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Wirtschaft DDR-Schildermacher: „Meine Hände drücken nicht mehr aus, was ich sagen will“
Nachrichten Wirtschaft DDR-Schildermacher: „Meine Hände drücken nicht mehr aus, was ich sagen will“
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11:01 31.10.2019
Angela Jauernig, Bernd Schmidt und Herbert Gläser haben ihre Berufe durch den Mauerfall verloren. Quelle: jacqueline schulz/imago images/Panthermedia/Christian Ohde/RND Montage

Obwohl Bernd Schmidt für seine Arbeit zu alt ist, bleibt seine Arbeit bei ihm. Jeden Tag und fast überall, wo er hingeht. Denn fast überall, wo er hingeht, hängen seine Schilder. Direkt am Eingang seiner Tür des betreuten Wohnens, auf den Fluren, am Empfang und draußen im Park. Sie alle hat Schmidt gestaltet, denn Schilder waren sein Spezialgebiet.

Kranken-, Konzert- oder Rathaus, Ferienanlage oder Casino: Formgestalter Schmidt war der Mann, der sie beschilderte. „Schilder-Schmidt“ nannten sie ihn deshalb. Heute nennt ihn niemand mehr so. Sein Beruf ist Geschichte. Designer und Architekten machten ihn nach der Wende überflüssig. Nicht nur Schmidts Arbeit verlor mit der Wiedervereinigung ihren Sinn – die von Tausenden anderen ebenfalls.

Schildermacher Bernd Schmidt verlor durch den Mauerfall seinen Beruf. Quelle: Jacqueline Schulz

Denn auf dem Grund, auf dem Kohls „blühende Landschaften“ gedeihen sollten, welkte zunächst vieles, was dort vorher geblüht hatte: Von den 14.000 treuhandverwalteten Ostbetrieben wurden 4000 geschlossen, weil sie als unrentabel, abgewrackt und wettbewerbsunfähig galten. Hunderttausende Ostdeutsche verloren nach 1989 ihre Jobs. Noch bis 2005 stieg der Anteil der Arbeitslosen in Ostdeutschland kontinuierlich an; und selbst heute, fast 30 Jahre nach dem Mauerfall, liegt die Arbeitslosenquote im Osten verlässlich höher als im Westen. Es gibt dort noch immer weniger hochprofitable Branchen, weniger Großkonzerne und damit weniger Stellen.

Alte Strukturen brachen zusammen, Dutzende Berufe wurden binnen kurzer Zeit überflüssig. „Zwar gab es die meisten dieser Berufe zuvor auch im Westen“, sagt Veronique Töpel vom Sächsischen Wirtschaftsarchiv. „Aber dort gingen sie bereits vor der Wende in andere Berufe über.“ Nur viel sanfter.

Meine Hände drücken nicht mehr aus, was ich sagen will.

Bernd Schmidt

Das zeigt das Beispiel Bernd Schmidts: Die Jahre nach der Wende überlebte er nur, weil seine Kunden seine Arbeit noch immer zu schätzen wussten. Denn für jede Beschilderung erarbeitete er ein eigenes Konzept. „Jeder Ort braucht seine eigene Form, seine eigene Schrift, seine eigene Größe“ – das ist sein Credo.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

„Das ist eine eigene Psychologie.“ In Krankenhäusern etwa gehen die Menschen gebeugt, also müssten die Schilder dort niedrig hängen und ermutigend sein. In Verwaltungsgebäuden wiederum herrschten Aufregung und Angst, jedenfalls bei Besuchern. Entsprechend bedürfe es dort deutlicher, klarer Schriften.

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Noch im Ruhestand gestaltete Schmidt Schilder für die Initiative Bildung im Vorübergehen der Bürgerstiftung Halle, die Straßenschilder mit kurzen Erklärungen versieht. Heute ist selbst das nicht mehr möglich. „Meine Hände drücken nicht mehr aus, was ich sagen will“, sagt Schmidt, seine Augen ins Nichts der Erinnerung gerichtet. Aber seine Schilder bleiben und sind so geschätzt, dass viele Häuser sie nicht durch modernere ersetzen wollen.

Mit Handarbeit zum internationalen Erfolg

Der Wandel von überflüssig zu unverzichtbar gelang auch Herbert Gläser. Bis 2017 war er der letzte Drechselwerkzeugschmied der Bundesrepublik. In der DDR schmiedete er Werkzeuge, weil die Planwirtschaft nicht genügend produzierte, nach dem Mauerfall ersetzten Maschinen seine Arbeit. Gläser machte trotzdem weiter und spezialisierte sich auf Drechselwerkzeuge. Sein Vorteil: Maschinell hergestellte Werkzeuge halten einige Jahre, seine aber Jahrzehnte. Die Qualität sprach sich rum: Aus den USA kamen die Kunden, aus Vietnam, England, Österreich.

Wenn es in der Schmiede nicht qualmt, ist’s keine Schmiede.

Herbert Gläser

Ein Treffen mit Gläser, kurz vor der Rente. Bis das Schmiedefeuer warm genug ist, raucht Gläser eine Zigarette. „Wenn es in der Schmiede nicht qualmt“, sagt er, „ist‘s keine Schmiede.“ Die rußschwarzen Hände, in denen er die Zigarette hält, sind riesige Pranken, die Jahre der Arbeit hart und furchig werden ließen. Auf 800 bis 1100 Grad muss er den Hochleistungsstahl erhitzen, damit er ihn schmieden kann, nicht kälter, nicht heißer. „Kannst du nachlesen – bringt aber nichts. Das muss man fühlen.“

Werkzeugschmied Herbert Gläser veränderte sich mit dem Mauerfall beruflich. Quelle: Jacqueline Schulz

Weil Gläser es fühlen kann, war er gefragt in der DDR. Während andere über Gütermangel klagten, bekam Gläser alles, was er brauchte – indem er tauschte: Gläser gab Werkzeuge und nahm im Gegenzug Milch, Fliesen, Heizkörper und Motoren. Ein gutes Geschäft – bis zur Wende. Dutzende Schmiede im Erzgebirge gingen pleite damals und warfen ihre Bestände zu Spottpreisen auf den Markt. Gläsers Werkzeuge wurden wertlos – bis keiner mehr übrig war, nur er.

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Plötzlich war das Angebot winzig, aber die Nachfrage hoch. Und je schwerer es wurde, eines seiner Werkzeuge zu bekommen, desto größer wurde der Kult um ihn: In Youtube-Videos schwärmen Drechsler bis heute von Gläsers Schmiedeware. Der Sachse genoss das Lob, zu Geld machen konnte er es nicht. Ende 2017 ging er in Rente. Seither lebt er statistisch unter der Armutsgrenze. Seine Arbeit jedoch lebt fort: In den Werkstätten der Drechsler und in der Schmiede Neuhammer in Olbernhau, für die Gläser zuletzt arbeitete. Sie führt Gläsers Werk seit 2017 fort.

Eine alte Idee für neue Bedürfnisse

Statt mit dem einmal Gelernten einfach weiterzumachen, hat Angela Jauernig ihre Arbeit neu erfunden. Einem fast vergessenen Handwerk, dem Repassieren, also dem Reparieren von Strumpfhosen, verlieh sie dadurch neuen Sinn. Strumpfhosen waren zu DDR-Zeiten stoffene Kostbarkeiten: sehr teuer und schwer zu beschaffen. Weil wegwerfen keine Option war, reparierten Repassiererinnen für kleines Geld Löcher und Laufmaschen. Angela Jauernig übertrug nach der Wende die alte Idee auf neue Bedarfe: auf medizinische Kompressionskleidung.

Bei unseren Reparaturen geht es ja nicht nur um Schönheit.

Angela Jauernig

Der Markt ist riesig. Mehrere Millionen Deutsche tragen Kompressionskleidung – Strümpfe, Strumpfhosen, Ganzkörperanzüge. Zwischen 80 und 2500 Euro kostet solche Ware – reparieren lohnt sich wieder. Zusammen mit ihrem Mann gründete Jauernig ein Repassier-Start-up für Kompressionswaren, da waren beide bereits über 50. Das Problem: Die Maschinen, die sie für ihre Arbeit brauchten, waren unbezahlbar. So begann das Paar, alte Maschinen aus DDR-Beständen und aller Herren Länder zu beschaffen, die Jauernigs Mann umbaute.

„Bei unseren Reparaturen geht es ja nicht nur um Schönheit“, sagt sie. „Wichtig ist, dass die Kompressionsware nach der Reparatur wieder genauso funktioniert wie vorher.“ Laufmaschen repariert Frau Jauernig heute wie damals händisch mit einer Repassiernadel. Die Maschinen helfen beim Erneuern von Nähten und Haftbändern oder beim Vernähen von Fußspitzen.

Über die letzten fünf Jahre hat sich das Start-up am Markt etabliert, zunächst kritisch beäugt vonseiten der Kompressionswarenhersteller, heute weitestgehend akzeptiert. Dreieinhalb Näherinnen arbeiten mittlerweile in der 30-Quadratmeter-Werkstatt – und sogar aus dem Ausland trudeln Aufträge ein. Eine Vergrößerung ist schon geplant.

Angela Jauernig, die eine alte Idee neu belebte, Herbert Gläser, dessen Produkte erst wertlos, dann umkämpft waren, und Bernd Schmidt, dessen Schilder bis heute den Osten prägen, sind nur drei von vielen Beispielen dafür, wie der Mauerfall die Wirtschaft der neuen Länder veränderte. Und dass totgesagtes Wissen und vermeintlich überflüssige Fertigkeiten nach wie vor ihren Beitrag zu dieser Wirtschaft leisten.

30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"

Mehr aus der Serie „Mein Traum von Deutschland“? Klicken Sie hier.

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.

Von Julius Heinrichs/RND

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