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Wirtschaft Brennen erst die Ölanlagen – und dann die ganze Welt?
Nachrichten Wirtschaft Brennen erst die Ölanlagen – und dann die ganze Welt?
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19:48 16.09.2019
Eine Rauchwolke über Saudi-Arabien – wer die Ölanlagen angegriffen hat, ist unklar. Quelle: Uncredited/Planet Labs Inc/AP/dp

Abends wird es derzeit nicht richtig dunkel in Abkaik, einer saudischen 30.000-Einwohner-Stadt nahe dem Persischen Golf. Der Himmel bleibt seltsam hell, die ganze Nacht. Denn noch immer schlagen gigantische Flammen aus der Raffinerieanlage des saudischen Konzerns Aramco, einer der größten der Welt. Am Morgen wiederum wird es nicht richtig hell. Qualmwolken blockieren die Sonne.

Schon seit Samstag, 3.31 Uhr Ortszeit, brennt es in Abkaik. Doch Löscharbeiten sind extrem mühsam in Anlagen dieser Art – sie werden sich, sagen Experten, noch etwas hinziehen: „Nicht einige Tage, sondern einige Wochen.“ Auch über Churais, gut zwei Autostunden von Abkaik landeinwärts, zogen am Montagmorgen Rauchfahnen kilometerweit in den Himmel.

Nie zuvor sind saudische Ölanlagen so vernichtend getroffen worden. Nie zuvor auch hat die Welt so gebannt zugesehen: Denn nichts verdüstert derzeit die weltweiten ökonomischen und politischen Perspektiven so sehr wie die Rauchwolken in Saudi-Arabien. Im schlimmsten Fall droht ein Krieg zwischen den USA und dem Iran.

Eine größere Krise als 2008?

Auch ohne militärische Eskalation könnten sich aber schon die bloßen psychologischen Schockwellen verhängnisvoll auswirken. Angesichts überbewerteter Aktienmärkte und erneut gewachsener Staatsschulden fürchten Regierungen rund um die Welt, dass plötzlich allzu viele Investoren auf einmal die Nerven verlieren und durch Kettenreaktionen eine neue Finanzkrise auslösen könnten – deren Format den Absturz von 2008 weit übertrifft.

Wird die weltweite Rezession, vor der Experten seit Langem warnen, am Ende von zündelnden Fundamentalisten herbei gebombt, die aus dem vergessenen Bürgerkrieg im Jemen heraus ein Zeichen setzen wollen gegen das verhasste saudische Herrscherhaus?

Unsere Waffen sind gesichert und geladen.

US-Präsident Donald Trump

Die US-Regierung ist hin- und hergerissen. Einerseits will sie weiter als der strenge Weltpolizist auftreten, der dem Iran gegebenenfalls auf die Finger haut. Andererseits fürchtet Präsident Donald Trump den mit einem möglichen Krieg verbundenen Absturz der ökonomischen Daten wie der Teufel das Weihwasser. Nur wenn der Dow Jones oben bleibt und die US-Arbeitslosenquote unten, kann er im kommenden Jahr mit einer Wiederwahl rechnen. Ein Großkonflikt mit dem Iran aber wäre ein doppeltes Abenteuer, ökonomisch und politisch. Seinen Anhängern predigte er stets, die USA sollten sich endlich zurückziehen aus den vielen unübersichtlichen Kampfzonen dieser Welt.

Stattdessen nun: Saudi-Arabien.

Was in Abkaik und Churais genau geschah, wusste unten am Boden zunächst niemand. Die Menschen nahe der Anlagen hörten nur eine Serie von Explosionen, danach erhoben sich schon gigantische Feuerwände.

Satellitenaufnahmen der USA deuten auf einen Luftangriff hin, offenbar mit einem Gemisch aus „sehr vielen“ Drohnen und Marschflugkörpern – wobei die Abgrenzung zwischen beiden Systemen längst verschwommen ist.

In Saudi-Arabien brennen Ölanlagen – doch wer sie in Brand geschossen hat, ist unklar. Eine Übersicht über die Akteure im Konflikt.

Manche Marschflugkörper sind heute wendiger und leichter denn je, Drohnen wiederum können mehr Lasten tragen als früher. Experten sehen Drohnen bereits als „Marschflugkörper des kleinen Mannes“ und preisen ihre niedrige Flughöhe, die es erlaube, sogar sehr moderne Radarsysteme zu unterlaufen. Beide Waffentypen ermöglichen jedenfalls präzise Nadelstiche aus sicherer Entfernung, ohne jedes Risiko für die eigene Seite.

Politisch bedeutsam ist jetzt, ob die Attacke eher dem Iran zugeordnet wird oder den im Jemen operierenden Huthi-Rebellen. Die Huthi, Widersacher der Saudis und der schwachen jemenitischen Regierung, werden zwar vom Iran unterstützt, unterstehen aber nicht direkt irgendeinem Kommando aus Teheran. Hätten sie die Angriffe auf Abkaik und Churais bewirkt, könnte Trump nicht ohne Weiteres den Iran dafür verantwortlich machen.

Führende US-Regierungsbeamte aber zeigten sich am Montag ziemlich sicher, dass die Attacke auf 17 technisch bedeutsame Ziele nicht von Süden kam, also aus dem Jemen, sondern von Norden – also eher aus dem Iran. Prompt drohte Trump: „Unsere Waffen sind gesichert und geladen.“

Iran, der Feind im Hintergrund

Unklar blieb aber, wem genau Trump eigentlich drohen wollte – oder müsste. Die Huthi-Rebellen im Jemen jedenfalls behaupteten am Montagnachmittag wieder, sie seien die Urheber der Luftangriffe. „Derartige Angriffe können wir jederzeit wiederholen“, erklärte der Sprecher der Huthi, Brigadegeneral Yahya Sare’e.

Ein Sprecher des saudischen Militärs wiederum, Colonel Turki al-Malki, sagte Reportern in Riad, die Angreifer hätten „iranische Waffen benutzt“. Dies wiederum lässt auch noch eine dritte Deutung zu: eine vom Iran nicht gesteuerte, aber doch indirekt unterstützte Attacke.

Anders als Außenpolitiker scheren sich Wirtschaftsführer weltweit freilich wenig um Details dieser Art. Immerhin konnten die meisten Investoren am Montag davon überzeugt werden, dass auch ein wochenlanger Ausfall von Öllieferungen aus Saudi-Arabien nicht gleich einen Absturz der Weltwirtschaft nach sich ziehen muss.

Zwar schnellte der Preis für ein Fass der wichtigsten Ölsorte Brent an der Londoner Börse in den ersten Handelsminuten rund 12 Dollar in die Höhe, das entspricht einem Plus von 20 Prozent. Das war das stärkste Plus innerhalb eines Tages seit 1988, als dort Termingeschäfte mit Öl gestartet wurden. „Wir haben noch nie einen solchen Versorgungsausfall und eine solche Preisreaktion am Ölmarkt gesehen“, sagte Saul Kavonic von Credit Suisse dem Finanzdienst Bloomberg.

Seit 1970 schwankte Ölpreis stets – und bei Krisen schoss er oft in die Höhe.

Im Laufe des Tages beruhigte sich die Lage aber wieder. Am Montagnachmittag kostete ein Fass noch rund 65 Dollar, das entspricht einem Aufschlag von gut 8,5 Prozent im Vergleich zum Schlusskurs vom Freitag. Zuletzt war Brent-Öl Mitte Juli so teuer. Vor einem Jahr wurden die 159 Liter für gut 67 Dollar gehandelt.

Inwiefern die Autofahrer hierzulande von dem Ölpreisschock betroffen sein werden, wird von der Entwicklung der nächsten Tage abhängen. In der Regel macht sich das Auf und Ab an den Rohstoffmärkten mit einer Verzögerung von drei bis vier Tagen an den Tankstellen bemerkbar. Gut möglich, dass es Ende der Woche eine zumindest kurzfristig spürbare Verteuerung für Benzin und Diesel geben wird – obwohl nach Informationen des Mineralöl-Wirtschaftsverbandes nur 1,7 Prozent des importierten Öls aus Saudi-Arabien kommen.

Wir haben noch nie einen solchen Versorgungsausfall gesehen.

Saul Kavonic, Credit Suisse

Der mit Abstand wichtigste Importeur mit einem Anteil von 36 Prozent ist Russland. Ein weiteres Viertel kommt aus Norwegen und den EU-Ländern. Dass die Ereignisse dennoch Auswirkungen auf den hiesigen Sprit- und Brennstoff haben können, hängt mit der starken globalen Vernetzung des Geschäftes mit dem Öl zusammen. Saudi-Arabien exportiert vor allem nach Asien und in die USA. Wenn dorthin nun jeden Tag mehrere Millionen Fass weniger geliefert werden, dann kann dies zunächst durch Vorräte in großen Öllagern ausgeglichen werden.

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Aber durch das geringere Angebot wird sich früher oder später die weltweite Maschinerie der Ölversorgung verschieben: Tanker, die ursprünglich für Europa bestimmt waren, werden nach Asien oder in die USA umgeleitet. Damit verringert sich das Angebot für den Alten Kontinent, was die Betreiber hiesiger Raffinerien in Form höherer Einkaufspreise zu spüren bekommen. Diese werden an die Autofahrer weitergegeben. Möglich ist das, weil der Spritmarkt zu rund 80 Prozent von fünf Konzernen – BP (Aral), Shell, Exxon-Mobil (Esso), Total, Conoco-Phillips (Jet) – kontrolliert wird. Häufig startet Marktführer Aral Preiserhöhungsrunden, die anderen ziehen dann nach.

Rückkehr zum Risikoaufschlag

Die Betreiberin der Anlagen, die staatliche Ölfirma Saudi Aramco, kann nach Einschätzung von Experten innerhalb weniger Tage die Produktion für einen signifikanten Anteil der jetzt ausgefallenen Mengen wieder hochfahren. Es dürfte aber viele Wochen dauern, bis die volle Kapazität wieder erreicht ist. Lücken können mittelfristig andere Akteure füllen, zumal die Erzeugung weltweit rationiert ist.

Die Internationale Energieagentur teilte am Montag mit, man sehe bislang keine Versorgungsengpässe. Die Märkte seien vorerst ausreichend versorgt. Dennoch verkündete Trump per Twitter, er habe die Freigabe von nationalen Reserven, die für Krisenfälle bestimmt sind, genehmigt. Es werde genügend Öl geben. Details nannte er nicht.

Ein mittelfristiger Preisanstieg aber gilt als sicher. Ein Insider aus Frankfurt formulierte es so: „Wir kehren zurück zu einem geopolitischen Risikoaufschlag.“

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Von Matthias Koch, Frank-Thomas Wenzel/RND

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