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Wirtschaft regional Schon immer „viel lieber geschraubt“
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Selbstständigkeit nach Meistertitel

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19:21 04.09.2021
Der Stahnsdorfer Alexander Scharich hat sich in Berlin eine neue Kfz-Werkstatt eingerichtet.
Der Stahnsdorfer Alexander Scharich hat sich in Berlin eine neue Kfz-Werkstatt eingerichtet. Quelle: Varvara Smirnova
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Stahnsdorf

Vergleichsweise entspannt steht Alexander Scharich vor der frisch betonierten Bodenwanne, in der demnächst die Laufräder eines digitalen Bremstestgeräts ihren Platz finden sollen. Gleich nebenan liegt noch das ausgebaute analoge Vorgängermodell. „Eine der Sachen, die wir hier machen mussten“, nicken er und sein Freund „Flo“, Florian Breitenbach. Die beiden heute 25-jährigen Freunde aus Kindheitstagen in Stahnsdorf richten sich zusammen ihre Kfz-Werkstatt „BSB Fahrzeugtechnik“ in Berlin-Wilmersdorf ein. Einige Sanierungen, ein neuer Anstrich und nicht wenige andere Arbeiten waren nötig in dem rund 120 Quadrat großen quasi quadratischen Raum auf dem Gelände einer benachbarten Tankstelle, die zu den größten in der Bundeshauptstadt zählt. Eine fünfstellige Summe mussten sie insgesamt schon investieren für ihr neues berufliches Reich. Zwei Hebebühnen in der Werkstatt, die sie von einem 70jährigen Vormieter übernommen haben, werden sie weiter nutzen.

„Wir hatten auch noch vier, fünf andere Sachen in Aussicht, aber die hier war schon die beste Werkstatt“, erzählt Scharich. Er lebt nach wie vor in Stahnsdorf und hat seinen Meister als Kraftfahrzeugtechniker im vergangenen Herbst im Bildungszentrum der Potsdamer Handwerkskammer in Götz gemacht. Viele künftige Kunden erhoffen sich Alexander und Florian, die zusammen zur gleichen Grundschule in Teltow gingen, von der benachbarten Tankstelle. Zudem gibt es einen Sanitärbetrieb mit einer Kleintransporter-Flotte schräg gegenüber und einige andere Gewerbeunternehmen mit Fuhrpark im Umfeld. Außerdem bauen sie noch auf die Vermittlung von Kundschaft durch einen Florian verwandtschaftlich verbundenen Versicherungsbüro-Betreiber.

Auf die Idee, sich mit dem Meisterbetrieb in der Tasche selbstständig zu machen, hatte Scharich im vergangenen Jahr ein Dozent in Götz gebracht. Weil es zudem mitten in der Pandemie auch schwierig war, als Angestellter einen guten Job zu bekommen, schmiedete er zusammen mit Florian, ein gelernter Automobilkaufmann, die Werkstatt-Pläne. Der heutige Kfz-Technik-Meister hatte zunächst nach dem Abitur ein Diplom-Ingenieur-Studium in Dresden aufgenommen. „Einer von tausend Leuten und viel zu theoretisch für mich“, wie er schon nach wenigen Semestern enttäuscht feststellte. Schließlich hatte er eigentlich schon immer „viel lieber geschraubt“.

Künftig Geschäftspartner: Alexander Scharich (r.) und Florian Breitenbach in ihrem eigenen Betrieb. Quelle: Varvara Smirnova

Als jugendlicher Motorradfahrer war es natürlich fast Ehrensache Reparaturen soweit es geht, selbst zu erledigen. Und auch das erste Auto, ein alter VW Golf, den er schon mit 17 noch vor dem Führerschein bekommen hatte, war ein wahres Refugium für einen Bastler. Was lag für Alexander Scharich also näher, als schließlich 2016 eine Mechatroniker-Ausbildung zu beginnen – in einem Autohaus im näheren Umfeld in Teltow. Statt mit Schraubenschlüssel umgehen zu müssen, gleicht die Arbeit als Mechatroniker mit dem digitalen Diagnosegerät als Quasi-Kollegen an der Seite allerdings mittlerweile immer mehr der eines Computer-Nerds.

Nach einiger Zeit als angestellter Kfz-Techniker in einem weiteren Autohaus in Potsdam, in dem auch Florian arbeitete, reifte dann bei Scharich der Entschluss, die Meisterausbildung anzugehen – als Vollzeit-Variante in Götz. „Ich hatte erfahren können, dass der Beruf mir gefällt; perspektivisch dann mehr Verantwortung tragen und auch ausbilden zu können, reizte mich“, erinnert er sich. Mit den Mitteln aus Aufstiegs-BAföG und Kindergeld ließ sich auch die zehnmonatige Zeit ab Anfang 2020 im Gewerbezentrum finanzieren – zumal vieles Corona bedingt ohnehin zuhause online stattfinden musste.

Den weiteren Werkstatt-Aufbau vor sich finden Alexander und Florian derzeit wenig Zeit für Hobbys. Anhänger sind sie aber weiterhin des Sports mit Karts – jenen bis zu 150 Stundenkilometer schnellen, motorisierten Gokart ähnlichen Gefährten.

Von Gerald Dietz