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Wirtschaft Ohne Abschluss ist Arbeitslosen-Risiko fünfmal höher
Nachrichten Wirtschaft Ohne Abschluss ist Arbeitslosen-Risiko fünfmal höher
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15:40 26.02.2018
Bernd Becking ist seit einem Jahr Chef der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit.   Quelle: Julian Stähle
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Berlin

 Seit genau einem Jahr ist Bernd Becking jetzt Chef der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit.

Herr Becking, Sie sind ehemaliger Bundeswehr-Luftwaffenoffizier, haben eine Militärkarriere im In- und Ausland hinter sich. Ist das für die Leitung einer großen Behörde eher von Vor- oder Nachteil?  

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Ich bin jetzt 12 Jahre von der Bundeswehr weg. Zuletzt war ich Generalstabsoffizier im Bundesverteidigungsministerium und dort im Bereich Sicherheits- und EU-Politik tätig. Zur militärischen Ausbildung gehörten eine gute Lageanalyse und die Fähigkeit, international zu kooperieren. Das hilft sicher. Ich bin auch aus tiefer Überzeugung Europäer. Ansonsten ist diese Zeit abgeschlossen. Die Bundesagentur hat ihre eigene Kultur, darauf galt es sich einzustellen.

Als Sie vor einem Jahr ins Amt kamen, war die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Brandenburg schon sehr günstig. Seither weist die Statistik Monat für Monat neue Rekordzahlen auf. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 7 Prozent, vor 15 Jahren waren es noch fast 20. Sind das also rosige Zeiten für Sie?

Wir lehnen uns nicht zurück, sondern wollen, dass der positive Aufschwung bei mehr Menschen ankommt. Es sind andere Herausforderungen, die jetzt vor uns stehen, als zu Zeiten von Massenarbeitslosigkeit. Das Topthema heißt Fachkräftesicherung. Nach den Prognosen wächst 2018 die Beschäftigtenzahl in Brandenburg weiter um etwa 18 000 Arbeitnehmer, das heißt rund zwei Prozent. Vor allem Jugendlichen wollen wir eine gute Perspektive geben. Und wir müssen uns weiter um Flüchtlinge kümmern.

Vom positiven Aufschwung bekommen viele Langzeitarbeitslose nichts mit, deren Zahl ist nach wie vor sehr hoch im Land. Woran liegt das?

Hier sollte man die Entwicklung betrachten. Im Durchschnitt waren 2017 in Brandenburg etwa 38 000 Menschen langzeitarbeitslos. Das sind 7000 Menschen weniger als 2016, das sind 16 Prozent. Der Rückgang im Bund war im Vergleich schwächer, er lag bei neun Prozent. Richtig ist: Unser Arbeitsmarkt hier bietet wenig Platz für Ungelernte. Die Menschen brauchen Qualifikationen. Ohne einen Abschluss ist das Risiko, arbeitslos zu werden, fünfmal höher. Die Arbeitsagenturen setzen daher, wo immer möglich, auf die Förderung von Abschlüssen, um Menschen vor „Rein-Raus-Effekten“ zu bewahren.

Wie wollen Sie das erreichen?

In Brandenburg ist der Anteil derjenigen, die langzeitarbeitslos sind und eine Berufsausbildung haben, mit 21 500 außergewöhnlich hoch. Viele Abschlüsse wurden noch in der DDR erworben und sind heute größtenteils nicht mehr verwertbar. Ein Schwerpunkt ist, an Kompetenzen anzuknüpfen und Menschen mit anspruchsvollen Qualifikationen zu fördern, um sie dauerhaft wieder in Arbeit zu bringen. Schwierig ist es allerdings bei Menschen, bei denen mehrere Probleme zusammentreffen, wie gesundheitliche Einschränkungen. Der Weg kann dann länger sein.

Sind dafür die Jobcenter im Land ausreichend ausgestattet, um sich um diesen Personenkreis speziell zu kümmern?

Die Menschen, die noch auf Unterstützung durch die Jobcenter angewiesen sind, haben komplexere Problemlagen. Das erfordert intensivere Betreuung und Förderung. Zugleich steht weniger Geld vom Bund für die Jobcenter zur Verfügung, die Budgets wurden im Schnitt um 9 Prozent gekürzt. Das sehe ich mit Sorge. Das kann Brandenburger Regionen mit verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit wie Oberspreewald-Lausitz oder Elbe-Elster besonders hart treffen. Unsere Aufgabe ist es nun, unsere Mittel sehr klug und noch wirksamer einzusetzen und die Netzwerkarbeit mit unseren Partnern noch effektiver auszurichten.

Unter den Langzeitarbeitslosen im Land sind besonders viele Alleinerziehende. Haben Sie die auch auf dem Radar?

Ja, in besonderem Maße. Unter den Langzeitarbeitslosen sind 3.500 Alleinerziehende, die Mehrheit davon jung und gut ausgebildet. Häufig scheitert es an der Kinderbetreuung. Das letzte Kita-Jahr beitragsfrei zu machen, wie es die Brandenburger Landesregierung vorhat, ist ein erster Schritt.

Wie sehr sind die Arbeitslosen-Zahlen letztlich schöngefärbt? Schließlich fallen aus der Statistik beispielsweise die heraus, die durch Instrumente der Arbeitsmarktpolitik gefördert werden, die also zum Beispiel in Fort- und Weiterbildung sind.  

Von „Schönfärberei“ kann keine Rede sein. Der Bundestag hat das rechtlich festgelegt: Arbeitslos ist, wer keine Arbeit hat und mindestens 15 Stunden pro Woche arbeiten kann. Wir weisen jeden Monat ganz offen auch die sogenannte „Unterbeschäftigung“ aus, zu der neben Arbeitslosen zum Beispiel auch Personen gehören, die an einer Maßnahme der Arbeitsförderung teilnehmen. Bemerkenswert in Brandenburg ist, dass auch diese Zahl sehr deutlich sinkt – und das, obwohl immer mehr Asylberechtigte arbeitssuchend gemeldet sind.

Wo stehen Sie momentan bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt?

Wir können erste Erfolge vorweisen. Derzeit gehen in Brandenburg 2.700 Geflüchtete einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2016. Im Jahr davor, als die meisten Flüchtlinge kamen, waren es nur 589. Wir haben natürlich noch Wege zu gehen. Für die vielen neu entstehenden Arbeitsplätze und als Ersatz für die in Rente Gehenden braucht Brandenburg jede Arbeitskraft. Ansonsten entstehen viel größere Risiken.

Werden Flüchtlinge, die in den Arbeitsmarkt drängen, anders behandelt als hiesige Arbeitssuchende? Und haben Sie Sorge, dass beide Gruppen gegeneinander ausgespielt werden könnten?

Wir haben für alle die gleichen Regeln und machen keine Unterschiede. Darauf haben wir von Anfang an geachtet. Unsere Tests über Potenziale und Fähigkeiten, einen bestimmten Beruf ausüben zu können, sind auf Flüchtlinge und Deutsche gleichermaßen ausgerichtet. Wichtig ist uns, dass der Mensch, der vor uns sitzt, die individuelle Förderung erhält, die er für nachhaltige Beschäftigung braucht – egal, woher er kommt.

Öffentlich geförderte Jobs gelten für einige als ein Rezept, um Arbeitslosigkeit zu verhindern. Was halten Sie davon heute?

Wir müssen vor allem präventiv am Bildungssystem arbeiten, damit Langzeitarbeitslosigkeit gar nicht erst entsteht. Und es gilt: Ausbildungslos heute heißt arbeitslos morgen. Was ich will, ist gesellschaftliche Teilhabe der Menschen, die beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen nur sehr begrenzt belastbar sind. Öffentlich geförderte Jobs für diesen Personenkreis sind sinnvoll und wertschätzend.

Auffällig in Brandenburg ist die seit Jahren rückläufige Ausbildungsquote von Unternehmen. Müsste da nicht mehr passieren?

Da passt einiges nicht zusammen. Es gibt im Verhältnis zu den Beschäftigten immer weniger Auszubildende in den Betrieben. Immer weniger Betriebe bilden aus und schlagen gleichzeitig wegen fehlender Fachkräfte Alarm. Nur wo sollen die künftigen Fachkräfte denn herkommen? Brandenburgs Stärke war mal der hohe Anteil an Fachkräften unter den Beschäftigten. Dort müssen wir durch Qualifizierung wieder hin – die Arbeitsagenturen stehen als finanzierender Partner bereit.

Welche Branchen gehören zu den größten Ausbildungsverweigerern?

Ich halte nichts von Pranger, sondern nenne lieber Branchen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Dazu gehören Verkehr, Lagerwirtschaft, Logistik, Bauwirtschaft und Gesundheitswesen. In anderen Branchen sinken die Zahlen, wie im Gastgewerbe.

Von Igor Göldner

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