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Wirtschaft Klarer Befund: Operationitis
Nachrichten Wirtschaft Klarer Befund: Operationitis
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21:57 26.09.2013
In deutschen Kliniken wird schnell zum Messer gegriffen. Quelle: dpa
Hannover

Es klang verlockend, was dieser Mann versprach, ein beredter Herr, Oberarzt der Uni-Klinik. Keine Schmerzen mehr. Sport, Arbeit, alles wieder möglich. Komplikationen? Unwahrscheinlich. „Man wird da einfach überrannt“, sagt Regine B. heute. Damals war sie begeistert. „Was tut man da als vertrauensvolle Patientin?“, fragt Regine B. Man sagt Ja. Ja zur Operation. Zu diesem Zeitpunkt, Anfang 2008, hat Regine B., Sonderpädagogin aus dem Südwesten Deutschlands, schon einige Monate des Leidens hinter sich. Jazztanz, die Arbeit an der Sonderschule, wo sie die Kinder heben, halten, stützen muss, alles fällt ihr schwerer.

Bei drei Ärzten war sie. Sie gaben ihr Spritzen, verschrieben die erlaubten Sitzungen Krankengymnastik pro Quartal. Dann zuckten sie mit den Schultern. Budget erschöpft. Nur: Die Schmerzen waren nicht weg. Sie machten Regine B. empfänglich für die Worte des Spezialisten im Krankenhaus. Zuvor hatte nie ein Arzt von Operation gesprochen. „Dieser hier“, sagt B., „sprach von nichts anderem.“ Im Mai 2008 wurden bei ihr die Wirbel Th 11 bis L 2 mit zehn Schrauben versteift. Die Schmerzen wurden stärker.

Bis dahin hatte die 61-Jährige voll gearbeitet. Heute ist sie erwerbsunfähig. Sie kann keinen Sport mehr treiben, nichts wurde besser. Und so stellte sie sich immer häufiger eine wichtige Frage: War diese Operation wirklich nötig? „Wir können nicht ausschließen“, so sagt es ihr Anwalt Michael Timpf aus Hannover, „dass sich die behandelnden Ärzte auch von anderen Erwägungen als dem Patientenwohl leiten ließen.“ Man kann es auch so formulieren: Vielleicht ging es gar nicht um Frau B., sondern, vor allem, um Geld.

Ein Verdacht geht um in Deutschland: dass es den Krankenhäusern bei bestimmten Operationen weniger um die Kranken als vielmehr um sich selbst geht. Tatsächlich sind viele Kliniken in finanzieller Hinsicht kaum weniger krank als ihre Patienten. Ein großer Teil liegt im Minus, kleineren Häusern droht die Schließung. Jeder Eingriff hingegen bringt Geld in die leeren Kassen. Könnte es sein, dass mancher Chirurg die Kriterien für eine Operation da großzügiger auslegt? Die Zahlen jedenfalls stimmen skeptisch. Seit 2005 ist die Zahl der Operationen in Deutschland deutlich gestiegen.

Interview: Eine zweite Meinung ist wichtig

Potsdam - Andrea Fabris ist Beraterin bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) in Potsdam.

MAZ: Setzen wir in Deutschland zu schnell auf Operationen?
Andrea Fabris: Wenn wir uns den jüngsten OECD-Bericht anschauen, der Deutschland bei der Häufigkeit der Operationen ziemlich weit vorn sieht, dann scheint es so, dass wir zu schnell operieren.

Was empfehlen Sie Patienten, die unsicher sind, ob sie einer OP zustimmen sollten?
Fabris: Bei Erkrankungen, die nicht akut sind, sollte der Patient im Gespräch mit seinem Arzt nachfragen, ob es Alternativen in der Behandlung gibt. Er sollte sich die Zeit nehmen, über das weitere Vorgehen nachzudenken, und im Zweifelsfalle sollte er auch eine zweite oder sogar dritte Meinung von anderen Ärzten einholen.

Wann ist die Zweitmeinung aus Ihrer Sicht ratsam?
Fabris: Da sollte jeder auf sein Bauchgefühl hören. Wenn ein Arzt beispielsweise sehr schnell sagt: „Da operieren wir jetzt.“ oder wenn er verspricht, dass nach der OP alles super sein wird und man keinerlei Schmerzen mehr hat – dann sollte der Patient vorsichtig sein und weitere Meinungen einholen. Aber wie gesagt, Voraussetzung ist, dass nichts Akutes diagnostiziert wurde und noch genügend Zeit ist.

Wird denn der Besuch bei weiteren Ärzten auch von der Krankenkasse bezahlt?
Fabris: Es ist mein gutes Recht als Patient, eine zweite und auch dritte Meinung einzuholen. Dagegen kann keine Krankenkasse etwas sagen. Ebenso hat jeder Patient das Recht, bei seinem behandelnden Arzt eine Kopie der Krankenakte einzufordern und mit diesen Unterlagen weitere Mediziner zu konsultieren.

Sollte der behandelnde Arzt darüber informiert werden, wofür die Kopie gedacht ist?
Fabris: Das ist schwer zu sagen. Einige Ärzte befürworten es sogar, dass Zweitmeinungen eingeholt werden. Andere befürchten, dass dadurch das Vertrauensverhältnis gestört wird. Es gibt für den Patienten jedenfalls keine Pflicht, seinen Arzt über die Konsul tation eines weiteren Spezialisten zu informieren.

Interview: Ute Sommer

Besonders im Blickfeld: die orthopädischen Eingriffe. Die Zahl der Operationen an der Wirbelsäule, wie sie auch bei Regine B. vorgenommen wurde, hat sich seit 2005 mehr als verdoppelt. Weltweit an der Spitze stehen die deutschen Kliniken gar bei den Eingriffen an Hüfte und Knie: In keinem anderen Land werden so viele künstliche Gelenke eingesetzt wie hier. Dazu kommen rätselhafte regionale Unterschiede: In Schleswig-Holstein, Bayern und Hessen gibt es mehr Wirbel säulen-Operationen als in Mecklenburg-Vorpommern oder Baden-Württemberg. Medizinisch, räumen Experten ein, lasse sich das nicht erklären. Manche sprechen von einer „Operationitis“, die mal punktuell auftrete und mal flächenmäßig.

Als die Statistiker des Wissenschaftlichen Instituts der AOK die Zahlen genauer ansahen, fanden sie eine Auffälligkeit: Die deutlichsten Steigerungen gab es bei den Operationen, „die wirtschaftlichen Gewinn versprechen“, wie es im AOK-Krankenhausreport 2013 heißt. Ein besonders drastisches Beispiel sind die Wirbelsäulen-Eingriffe: Rund 12 000 Euro berechnen die Krankenhäuser für jede von ihnen. In krassem Gegensatz steht die Summe, die ein Orthopäde pro Quartal und Patient für Krankengymnastik verordnen darf: bescheidene 30 Euro. Ein Missverhältnis, an dem sich auch Ärztevertreter stören: „Für die Kosten einer Operation könnte man einen Rückenpatienten 100 Jahre konservativ behandeln“, klagt Professor Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und ortho pädische Chirurgie. Niedergelassene Ärzte würden so zur Überweisung in die Klinik gedrängt und Krankenhausärzte zur Operation.

Niethards Fazit: „Solche falschen Anreize sind Fehler im System.“ Er spricht von „voreiligen, hochgradig widersinnigen Operationen“, die im Medizinbetrieb belohnt werden – und hält das System der Fallpauschalen für mitverantwortlich. 2004 eingeführt sieht es vor, dass Kliniken pro Patient eine festgelegte Summe bekommen, statt dass sich die Bezahlung wie früher individuell zum Beispiel nach der Zeit richtet, die der Kranke in der Klinik verbringt.

Von 2005 bis 2011 ist die Zahl der Krankenhausfälle pro Einwohner um 11,8 Prozent gestiegen. Kritiker beklagen, dass die Entlohnung von Chefärzten oft an die Zahl ihrer Fälle gekoppelt ist. Niethard sieht „eine Vielzahl von Wucherungen“ im medizinischen System. Wie sie sich auswirken, weiß der Berliner Arzt Jan-Christoph Loh. Der 33-Jährige hat vier Jahre in einer Uni-Klinik operiert. An Chefarzt-Sprüche wie „Fälle gleich Stelle“ erinnert er sich gut.

Loh hat Konsequenzen gezogen – und 2011 das Portal „vorsicht-operation.de“ mitgegründet. Die Bilanz bislang: In 60 Prozent der Fälle raten die Experten von einer Operation ab oder empfehlen eine andere Therapie. Speziell für Rücken-OPs kamen die Zweitmeinungsspezialisten der Techniker Krankenkasse sogar zu einem noch schlechteren Ergebnis. Ihr Fazit: „87 Prozent der Rücken-Eingriffe sind unnötig.“

Aber wird in Deutschland wirklich systematisch leichtfertig operiert? Spricht eine hohe Zahl von Eingriffen nicht auch für ein funktionierendes Medizinsystem? Professor Henning Windhagen, Ärzt licher Direktor der Orthopädischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, fordert Differenzierung – und schlägt ein Experiment vor: Man möge sich in London, New York und in Deutschland an einen belebten Platz setzen – und zählen, wie viele Menschen hinken. Windhagen weiß auch schon, wo: In London und New York würde man viele Menschen hinken sehen. „In Deutschland nicht.“ Windhagen und seine Kollegen setzen pro Jahr gut 2000 künstliche Knie und Hüften ein – auf Wunsch der Patienten.

Ältere Menschen hätten heute andere Ansprüche an ihre Mobilität als früher: „Die Leute sind nicht damit zufrieden, mit dem Stock auf der Bank zu sitzen. Sie wollen Berge besteigen und Tennis spielen.“ Die Erfolgsraten bei Hüft- und Knie-Operationen sind hoch. Dass in anderen Ländern viel weniger Gelenke eingesetzt werden, erklärt Windhagen mit langen Wartezeiten und schmalen Budgets. Hier hingegen registriert er eine regelrechte „Kampagne gegen die Endoprothetik“ – die ungerecht sei: „Der Vorwurf, dass wir unnötig operieren, ist grotesk.“ Alles auf Wunsch und zum Wohl der Patienten also? Regine B. ist skeptisch. Sie ahnt, dass sie auch Opfer ihrer eigenen Gutgläubigkeit war.

Von Thorsten Fuchs

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