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Wirtschaft So steht es um Brandenburgs Krankenhäuser
Nachrichten Wirtschaft So steht es um Brandenburgs Krankenhäuser
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00:21 31.12.2018
Werden Kliniken zum Notfall? Einige Häuser in Brandenburg schreiben rote Zahlen. Quelle: Marcel Kusch/dpa
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Potsdam

Der Klinikbetrieb wird aufrecht erhalten, die Mitarbeiter werden weiter bezahlt, die Patienten sollen nichts mitbekommen, doch hinter den Kulissen brodelt es: Nachdem das Krankenhaus Luckenwalde (Teltow-Fläming) vor zwei Wochen Insolvenz anmelden musste, steht dem Haus nun eine Sanierungskur bevor. Womöglich wird das Haus verkauft. So lief das auch, als die Paracelsus-Klinkgruppe pleite ging, einer der großen privaten Klinikbetreiber Deutschlands. Sie wurde im August an eine Beteiligungsgesellschaft verkauft. Abgewickelt wurde die Übernahme durch den Insolvenzsachverwalter Rainer Eckert, der nun auch das Luckenwalder Krankenhaus retten soll.

Luckenwalde als Einzelfall?

Ist Luckenwalde symptomatisch für die Krankenhauslandschaft insgesamt? Nein, heißt es dazu von allen Seiten. Zum Fall Luckenwalde will sich die Landeskrankenhausgesellschaft Brandenburg (LKB) und deren Geschäftsführer Jens-Uwe Schreck nicht äußern. Dies sei ein Einzelfall, so die Botschaft.

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Luckenwalde gehört zur DRK Krankenhausgesellschaft Thüringen und Brandenburg, die noch drei Häuser in Thüringen unterhält. Dort war es vor allem der defizitäre Standort Bad Frankenhausen, der am Ende die ganze Gesellschaft in die Insolvenz gerissen hatte.

Und dennoch warnt die LKB davor, dass unabhängig davon mehrere Häuser in Brandenburg derzeit vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen stehen. Um welche Kliniken es sich handelt, will die LKB, der Dachverband der märkischen Krankenhäuser, auf Nachfrage nicht nennen.

„Was sich bereits Ende vorigen Jahres abzeichnete, hat sich in 2018 deutlich gezeigt. Immer mehr Krankenhäuser kämpfen um die schwarze Null – von Überschüssen nicht zu reden – eine Reihe von ihnen wird dieses Jahr mit roten Zahlen abschließen“, sagt der Vorsitzende der Landeskrankenhausgesellschaft Detlef Troppens.

Prognose: Jedes zweite Krankenhaus rutscht in die roten Zahlen

Im Sommer hatte der wichtige Branchenbericht – der Krankenhaus-Rating-Report – bereits auf die schwierige Situation deutscher Kliniken insgesamt hingewiesen. Zwar ist die Rendite der Krankenhäuser leicht gestiegen. Allerdings geht der Report des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung davon aus, dass sich die Situation vieler Einrichtungen bis zum Jahr 2025 deutlich verschlechtern könnte. Bis dahin könnte mehr als die Hälfte der deutschen Krankenhäuser in die roten Zahlen rutschen. Fast jedes vierte Klinikum wäre dann insolvenzgefährdet.

Was sind die Probleme? Die Gründe sind wie so oft im demografischen Wandel zu suchen. Die Menschen werden älter und damit versorgungsbedürftiger. Laut einer Untersuchung der Barmer-Krankenkasse leiden in der Altersgruppe der über 80Jährigen Brandenburger schon 60 Prozent unter mindestens zehn chronischen Krankheiten. Die Nachfrage in den Kliniken wird also größer, während das Arbeitskräftepotenzial der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zurückgeht. Zugleich hinken die Einnahmen von Krankenhäusern durch ein kompliziertes Abrechnungssystem oft den steigenden Ausgaben etwa durch Lohnerhöhungen hinterher.

Deutlich weniger Betten, dafür viel mehr Fälle

Dabei arbeiten die märkischen Kliniken schon heute vergleichsweise effizient. 53 Krankenhäuser gibt es in Brandenburg. 1991 waren es noch 67. Die Zahl der Betten ist deutlich gesunken, von knapp 23.000 (1991) auf 15.400 (2017). 1991 kamen damit auf 10.000 Einwohner noch 89 Klinikplätze, zuletzt waren es nur noch 61,5. Die Kliniklandschaft hat sich also schon enorm konzentriert. Zugleich ist die jährliche Fallzahl aber deutlich gestiegen – von 386.000 (1991) auf 567.000 im letzten Jahr. Dass diese deutlich höhere Patientenzahl mit weniger Betten und Krankenhäusern aufgefangen werden kann, liegt vor allem daran, dass die Behandlungsdauer deutlich gesunken ist. Anfang der 1990er lagen die Patienten noch im Schnitt fast 16 Tage im Krankenhaus, 2017 waren es 7,9 Tage. Förmlich explodiert sind in dem Zeitraum die durchschnittlichen Behandlungskosten pro Patient: von 1700 auf 4000 Euro.

Die Kliniken klagen darüber, dass sie, was notwendige und teure Investitionen angeht, unterfinanziert sind. Seit Jahren blieben die Investitionen durch das Land hinter dem Notwendigen zurück, sagt der Vorstand der Krankenhausgesellschaft Detlef Troppens. Im gerade verabschiedeten Doppelhaushalt 2019/20 seien 20 Millionen Euro mehr für Krankenhausinvestitionen vorgesehen. „Wir sehen durchaus, dass sich hier unsere Landesregierung um Verbesserung bemüht“, so Troppens. „Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dabei kann es aber nicht bleiben.“ Der Nachholbedarf sei erheblich.

Kassen fordern größere Krankenhäuser

Die Krankenkassen drängen dagegen darauf, dass sich Kliniken spezialisieren und jedes Jahr eine Mindestanzahl von Eingriffen in einem bestimmten Bereich vorweisen sollen. Die AOK fordert etwa, dass Kliniken mit 500 Betten in Zukunft nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel werden.

Doch das würde in einem dünn besiedelten Flächenland wie Brandenburg erhebliche Verwerfungen mit sich bringen. Denn die allermeisten Häuser sind deutlich kleiner. Luckenwalde etwa hat 250 Betten. Nur sieben Häuser haben laut Krankenhausstatistik mehr als 500 Betten. Dass es im Wahljahr 2019 jedoch zu politisch verordneten Krankenhausschließungen oder zu Fusionen kommt, ist eher unwahrscheinlich.

Ministerin will strenge Qualitätsvorgaben umgehen

Einen Fingerzeig in diese Richtung gab Gesundheitsministerin Susanne Karawanskij (Linke) bereits. Sie will das Krankenhaus-Entwicklungsgesetz ändern und hat dazu bereits die Rückendeckung des Kabinetts. Dadurch soll die Schließung von Krankenhäusern verhindert werden, wenn sie bestimmte Qualitätsvorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte, Krankenhausgesellschaften und Krankenkassen nicht erfüllen. Dabei geht es unter anderem um bestimmte Fallzahlen, die ein Haus erreichen soll. Es müsse zwischen diesen Qualitätsvorgaben und der Notwendigkeit einer flächendeckenden Versorgung abgewogen werden, meint Karawanskij.

Das hält auch die Landesärztekammer für den richtigen Weg. „Qualitätsanforderungen für Krankenhäuser sind gut und richtig. Aber sie verbessern die gesundheitliche Versorgung nur dann, wenn sie die Besonderheiten vor Ort berücksichtigen“, heißt es dort. Ärztekammerpräsident Frank-Ullrich Schulz ist überzeugt: „Zentralisierte Pauschallösungen führen nicht automatisch zu einer besseren Qualität in der Versorgung.“

Von Torsten Gellner