche (Taycan) oder Mercedes (EQC) auf der IAA wuchtige Elektro-Vehikel mit enorm kraftvollen Antrieben präsentiert werden, „die die Welt nicht braucht“. Solche Autos sind mit großen Batterien ausgestattet, deren Herstellung riesige Mengen Energie verschlingt. Ganz wichtig ist deshalb für Resch, dass künftig weniger Autos unterwegs seien.

In die gleiche Richtung gehen auch die Forderungen von Ludger Koopmann, Vize-Chef des Fahrrad-Clubs ADFC. Es gelte, schnell neue Verkehrssysteme zu schaffen – zugunsten von Radlern. Die Politik dürfe nicht länger auf die Industrie bauen, denn die könne zwar „geile Autos“ bauen, habe aber „keine Ahnung von Verkehr und Mobilität“. Und daran werde die Branche letztlich kaputt gehen. Was ein Schlaglicht auf die Job-Frage wirft: Mehr als 800.000 Frauen und Männer arbeiten in dem Sektor. Doch ein Wandel könne gelingen, meint Hiksch. Ein konsequenter Ausbau von Bahnen und Bussen werde rund 500.000 neue Arbeitsplätze bringen.

VDA hofft auf CO2-neutrale Mobilität 2050

Erste Zeichen für einen Wandel gibt es immerhin schon - zumindest kulturell. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) geht auf seine Kritiker zu, sucht das Gespräch mit ihnen. Einem Bürgerforum in Berlin folgt eine weitere Veranstaltung während der IAA in Frankfurt. Man wollte im Jahr 2050 eine CO2-neutrale Mobilität erreichen, versichert VDA-Präsident Bernhard Mattes. Ob sich seine Gegnern mit dieser Ankündigung zufrieden geben, ist allerdings fraglich.

Von Frank-Thomas Wenzel/RND

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