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22:00 31.05.2019
Fernsehen bildet – dank ihm: Ranga Yogeshwar bei einer Kundgebung von „Pulse of Europe“. Quelle: Geisler-Fotopress

Herr Yogeshwar, erst einmal herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sie sind vor wenigen Tagen 60 Jahre alt geworden ...

... ja, klingt komisch, oder?

Es ist doch nur eine Zahl.

Ja natürlich. Ganz im Ernst: Ich habe kein Problem damit.

Überlegen Sie trotzdem, sich ein bisschen mehr Ruhe zu gönnen, weniger Fernsehbeiträge, weniger Vorträge? Denken Sie schon an Ihren Ruhestand?

Um Gottes willen. Die Vokabel Ruhestand spielt überhaupt keine Rolle bei mir. Ich setze Prioritäten, das ja. Deshalb habe ich zum Beispiel die Sendung „Quarks“ Ende vergangenen Jahres übergeben – und das war genau richtig. Ich fokussiere mich auf die Dinge, die mich erfüllen. Und das, was mich nervt oder nicht mehr reizt, lasse ich bleiben. Aber glauben Sie mir, ich habe noch viel Dampf im Kessel. Wenn mir das alles keinen Spaß mehr macht, höre ich auf. Aber noch sieht es nicht danach aus.

Spaß machen Ihnen Naturwissenschaften, Technik, Mathematik. Sie wollten ursprünglich aber Maler werden und haben eine Klavierausbildung am Konservatorium in Luxemburg absolviert. Studiert haben Sie dann Physik. Wie sind Sie denn bei den Naturwissenschaften gelandet?

Die Frage, die Sie mir stellen, ist eine typisch deutsche. In Deutschland gibt es oft ein Entweder-oder. Entweder Kultur oder Technik. Entweder Musik oder Physik. Warum eigentlich? Es geht doch auch beides. Eine meiner Töchter studiert Maschinenbau-Automatisierungstechnik, eine andere Informatik. Und beide spielen richtig gut Klavier und haben mich an meinem Geburtstag mit Gershwin überrascht, vierhändig. In unserer heutigen Welt müssen wir doch offen sein für möglichst vieles.

Das sagen Sie. Aber das Image der sogenannten MINT-Fächer – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – ist nach wie vor nicht gerade das Beste. Schiller sollte man gelesen haben, aber auf Partys kann man ohne Probleme erzählen, dass man keine Ahnung von Mathe oder Physik hat.

Ja, aber das ist ein völlig falsches Verständnis einer aufgeklärten Kultur. Wenn wir heute über Kultur reden, klingen viele immer noch, als kämen sie direkt aus dem 19. Jahrhundert. Man muss den Kanon der deutschen Literatur kennen und am besten noch die Schriften der alten Griechen. Nach meinem Verständnis unserer heutigen Kultur aber finden darin Goethe und Schiller genauso ihren berechtigten Platz wie die Programmiersprache Python. In einer Welt wie der unseren, in der Technik so viel verändert und wissenschaftliche Erkenntnis eine so grandiose Rolle spielt, ist es doch eine Unterlassungssünde, wenn man als Mensch, der sich aufgeklärt nennt, dort einen blinden Fleck hat.

Es wird ja oft vom Fachkräftemangel geredet. Manche halten ihn aber für einen Mythos. Ist das nur ein Schlagwort, oder haben wir in Deutschland wirklich ein Problem?

Nein, das ist überhaupt kein Schlagwort. Wenn Sie sich die Untersuchungen etwa von Bitkom ansehen, merken Sie, wie viele Leute fehlen. Wenn ich mit Unternehmern spreche, merke ich schon, dass die gern Menschen einstellen wollen, aber es fehlen ihnen die Leute.

Was bedeutet das genau?

Wir müssen sehen, dass andere Nationen in den kommenden Jahren ex­trem aufholen werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die OECD hat herausgearbeitet, wie es im Jahr 2030 etwa beim naturwissenschaftlichen Nachwuchs stehen wird. Laut diesen Prognosen wird China dann weltweit etwa 37 Prozent der Wissenschaftler stellen, Deutschland hingegen nur 1,4 Prozent. Natürlich sind manche Nationen dominant allein wegen ihrer Größe. Aber wir tun in Deutschland auch zu wenig.

Ranga Yogeshwar vor seinem Vortrag „Nächste Ausfahrt Zukunft - Unser Umgang mit dem Neuen“ an der Universität zu Köln. Quelle: C. Hardt/Future Image

Wie und wo können wir das denn ändern? In der Schule?

Es liegt nicht nur an der Schule, sondern an der Haltung der gesamten Gesellschaft. Vielleicht ist diese Haltung Ausdruck einer – jetzt bin ich mal böse – hochnäsigen Bequemlichkeit, einer Saturiertheit. Deutschland geht es gut, Veränderungen bringen Ängste mit sich, und zwar Verlustängste. Es gibt Menschen, die nenne ich Rückwärtszähler. Die sagen: Ich habe noch fünf Jahre, dann gehe ich in Rente. Diese Haltung aber ist keine, mit der man Lust an der Innovation entwickelt. Da muss man dann vielleicht mal aufwachen und sagen, das geht doch auch anders.

Aber wie? Wir sprechen seit Jahren darüber, dass die MINT-Berufe gefördert werden müssen, und trotzdem kommen wir in der Diskussion nicht richtig weiter. Der Mangel bleibt.

Das eine ist: Wir haben in Deutschland ein Schul- und Bildungssystem, das komplett renoviert werden müsste. Und zwar wirklich fundamental. Das fängt bei elementaren Überlegungen an wie: Warum soll ein Kind in Hamburg anders Mathematik lernen als in München? Das ist doch völlig absurd. Es geht weiter mit der Ausstattung von Schulen. Wenn Sie sich allein den Zustand der Schulgebäude anschauen, spricht das ja schon Bände.

Aber neue Klassenzimmer allein würden doch noch nichts an der Situation ändern.

Vor allem geht es um eine Priorisierung von Bildung in einer Gesellschaft. Man muss begreifen, dass Bildung einen Wert hat und enorm wichtig ist. Ich bin immer sehr radikal und sage: Wir müssen das Budget von Schulen vervierfachen, und das Gleiche gilt für die Zahl der Lehrer. Und wir müssen sehr viel genauer hinsehen, wer Lehrer wird und wie wir ihn oder sie unterstützen können. Es gibt zwar auch momentan Lehrer, die sehr engagiert sind, aber wir lassen sie einfach im Stich. Und bei jedem Wahlkampf reden wir wieder über Bildung, und danach vergessen wir alles wieder.

Für viele Bildungspolitiker ist ja ein Allheilmittel, die Schulen zu digitalisieren . Löst das die Probleme?

Die allermeisten wissen doch gar nicht, was damit gemeint ist. Wenn wir davon reden, die Schule muss digitalisiert werden, kann das nicht heißen, dass wir in einem morbiden Gebäude und in einem Klassenzimmer, das nicht ganz so luftig riecht, Tablets verteilen und meinen, damit wäre es getan. Es geht viel tiefer. Digitalisierung ohne ein radikal verändertes Verständnis von Bildung ist nicht sonderlich hilfreich.

Wie sollten wir Bildung denn richtig verstehen?

Die Wirkweise, der Charme und die Freude von Naturwissenschaften stehen in den Schulen oftmals bedauerlicherweise nicht im Vordergrund. Mathematik und Physik werden als Prüfungsangstfach gesehen. Das steht aber im völligen Widerspruch zu dem, was ich seit Jahrzehnten beobachte: dass Menschen Begeisterung zeigen, wenn man ihnen Wissenschaft und Technik verständlich erklärt.

Was müssen denn die Schule und die Schulpolitik ändern, wenn Sie sagen, dass etwa Mathematik lediglich als Prüfungsangstfach gesehen wird?

Schauen Sie: Man kann Mathe doch ganz anders vermitteln. Das bedeutet aber, dass Sie ein ganz anderes Verhältnis zu Bildung haben müssen. Im Moment wird komplett auf Leistungsorientierung gesetzt. Das heißt: Im Mittelpunkt steht die nächste Klausur, die ich schreiben muss, und die Note ist entscheidend. Wenn ich die Klausur geschrieben habe, vergesse ich alles wieder.

Was schlagen Sie also vor?

Wir müssen diese Leistungsorientierung in eine Lernorientierung verwandeln, bei der es nicht mehr darum geht, was ich lernen muss, um eine gute Note in Mathe zu bekommen, sondern wie Mathe mir im Alltag oder bei der Bewältigung von Problemen behilflich sein kann. Das ist eine vollkommen andere Fragestellung.

Gierig nach Neugier: Ranga Yogeshwar bei der Arbeit für eine Folge von "Quarks & Co“ zum Thema „Volksdroge Alkohol" im Jahr 2004. Quelle: H. J. Schulze/WDR

Wenn Schule im Moment nicht weiterhilft, wie können junge Menschen denn trotzdem für Naturwissenschaften und Technik begeistert werden?

Durch außerschulische Initiativen, die sind sehr wichtig. Ein Beispiel ist die Ideenexpo, die im Juni wieder in Hannover stattfindet. Es ist großartig, auch emotional, wenn Sie da durch die Hallen gehen und sehen, mit welcher Begeisterung junge Menschen – und es gibt viele davon, bei der jüngsten Ideenexpo 2017 weit mehr als 300 000 in einer Woche – Sachen und damit auch sich selbst ausprobieren. Es bereitet große Freude, wenn man sieht, wie diese jungen Leute Wissenschaft und Technik eigentlich ziemlich super finden. Und da denke ich oft: Hey, warum haben wir so etwas wie die Ideenexpo nur jedes zweite Jahr eine Woche lang und nicht als Dauerzustand in dieser Republik?

Sie engagieren sich ja seit Jahren für die Ideenexpo. Was ist das Besondere an diesem Event?

Es gibt viel, was mir an der Ideenexpo gefällt. Etwa, dass die jungen Besucher dort in Kontakt mit Auszubildenden oder jungen Leuten aus den Betrieben treten. Das funktioniert ganz wunderbar, weil junge Menschen unter sich natürlich viel wahrhaftiger sind. Die fragen einfach rotzig. Wie ist das hier und wie funktioniert das? Das passt oft viel besser, als wenn Erwachsene die Ansprechpartner sind. Und da komme ich noch mal zur Digitalisierung. Es gibt im Internet Tutorials von jungen Menschen, die ein riesiges Talent zur Vermittlung haben und viel besser sind als so manche Lehrer. Durch die Digitalisierung bekommen diese jungen Wissensvermittler endlich mal Strahlkraft.

Apropos Digitalisierung: Sie plädieren ja dafür, dass viel mehr junge Menschen programmieren lernen. Warum? Soll jetzt jeder Spiele oder Apps schreiben?

Erst einmal ist Programmieren viel einfacher, als viele denken. Und es ist wichtig, weil wir jetzt und in der Zukunft noch viel mehr in einer Welt leben, in der die Sprache des 21. Jahrhunderts Coden, also Programmieren, ist. Wir reden so viel vom Internet der Dinge, von Plattformen, von Apps, von Hausautomation und so weiter. Da müssen wir doch verstehen, wie das im Kern funktioniert, und können an dem einen oder anderen Punkt sogar merken, dass wir da auch selbst agieren können. Insofern finde ich es enorm wichtig, dass wir an dieser Stelle mündig werden und die Chancen sehen.

Gehört denn zu dieser Mündigkeit auch, dass man durch das Programmieren die Technik besser versteht und damit auch kritischer mit ihr umgehen kann? Stichwort Datenschutz.

Ja, klar! Mündigkeit heißt nicht, dass wir nur die rein technische Kompetenz erlangen, sondern über den Weg des Verstehens kommen wir zur Möglichkeit einer neuen Betrachtungsweise. Wir können dann durchschauen, wo es kritische Entwicklungen gibt oder wo vielleicht Dinge gehypt werden, obwohl nicht viel dahintersteckt. Deswegen spreche ich vom reflektierten Fortschritt: auf der einen Seite zu verstehen, worum es geht, und auch Spaß zu haben, aber gleichzeitig genau zu wissen, wo rote Linien verlaufen.

Wir haben jetzt viel über Technik und Naturwissenschaften gesprochen. Aber es gibt ja auch in anderen Bereichen einen Fachkräftemangel, etwa in der Pflege.

Das stimmt. Aber es gibt ganz unterschiedliche Ursachen. Der Mangel in den MINT-Fächern hängt wie gesagt oft damit zusammen, dass die Attraktivität von MINT-Berufen überhaupt nicht klar und durch die Schule vielleicht sogar negativ vorbelastet ist. Bei den Pflegekräften wiederum liegt der Fachkräftemangel schlichtweg daran, dass die Wertigkeit dieses Berufs von der Gesellschaft verkannt wird. Die Menschen in diesem Bereich bekommen zu wenig bezahlt. Unser Gesundheitssystem täte gut daran, sowohl die Bezahlung als auch die ganze Infrastruktur und personelle Besetzung massiv hochzufahren. Das ist natürlich mit Kosten verbunden, aber ich denke, bei solch entscheidenden Themen müssen wir diese Kosten als Gesellschaft akzeptieren. Sie und ich werden irgendwann darauf angewiesen sein.

Ranga Yogeshwar und seine Frau Ursula Yogeshwar besuchen die Operngala Bonn 2019 zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung. Quelle: Andreas Rentz/Getty/Deutsche AIDS-Stiftung

Zur Person: Ranga Yogeshwar

Seit 30 Jahren ist der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar einem breiten Fernsehpublikum bekannt. Der Sohn einer luxemburgischen Kunsthistorikerin und eines indischen Ingenieurs begann seine TV-Karriere als Redakteur beim WDR: Gemeinsam mit Jean Pütz moderierte er die „Wissenschaftsshow“.

Zwischen 1993 und 2018 führte er durch die Show „Quarks & Co“, die seit 2017 nur noch „Quarks“ heißt. Zudem fungierte der heute 60-Jährige auch in anderen Sendungen wie „W wie Wissen“ oder „Kopfball“ als Wissensvermittler. Zudem dreht er TV-Dokumentationen wie zuletzt „Der große Umbruch“ über künstliche Intelligenz für die ARD und hält Vorträge.

Auf der Ideenexpo in Hannover, die vom 15. bis 23. Juni stattfinden wird, moderiert Yogeshwar unter anderem einen Science-Talk. Yogeshwar ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder.

Von Kristian Teetz

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