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Wirtschaft Nach Flugchaos 2018: Condor-Chef rechnet mit weiteren Problemen
Nachrichten Wirtschaft Nach Flugchaos 2018: Condor-Chef rechnet mit weiteren Problemen
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16:37 27.03.2019
Ein Passagierflugzeug der Condor – die Airline würde gern verkauft werden. Quelle: dpa
Frankfurt

Politiker und die Manager von Airlines und Airports haben sich vor einem halben Jahr auf eine Art Sofortprogramm geeinigt, um eine Wiederholung des Flugchaos vom vorigen Sommer zu verhindern. Diesen Donnerstag soll auf einem zweiten Luftfahrtgipfel Bilanz gezogen werden. Doch Condor-Chef Ralf Teckentrup befürchtet, dass es wieder zu zahlreichen Verspätungen kommen wird – weil es bei der Flugsicherung an Personal mangelt und weil es bei der Organisation der Sicherheitskontrollen an den Flughäfen hapert.

Herr Teckentrup, mit Ostern kommt die erste große Reisewelle in diesem Jahr. Wird sich das Chaos von 2018 an den Flughäfen wiederholen?

Voriges Jahr ist Air Berlin mit 130, 140 Flugzeugen insolvent gegangen. Mehrere Airlines haben die Maschinen und das Personal übernommen. Das wird es dieses Jahr nicht geben. Airlines, Flugsicherung und Flughäfen haben zudem in die Kasse gegriffen, um sich zu rüsten.

Haben auch Sie in die Kasse gegriffen?

Wir haben bei Condor jetzt sieben Reserveflugzeuge statt zuvor dreieinhalb bei einer Flotte von knapp 60 Maschinen. Das ist eine von vielen Maßnahmen, an deren Umsetzung ein ganzes Team seit mehreren Monaten arbeitet. Wir wollen unser Qualitätsversprechen als Condor im kommenden Sommer erfüllen.

Mehr Puffer beim Fluggerät kostet aber doch Geld?

Das stimmt. Aber eine Airline mit fünf Prozent Flugausfällen und Drei-Stunden-Verspätungen bekäme dauerhaft keinen Kunden an Bord. Für den Sommer 2019 haben wir zusätzliches Personal am Boden und in der Luft eingestellt, planen auch mit mehr Reserven im Flugplan. Wir haben dann permanent fünf zusätzliche Crews zur Verfügung, die in maximal 30 Minuten an einem Reserveflugzeug sein können. Wir haben auch mehr Leute in der Technik eingestellt. Wir haben mehr Ersatzteile, auch mehr Reservetriebwerke, also in allen Bereichen mehr Reserven.

Zur Person

Ralf Teckentrup, Jahrgang 1957, ist der Vorstandschef des Ferienfliegers Condor, der noch zum deutsch-britischen Reisekonzern Thomas Cook gehört. Der diplomierte Wirtschaftsingenieur begann 1986 seine Karriere bei Lufthansa. Dort war er unter anderem für das Controlling, das Netzmanagement und das Marketing verantwortlich. 2004 kam er zu Condor.

Mit dem Zusammenwachsen der vier Fluggesellschaften des Konzerns übernahm Teckentrup 2013 zudem die kommerzielle Leitung der Thomas Cook Group Airline. Seit 2007 ist Teckentrup außerdem Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Fluggesellschaften (BDF). Anfang Februar hat Thomas Cook eine „strategische Überprüfung“ seiner Luftfahrtsparte angekündigt. In der Branche kursieren seither Spekulationen, wer die vier Airlines übernehmen könnte. Lufthansa gilt als einer der Favoriten.

Aber waren nicht auch die Airports ein großes Problem?

Auch da wurde aufgerüstet. Doch es gibt beim Sicherheitspersonal noch immer personelle Engpässe. Die Sicherheit an den Flughäfen ist eine Achillesferse. Prozesse, Organisation und Verantwortlichkeiten – da muss noch deutlich nachgebessert werden. Die Polizei macht dort einen guten Job, keine Frage. Aber die Produktivität ist im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern auf keiner zufriedenstellenden Qualitätsstufe. Und damit bilden sich einfach lange Schlangen mit hohen Wartezeiten für unsere Kunden. Hier ist eindeutig die Politik gefordert.

Wie sieht es bei der Flugsicherung aus?

Die andere Achillesferse ist die europäische Flugsicherung. Der deutsche Luftraum ist der am stärksten belastete in Europa. Im oberen Luftraum bei den Überflügen ist sehr viel Verkehr. Maschinen kommen von den deutschen Flughäfen oft nicht rechtzeitig raus, weil es im oberen Luftraum keinen Platz gibt. Da ist der Nachfragezuwachs im europäischen Luftverkehr unterschätzt worden, dafür gibt es jetzt zu wenig Fluglotsen.

Und nun auch noch Probleme mit der Software der Deutschen Flugsicherung.

Ja, das hat uns in den letzten Tagen auch belastet und zu Verspätungen geführt, weil Slots von abfliegenden und ankommenden Flügen nicht eingehalten werden. Eine solche Verspätung kann man unter Umständen den ganzen Tag mitziehen und dafür haben Passagiere nachvollziehbarer Weise kein Verständnis.

Was läuft da schief? Was muss die Politik besser machen?

Die hoheitliche Aufgabe der Flugsicherung ist auf europäischer Ebene stark reguliert. Die Personalkosten sind sehr hoch. Es werden Fünf-Jahres-Pläne erstellt, die dann abgearbeitet werden, ohne sie anzupassen. Neben einer Lösung für die Probleme in Deutschland brauchen wir auch eine europäische Lösung. Ich räume ein, dass das ein schwieriger Prozess ist. Sie müssen 27 Länder erst einmal an einen Tisch kriegen. Und nationale Bedenken spielen da immer eine Rolle. Kurzfristig lässt es sich nicht mehr ändern: Wir haben zu wenig Lotsen. Das wird leider auch 2020, 2021 und 2022 so sein.

Es wird also wieder Chaos geben?

Die deutsche Luftverkehrswirtschaft hat gemeinsam mit der Politik viele Anstrengungen unternommen, die für eine Verbesserung sorgen werden. Aber ja, es kann wieder zu Engpässen kommen. An einzelnen Flughäfen wird es Probleme mit der Sicherheit geben und gerade deshalb ist es wichtig, dass es hier kurzfristige Veränderungen geben wird. Die Problematik der europäischen Flugsicherung bleibt ebenfalls bestehen. Aber: Airlines, Flugsicherung und Airports haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die werden wir beim Spitzentreffen in Hamburg am Donnerstag vorlegen.

Wie sieht es mit den Hausaufgaben der Politik aus?

Es gibt hier verschiedene Lösungsansätze für die aktuellen Probleme. Es ist ganz klar: Das muss international geregelt werden.

Wird es denn dieses Jahr wieder so viel Flugverkehr geben wie 2018?

Es wird in diesem Jahr erneuter Zuwachs bei der Nachfrage erwartet. Das hatten wir voriges Jahr auch – da lag der tatsächliche Zuwachs dann aber weit über den Erwartungen, vor allem im oberen Luftraum. Genau das hat die Flugsicherung aus der Kurve getragen. Dafür gab es nicht genügend Lotsen. Mein Eindruck ist, dass das gesamte System der Flugbewegungen über Deutschland an eine Grenze gekommen ist und schneller instabil wird.

Wie verträgt sich diese Vielfliegerei mit dem Klimaschutz? Ein Langstreckenflug und ein Fluggast hat sein theoretisches CO2-Kontingent für ein ganzes Jahr aufgebraucht.

Schon jetzt fliegen Sie bei deutschen Airlines mit 3,58 Liter pro 100 Kilometer und Passagier. Condor wird regelmäßig von der Klimaschutzorganisation Atmosfair ausgezeichnet. Bis 2050 wollen alle Airlines klimaneutral fliegen. Mit weniger Verbrauch und klimaneutralem Treibstoff. Mit jeder neuen Flugzeuggeneration sinkt der Spritverbrauch um 20 Prozent. Eine neue Generation von Flugzeugen und Triebwerken wird kommen.

„Wenn die Lufthansa Interesse hat, soll sie sich melden

Nun wird verstärkt über eine CO2-Steuer diskutiert. Können Sie damit leben?

Unabhängig von der Art der Steuer, ist eines besonders wichtig: Es darf keine Insellösungen in Deutschland oder Europa geben, denn das verzerrt den Wettbewerb, wie es schon die Luftverkehrssteuer tut.

Apropos Wettbewerb. Der Charterflieger Germania hat gerade aufgegeben. Es gibt das Szenario, dass wegen des harten Wettbewerbs in Europa fünf große Gruppen – Lufthansa, Air France-KLM, die British Airways-Mutter IAG, Ryanair, Easyjet - letztlich übrig bleiben werden. Stimmen sie zu?

Die großen Fünf werden ihre Marktanteile von derzeit knapp unter 50 Prozent in Europa in den nächsten zehn Jahren auf 60, 70 Prozent schrauben. Die 30 Prozent werden dann aber immer noch von kleineren Spezialisten abgedeckt.

Wird Condor künftig als Spezialist agieren oder von einem der Großen aufgesaugt?

Das kann ich nicht sagen.

Lufthansa-Chef Spohr hat kürzlich gesagt, er könne sich mehr touristische Flüge von Frankfurt aus gut vorstellen. Ein Wink mit einem Zaunpfahl für eine Übernahme von Condor?

Ich kann Spohrs Idee nachvollziehen. Wir fliegen im kommenden Winter von Frankfurt aus mit 16 Maschinen. Das würde zur Lufthansa passen. Wenn die Lufthansa Interesse hat, sollte sie sich bei unserer Muttergesellschaft Thomas Cook melden, die sich überlegt, die Airlines des Konzern zu verkaufen. Wir sind eine Gesellschaft, die kerngesund ist und Geld verdient. Wer uns kauft, will mit der Airline etwas anfangen. Deshalb bin ich entspannt und guter Laune.

Von Frank-Thomas Wenzel