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Wirtschaft „Blitzer-Klaus“ und Partner: Diese Firma ist mit Radarfallen groß geworden
Nachrichten Wirtschaft „Blitzer-Klaus“ und Partner: Diese Firma ist mit Radarfallen groß geworden
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21:31 30.03.2019
Zeigen die unterschiedlichen Radarfallen: Hendrik Sommer, Abteilungsleiter für den Bereich Operations (links) und Marketingchef Thomas Fabricius.  Quelle: Kerstin Schröder
Wismar

Abzocker – dieses Wort hören die Mitarbeiter der Wismarer Firma Vetro immer wieder. Außerdem werden sie von wütenden Autofahrern bepöbelt, beworfen und bespuckt. Denn sie sind Blitzer-Experten. Ihr Dienstleistungsgeschäft läuft so gut, dass die Mitarbeiterzahl stetig wächst – auf mittlerweile 68.

Angefangen hat das Unternehmen 1992 mit drei Mitarbeitern, den damaligen Gesellschaftern. Einer von ihnen ist der Wismarer Klaus-Rainer Schmidt, in der Region auch „Blitzer-Klaus“ genannt. Gemeinsam mit seinen damaligen Partnern hat er keine Blitzer gebaut, sondern Überwachungsgeräte vermietet – an Kommunen und Behörden.

Auslöser ist das steigende Verkehrsaufkommen nach der Wende, es gibt mehr Straßen, schnellere Autos und viele tödliche Unfälle. Deshalb setzt sich Schmidt in einen Lada 1500 und baut im Auftrag der Kommunen ein mobiles Messgerät auf. Das funktioniert damals noch mit Negativfilmen. „Die Fahrer und Kennzeichen scharf zu fotografieren, hat nicht immer geklappt“, berichtet Vertriebs- und Marketingchef Thomas Fabricius der „Ostsee-Zeitung.

Seit 2015 arbeitet die Blitzer-Technik autonom

Heute ist die Technik viel moderner. Seit 2006 arbeitet die mit Digitalfotografie, seit 2015 kann sie auch tagelang autonom arbeiten. Das heißt, kein Mitarbeiter der Firma oder Behörde muss mehr vor Ort sein. Der Enforcement-Trailer ist ein solches Gerät. Der weiße, klobige Kasten mit breitem Schlitz und Wismarer Kennzeichen hat als Hightech-Blitzer bundesweit Schlagzeilen gemacht. Er kann sich tagelang alleine mit Strom versorgen, überträgt die Daten verschlüsselt über Mobilfunk und ist mit seiner dicken Außenhülle gut gegen Vandalismus geschützt.

Wird von Vetro vermietet: der Blitzer-Trailer Quelle: Kerstin Schröder

Entwickelt und gebaut werden der Trailer und die anderen Geschwindigkeits- und Rotlichtüberwachungsgeräte von Vitronic in Wiesbaden. Das Unternehmen (1000 Mitarbeiter) ist auf dem Weg zum Weltmarktführer und hat die Wismarer Firma 2014 gekauft. Von der Hansestadt aus wird die Technik an den Straßenrand gebracht – allerdings nicht mehr persönlich von Gründer Schmidt.

Aber der Wismarer ist immer noch dabei – als Geschäftsführer. Aufgrund des starken Wachstums seiner ehemaligen Firma hat die im November 2018 einen Neubau im Wismarer Gewerbegebiet Dammhusen bekommen. Dort gibt es auch einen Hochsicherheitstrakt – den Bereich, in dem die Messdaten nach den Vorgaben der Auftraggeber aufbereitet werden.

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„Fahrer und Kennzeichen werden vergrößert, außerdem geben wir ein Aktenzeichen vor“, erklärt Fabricius. 15 Mitarbeiter seien in der Abteilung beschäftigt. Sie bearbeiten die 1,5 Millionen Datensätze im Jahr. „Wir gehören zu den größten Firmen in Deutschland in diesem Bereich“, betont der Marketingchef. Aufgrund des Erfolges werde darüber nachgedacht, das Vetro-Konzept weltweit anzubieten.

Weniger als ein Prozent der Blitzer-Verfahren werden eingestellt

Drei Monate haben Kommunen und Behörden Zeit, den Fahrer ausfindig zu machen, nach sechs Monaten muss das Verfahren abgeschlossen sein. „Manchmal wird die Technik angezweifelt, manchmal der Aufstellungsort. Aber letztlich werden weniger als ein Prozent der Verfahren eingestellt“, sagt Fabricius.

Die Technik werde einmal im Jahr geeicht und zertifiziert – und sie darf auch nicht überall positioniert werden. „Wir werden oft als Abzocker beschimpft. Aber unsere Auftraggeber dürfen die Geräte nur an ausgewiesenen Unfallschwerpunkten aufstellen und an Orten, wo die Kommunen präventiv tätig sein möchten, wie vor Kitas oder Schulen“, ergänzt er. Die Kameratechnik sei immer die gleiche – nur das Gehäuse ändert sich. Mal wird sie in ein Stativ, mal in eine Säule, mal in einen Trailer eingebaut.

22 Blitzer-Systeme rotieren deutschlandweit

22 Systeme lässt Vetro zurzeit deutschlandweit rotieren. Tendenz stark steigend. „Es gibt 430 Autobahnbaustellen, immer mehr Baufirmen fordern Schutz für ihre Mitarbeiter, weil die sich von Rasern bedroht fühlen“, berichtet Fabricius. Technik, die nicht autonom funktioniert, muss von speziell dafür ausgebildete Mitarbeiter der Firma oder der Behörde bedient werden. Sie werden oft beschimpft – und sie hören viele Geschichten wie „Die Frau auf dem Beifahrersitz ist nicht meine“ oder „Eigentlich bin ich krankgeschrieben und dürfte hier nicht unterwegs sein“.

Doch gelöscht werden die Daten deshalb nicht – auch weil sie dank moderner Technik mobil übertragen werden können. Die Vetro-Mitarbeiter können vom Firmensitz aus auf die Geräte zugreifen. Das wird vor allem bei den autonom arbeitenden getan. „Das System meldet sich, wenn etwas nicht stimmt. Wenn es kein Livebild mehr gibt oder die Perspektive sich geändert hat“, erklärt der Marketingchef. So könne man auch sehen, ob die Technik von wütenden Autofahrern beschädigt wurde. Das kann für die sehr teuer werden. „Ein System kostet um die 180 000 Euro, für Reparaturen ist oft eine vierstellige Summe nötig. Hinzu kommen die Ausfallgelder“, erklärt Fabricius.

Reparaturen übernimmt Vetro genau wie die Eichung und Wartung der Geräte. Um Service vor Ort zu garantieren, hat Vetro mittlerweile drei Servicestützpunkte in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

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Von Kerstin Schröder/RND