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Wirtschaft Handwerker erklärt: Darum haben meine Mitarbeiter ein Drei-Tage-Wochenende
Nachrichten Wirtschaft Handwerker erklärt: Darum haben meine Mitarbeiter ein Drei-Tage-Wochenende
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12:12 30.03.2019
Mit der 4-Tage-Woche zufrieden: Markus Gaßner mit seinem Gesellen Jon Schwarz (l.) Quelle: ZDF/Silvia Palmigiano
Denkingen

Denkingen in Oberschwaben: Einige Straßenzüge, malerische Häuser und viel, viel Arbeit: Wie in weiten Teilen Süddeutschlands herrscht auch in dem Ort in Baden-Württemberg nahezu Vollbeschäftigung. Für Handwerker wie Markus Gaßner ist das aber auch ein Ärgernis. Der Chef eines Sanitär-Betriebs fand keine neuen Mitarbeiter mehr.

Dann wagte Gaßner das, was sonst eher Großbetriebe und hippe Tech-Unternehmen ausprobieren: In seinem Betrieb mit vier Angestellten experimentierte er mit Arbeitszeitmodellen. Und hatte mit der Vier-Tage-Woche schließlich Erfolg.

Herr Gaßner, wie lang haben Sie heute gearbeitet?

Heute habe ich bis 18.30 Uhr gearbeitet. Und um 6 Uhr angefangen, also insgesamt 13 Stunden. Aber das war ein eher kurzer Tag.

Arbeiten bei Ihnen im Betrieb alle so lang?

Nein, nur ich. Die anderen hatten früher Feierabend.

Das ist das Stichwort: Sie sind Handwerker und haben in Ihrem Betrieb eine 4-Tage-Woche eingeführt. Wie kam es dazu?

Wir hatten das Problem, dass unser Geselle gekündigt hat. Dann war ich praktisch der einzige Mitarbeiter. Und habe mich gefragt, wie kriegen wir das hin, in Zeiten des Fachkräftemangels Bewerber zu finden – gerade als kleiner Betrieb. Nicht nur im Bereich Sanitär-Heizung, sondern im gesamten Handwerk herrscht bei uns Vollbeschäftigung. Ein Heizungsbauer, der daheim sitzt und einen Job sucht, den gibt es bei uns nicht. Wenn heute einer kündigt, ist der morgen woanders angestellt.

Und Ihre Lösung?

Es kam mir in den Sinn, eine Vier-Tage-Woche für die Gesellen einzuführen - also beispielsweise Montag bis Donnerstag arbeiten und am Freitag frei. Wir haben uns gedacht, das probieren wir aus und haben es mit unserem Steuerberater durchgesprochen. Dann haben wir eine Anzeige geschaltet und das bei Facebook beworben.

Wie waren die Reaktionen?

Die Reaktionen waren erst eher verhalten. Einige riefen an und fragten nach, wie genau das abläuft. Viele meinten, dass sie sich nicht vorstellen könnten, dass das funktioniert. Andere haben gesagt, sie fänden das toll – aber die wohnten oft zu weit weg. Und dann hat sich einer beworben aus Ostdeutschland. Und der meinte, für ihn sei das ein gutes Modell.

Wie genau funktioniert das Modell?

Vorher waren es 40 Stunden, jetzt arbeiten die Gesellen bei uns 37 Stunden die Woche. Und zwar immer von 7 bis 17 Uhr mit 45 Minuten Mittagspause – aber eben nur vier Tage pro Woche. Das sind etwa 9,25 Stunden am Tag.

Das sind lange Tage. Hat darunter nicht die Produktivität gelitten?

Davon haben wir nichts gemerkt. Davor haben wir von 7.30 bis 17 Uhr gearbeitet und eine Stunde Mittag gemacht. Meistens war eh Freitagmittag die Luft raus, und man war nur noch physisch anwesend. Aber wenn die Gesellen am Donnerstag wissen, dass morgen frei ist, sind sie motivierter.

Im Fernsehen

Die Geschichte von Markus Gaßner und Ansätze anderer Betriebe, die mit neuen Arbeitszeitmodellen experimentieren, stellt die ZDF-Dokumentation Plan B vor. Sendetermin ist Samstag, 30. März um 17.45 Uhr.

Und wie reagieren andere Betriebe und Mitbewerber darauf?

In unserer Branche haben wir positive Reaktionen bekommen. In einem anderen Gewerk gab es einen, der damit nicht so ganz einverstanden war. Aber das kam auch etwas falsch rüber. Denn es ist ja so, dass ein Geselle montags nicht arbeitet und der andere Teil freitags frei hat. Das heißt, es ist die ganze Woche jemand verfügbar. Aber bei Einigen herrschte der Gedanke, dass wir am Donnerstagabend Schluss machen und es erst am Montag weitergeht. Und dass wir das lange Wochenende genießen. Aber das ist ja nicht so, es ist immer jemand da.

Und wie reagieren die Kunden?

Viele sagen, es wäre toll, wenn das bei ihnen im Betrieb auch so wäre. Wir haben das Modell jetzt seit eineinhalb Jahren, und es hat sich jetzt erst durch einen Zeitungsbericht rumgesprochen. Nun kamen die Kunden auf uns zu und sagten, dass sie gar nicht mitbekommen haben, dass wir nur vier Tage arbeiten.

Hat das Ihnen als Chef Mehrarbeit beschert?

Nee. Ich war ja vorher schon jeden Tag da und nehme mir meine Freizeit am Wochenende. Auch wenn ich dann den Notdienst mache. Aber auch wenn die Gesellen weniger arbeiten – ich muss nicht mehr buckeln als vorher.

Schielen Sie denn auch auf die Vier-Tage-Woche?

*Lacht* Nee. Ich könnte mir das selber gar nicht vorstellen. Ich habe ja genug zu tun, das wäre für mich nicht denkbar.

Was glauben Sie, wie zufrieden sind ihre Mitarbeiter mit der Vier-Tage-Woche?

So, wie sie es mir erzählen, sind sie damit sehr zufrieden. Ein Mitarbeiter sagt, dass er so seinen Sohn am Freitag von der Schule abholen kann und das lange Wochenende mit ihm verbringt. Und der andere freut sich, dass er am Montag daheim Sachen erledigen kann.

Und im Vergleich zu vorher?

Ich habe ja keinen direkten Vergleich, weil ich die Vier-Tage-Woche ja mit neuen Mitarbeitern angefangen habe. Aber ich habe schon das Gefühl, dass die Mitarbeiter ausgeglichener sind. Die Leute haben eben drei Tage am Stück frei, und da kann man schon gut abschalten.

Arbeitszeit wird wieder zum Thema

„Samstags gehört Vati mir“ war 1956 eine äußerst populäre Forderung: Die Gewerkschaften forderten die 5-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich – und setzten sich durch. Fast 60 Jahre später gewinnt das Thema Arbeitszeit wieder an Bedeutung: In mehreren wichtigen Tarifkonflikten ging es in den vergangenen Jahren nicht nur um höhe Entgelte, sondern auch um mehr Freizeit.

So setzte die IG-Metall durch, dass die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie künftig die Wahl zwischen Acht zusätzlichen freien Tagen oder einem höheren Gehalt haben. In Anspruch nehmen können die Regelung Beschäftigte, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder langjährig in Schicht arbeiten. Wer sich für mehr Geld entscheidet, bekommt ein Zusatzgeld in Höhe von 27,5 Prozent des Monatslohns.

Ersten Erhebungen zufolge wird das Modell angenommen: 190000 Beschäftigte hätten sich einer Befragung zufolge für zusätzliche freie Tage entschieden, teilte die IG-Metall kürzlich mit. Weitere 8000 hätten die neu geschaffene Möglichkeit genutzt, für begrenzte Zeit nur noch 28 Stunden wöchentlich zu arbeiten.

Von RND/hö

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