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Wirtschaft Todesflug im Schönefelder Nebel
Nachrichten Wirtschaft Todesflug im Schönefelder Nebel
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07:15 12.12.2016
Die Tupolew 134 streifte bei der Landung Baumwipfel und zerschellte in einem Wald bei Bohnsdorf.
Die Tupolew 134 streifte bei der Landung Baumwipfel und zerschellte in einem Wald bei Bohnsdorf. Quelle: dpa
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Schönefeld

Es war ein nebliger Tag, der 12. Dezember 1986. Er ging als einer der schrecklichsten in die deutsche Luftfahrtgeschichte ein. 72 Menschen verloren ihr Leben, als gegen 17 Uhr eine Maschine vom sowjetischen Typ TU 134 kurz vor der Landung auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld abstürzte und in Flammen aufging. An Bord war die Klasse 10a der Ernst-Schneller-Oberschule Schwerin. Die Schüler kamen zurück von einer Klassenreise nach Minsk. Nur zehn Menschen überlebten die Katastrophe, darunter sieben Schweriner Schüler.

Der Flug mit der Nummer SU 892 aus Minsk hatte drei Stunden Verspätung, die Maschine hätte schon mittags in Schönefeld landen sollen. Doch wegen des dichten Hochnebels, der an diesem Tag herrschte, wurde die Tupolew über Prag umgeleitet. Dort landete das Flugzeug, ehe es um 15.30 wieder abhob mit dem Ziel Schönefeld. Um kurz nach 17 Uhr stürzte die Maschine ab, unweit der Landebahn, in einem Waldstück in Berlin-Bohnsdorf. Bäume hatten die rechte Flanke des Flugzeugs aufgerissen. Kurz nach dem Absturz explodieren die Treibstofftanks.

Kommission macht Pilotenfehler aus

Die DDR-Führung berief eine Untersuchungskommission unter dem Generaldirektor der Interflug, Klaus Henkes, ein. Die Nachrichtenagentur ADN berichtete damals vom Ergebnis der Untersuchung, das ungewöhnlich rasch vorlag. Demnach war die Maschine technisch einwandfrei in Ordnung, die Besatzung habe über die entsprechende Qualifikation verfügt, der Absturz wird als Pilotenfehler eingestuft: „Der Flughafen Berlin-Schönefeld war zur Zeit des Unglücks sowohl von der technischen als auch von der meteorologischen Seite her voll einsatzfähig“, hieß es.

Die Flugleitung habe ordnungsgemäß gehandelt, die Absturzursache sei daher auf „die Verletzung der Regeln des Landeanflugs durch den Flugzeugführer zurückzuführen“. Der Pilot habe die Landebahn zu tief angeflogen, die Maschine habe die Bäume berührt, wodurch der Rumpf aufgerissen sei.

Gedenkstein auf dem Waldfriedhof Schwerin. Quelle: Bernd Wüdpa

Gerüchte schossen ins Kraut

Gleichwohl schossen nach dem Absturz die Gerüchte ins Kraut. Manche mutmaßten, dass die mangelnde Sichtfreiheit in dem Cockpit, die dem Flugzeugtyp eigen war, mit verantwortlich war. Anwohner glaubten, der Pilot sei womöglich betrunken gewesen, der große Bruder, die Sowjetunion, solle aber in Schutz genommen werden.

Der „Spiegel“ schrieb damals unter Berufung auf einen vertraulichen Untersuchungsbericht, der russische Pilot habe die englische Landeanweisung aus dem Schönefelder Tower nicht verstanden. Statt die linke Bahn anzufliegen, habe er Kurs auf die rechte Piste genommen, die gesperrt war. Als er seinen Fehler bemerkte, habe er nach links gezogen – zu spät. Er sei in die Bäume geraten und abgestürzt. Heute sind die Unterlagen im Bundesarchiv einzusehen. Demnach haben die russischen Behörden zunächst versucht, die Schuld an dem Unglück den deutschen Fluglotsen in die Schuhe zu schieben.

Jörg Semmler, der langjährige Leiter des Landesinstituts für Rechtsmedizin, war 1986 bei der Bergung dabei. „Etwa 1000 Helfer waren im Einsatz und haben sehr geschickt bei der Bergung geholfen“, erinnerte er sich in einem Interview. „Da arbeitet man ganz gezielt und effektiv. Später, wenn man zur Ruhe kommt, macht man sich Gedanken. Und wenn es später andere Katastrophen gibt – da wird das wieder wach.“

Gedenken in Schwerin

Mit einem stillen Gedenken ist am Sonntag auf dem Waldfriedhof in Schwerin das Unglück erinnert worden. Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) legte einen Kranz nieder. Rund 50 Angehörige der Opfer sowie die ehemalige Direktorin und Lehrer der Schule nahmen teil. Sie zündeten 72 Kerzen an, um an alle Opfer des Absturzes zu erinnern.

In Bohnsdorf ist am Montag ebenfalls eine Gedenkveranstaltung geplant, bei der sich auch Zeitzeugen zu Wort melden wollen, wie eine Sprecherin der Stadt Schwerin sagte. Auf dem Schweriner Waldfriedhof erinnert seit 2012 ein Gedenkstein an die Opfer des Flugzeugabsturzes.

Von Torsten Gellner