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Wissen Abschied vom Kinderwunsch: Wie eine Trauerbegleiterin helfen kann
Nachrichten Wissen Abschied vom Kinderwunsch: Wie eine Trauerbegleiterin helfen kann
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07:01 11.10.2019
Wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, hilft oft eine Betreuung, um die Trauer zu verarbeiten. Quelle: fizkes - stock.adobe.com

Katrin, Sie arbeiten als Trauerbegleiterin. Was genau macht man in diesem Beruf und wer sind Ihre Patienten?

Zur Trauerbegleitung kommen Frauen und Paare, die schon länger an ihrem unerfüllten Kinderwunsch leiden, Fehlgeburten hatten oder deren Baby rund um den Zeitpunkt der Geburt gestorben ist. Manchmal passieren die Fehlgeburten auch während einer Kinderwunschbehandlung, was für die Paare oft schwer auszuhalten ist. Es kommen aber auch Frauen, die sich aus verschiedenen Gründen für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben und diesen Schritt im Nachhinein bereuen. In meiner Praxis bekommen die Betroffenen den Raum und die Zeit, die sie brauchen, um sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen, genauso aber auch mal Abstand davon zu bekommen.

Bei mir dürfen sie sich so zeigen, wie sie sich gerade fühlen. Sie dürfen traurig, wütend, erschöpft, aber auch fröhlich sein und sich dem Leben wieder zuwenden, weil das alles dazu gehört. Ich begleite dabei den Weg durch die Trauer mit ihren unterschiedlichen Phasen, halte die Gefühle mit aus, schaffe die Möglichkeit, sie auszudrücken und gebe Impulse für die nächsten möglichen Schritte. Als Heilpraktikerin kann ich den Prozess naturheilkundlich unterstützen.

Zu Ihrem Beruf sind Sie durch Ihre persönliche Geschichte gekommen. Sie hatten selbst eine Fehlgeburt. Können Sie darüber erzählen?

Ja, ich habe von Anfang an offen über meine Fehlgeburt gesprochen. Sie ist in den Sommerferien passiert und die Frage: "Wie war euer Urlaub?" habe ich ehrlich beantwortet. Ich war völlig überrascht, wie viele Frauen daraufhin von ihren Fehlgeburten erzählt haben. Bei mir war es so, dass im Sommer 2016 innerhalb von sieben Wochen meine beiden Hunde gestorben sind und ich dazwischen die Fehlgeburt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war ich hauptberuflich als Krankenschwester und nebenberuflich in meiner Naturheilpraxis tätig. Ich hatte kurz vorher eine neue Stelle als medizinischer Fachdienst in einer Behindertenwerkstatt angetreten und wollte wegen des Infektionsrisikos nicht die üblichen zwölf Wochen abwarten, um meinen Vorgesetzten über die Schwangerschaft zu informieren. Schon gleich nach dem Gespräch hatte ich ein komisches Gefühl.

Als hätte ich es geahnt, bekam ich am 12. August in der neunten Schwangerschaftswoche bei einer Routineuntersuchung die Diagnose "Missed Abortion" von meiner Frauenärztin mitgeteilt. Es war Freitagmittag und mit der Information, dass der Embryo keinen Herzschlag mehr hat, bekam ich eine Überweisung zur Ausschabung. Ich war völlig geschockt und konnte es nicht glauben. Meine Frauenärztin bot mir an, nach dem Wochenende nochmal einen Ultraschall zu machen, damit ich mir sicher sein kann. Ich rief vom Auto aus weinend meinen Mann an und verbrachte ein tränenreiches Wochenende. Ich stand wie unter Schock und hatte das starke Bedürfnis, mich zurückzuziehen. Auch die Kontrolle am folgenden Montag brachte das gleiche Ergebnis.

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Sie wollten keine Ausschabung im Krankenhaus vornehmen lassen...

Ja, mir war schnell klar, dass ich auf einen natürlichen Abgang warten würde. Ich habe versucht, die Hebammen, die mich bei Hausgeburt meiner ersten Tochter begleitet haben, zu kontaktieren, aber sie waren beide nicht erreichbar. Also habe ich mir selbst überlegt, was ich brauche, um die Wartezeit und die kleine Geburt gut zu überstehen. Meine Tochter Johanna hatte Kindergartenferien und wir hatten eigentlich verschiedene Unternehmungen mit ihr geplant. Wir haben ihr erklärt, dass sie leider doch kein Geschwisterkind bekommt, was sie gut aufgenommen hat. Sie sah natürlich wie traurig ich bin, denn ich habe kein Geheimnis daraus gemacht, schien aber nicht zu sehr zu leiden.

Ich habe mich selbst naturheilkundlich behandelt, um meine seelische Balance wiederzufinden und um mich auf die kleinen Geburt und das kleine Wochenbett vorzubereiten. Während dieser Zeit habe ich mich auch besonders gut um meinen Körper gekümmert, habe mich gepflegt und eingecremt, mir Pausen gegönnt, darauf geachtet, was ich wann brauche. Mein Körper hat schnell gemerkt, dass die Schwangerschaft zu Ende geht und so hatte ich schon ab Dienstag Blutungen. Trotz meiner Traurigkeit habe ich beschlossen, die Zeit mit positiven Erlebnissen zu verbringen. Ich habe mit meiner Tochter im Garten gespielt, bin am Mittwoch mit meiner besten Freundin und unseren Kindern auf den Augustmarkt und Eis essen gegangen. Am Donnerstag waren mein Mann und ich mit Johanna Tretbootfahren. Dabei habe ich zunehmend Wehen bekommen, die sich aber mit Schmerztabletten gut aushalten ließen.

Am Freitagabend, genau eine Woche nach der Diagnose war es soweit. Während ich in der Küche Kartoffeln schälte, hat sich mein Sternenkind auf den Weg gemacht und wurde geboren. Ganz unspektakulär. Für mich war der natürliche Weg genau richtig, zu spüren und zu sehen, was passiert ist. Aber ich verstehe es auch, wenn Frauen sich für einen Ausschabung entscheiden.

Leider bekam ich von meiner Frauenärztin keinerlei Informationen, wie so eine Fehlgeburt abläuft, dass ich Anspruch auf Begleitung durch eine Hebamme habe oder wohin ich mich wenden kann, wenn ich damit nicht klarkomme. Das hat mich dazu bewegt, wenige Wochen später die Fortbildung zur Trauerbegleiterin bei Trauer in der Kinderwunschzeit beim Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland BKiD zu beginnen. Ich hatte ja schon meine Praxis und viele Jahre Erfahrung als Krankenschwester im Bereich Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie mit Schwerpunkt Traumatherapie, so dass die Trauerbegleitung ergänzend dazu kam.

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Eine Fehlgeburt ist immer ein heftiger Schicksalsschlag. Wie sind Sie mit Ihrer Trauer umgegangen und wer war Ihnen in dieser Zeit eine Stütze?

Mir hat es geholfen, bewusst Abschied zu nehmen und auch den körperlichen Prozess bewusst zu durchleben. Mein Mann, meine Familie und meine Freundinnen haben mich in dieser Zeit unterstützt, indem sie präsent waren. Ich konnte über meine Gefühle reden und wurde ernst genommen.

Die Fortbildung zur Trauerbegleiterin half mir natürlich auch sehr, mich intensiv mit meinem eigenen Verlust auseinanderzusetzen. Nach dem Tod meines zweiten Hundes bin ich zur Krisenintervention zu einer meiner Ausbilderinnen gegangen, weil mich die Summe der Verluste so aus der Bahn geworfen hat. Auch Therapeuten müssen nicht alles allein bewältigen und dürfen sich Hilfe holen.

Außerdem glaube an einen liebenden Gott, der auch in schweren Zeiten für mich da ist. Das hat mich gestärkt. Und ich sehe einen Sinn in meiner Geschichte. Ohne mein eigenes Erleben, wäre Trauerbegleitung nicht Teil meiner Arbeit geworden.

Mein Anliegen ist es, die Trauernden in ihrem ganz persönlichen und individuellen Prozess der Trauer zu unterstützen und mit ihnen einen gangbaren Weg zu finden, das weitere Leben zu gestalten.

Katrin Wiesneth, Trauerbegleiterin

Gab es auch Menschen, die gesagt haben: "Jetzt ist aber auch wieder gut." und erwartet haben, dass Sie wieder normal funktionieren?

Nein, weder in meinem privaten Umfeld noch auf der Arbeit. Von meinen Patientinnen höre ich aber leider häufig, wie wenig mitfühlend und ungeduldig ihre Familien, ihre Mütter und Großmütter mit ihnen umgehen.

Warum ist das Thema immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft?

Es gibt keine richtige oder falsche Trauer, jeder muss seinen individuellen Weg finden.

Katrin Wiesneth, Trauerbegleiterin

Ich glaube, dass es grundsätzlich noch vielen Menschen schwer fällt, über belastende Gefühle zu sprechen. Oft wollen die Betroffenen niemandem zur Last fallen oder haben schlechte Erfahrungen damit gemacht, sich zu öffnen. Viele Frauen haben auch Angst, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben und fühlen sich schuldig an der Fehlgeburt.

Bei Paaren, die in Kinderwunschbehandlung sind, weiß oft nicht mal das nahe Umfeld vom unerfüllten Kinderwunsch, weil das Thema Unfruchtbarkeit so schambesetzt ist. Diese Frauen und Männer machen ganz viel mit sich selber aus.

Viele Paare trauern unterschiedlich nach so einem Verlust - und geraten darüber in eine Beziehungskrise. Wie war das bei Ihnen?

Mein Mann hat mir offen gesagt, dass es für ihn noch kein "richtiges Kind" war und er noch keine Beziehung aufgebaut hat. Durch seine Offenheit wusste ich, woran ich bin und was ich von ihm erwarten kann. Er hat mich in jeder Phase meiner Trauer ernst genommen und unterstützt.

Katrin Wiesneth ist Psychologische Beraterin und Heilpraktikerin. Sie hilft Paaren, den unerfüllten Kinderwünsche zu verkraften oder Fehlgeburten und den Tod von Babys rund um den Zeitpunkt der Geburt zu verarbeiten. Quelle: Katrin Wiesneth

Gibt es ein Muster, wie Männer eher trauern und wie Frauen? Was raten Sie Paaren, die betroffen sind?

Ja, es gibt typische Reaktionsmuster, die aber nicht zwingend bei jedem Paar zu 100 Prozent so auftreten müssen. Bei mir in der Praxis erlebe ich, dass die Frauen eher die sind, die reden wollen und weinen und die Männer sich eher zurückhalten. Manchmal, weil sie stark für ihre Frauen sein wollen und sich bemühen optimistisch zu bleiben, manchmal, weil sie gut in der Lage sind, sich den Verlust distanzierter anzuschauen und dann wieder wegzupacken, um im Alltag und auf der Arbeit zu funktionieren. Manchmal leiden sie aber auch so sehr, dass sie dem Schmerz nicht noch mehr Raum geben wollen.

Es gibt keine richtige oder falsche Trauer, jeder muss seinen individuellen Weg finden, aber es kann Paaren helfen, sich über ihr Erleben und ihren jeweiligen Umgang damit auszutauschen. Zu erfahren, warum der Partner oder die Partnerin so oder so reagiert, ermöglicht realistische Erwartungen und kann das gegenseitige Verständnis fördern.

Sich bewusst Zeit für die Trauer und für die Paarbeziehung zu nehmen ist ganz wichtig. Das können die Paare zusammen gestalten, oder mit Hilfe einer Trauerbegleitung, um einen festen Rahmen dafür zu haben und neue Impulse zu bekommen. Wenn das Paar schon Kinder hat, bleibt im Alltag oft wenig Zeit dafür und geht unter. Da hilft ein verbindlicher Termin mit einer dritten Person und ein Babysitter.

Viele Menschen drücken den Schmerz einfach weg. Warum ist es so wichtig, über seine Gefühle zu sprechen?

Auch das Wegdrücken hat seine Berechtigung, zumindest zeitweise. Manchmal ist der Schmerz so vernichtend, dass das Wegdrücken eine Überlebensstrategie ist. Ich versuche mit meinen Patienten dosierte Ventile zu schaffen. Ein Pendeln zwischen hinschauen, darüber reden und wieder Abstand nehmen und entlasten. Wenn reden schwer fällt, kann es auch helfen, die Gefühle in einem Bild oder aus Ton darzustellen. Das macht die Vielfalt der Gefühle und das Unaussprechliche im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar und sichtbar.

Gibt es einen Fall aus Ihrer Praxis, der Sie ganz besonders bewegt hat?

Mich bewegen alle Geschichten meiner Patienten, wobei ich darauf achte, mitzufühlen statt mitzuleiden. Das ist ein großer Unterschied.

Aktuell bewegt mich der Fall von einem lesbischen Ehepaar, dessen Baby bei der Geburt gestorben ist. Die beiden kamen zum ersten Termin gemeinsam und dann die leibliche Mutter weiter zur Trauerbegleitung. Die Aufarbeitung der Geburt, das Vermissen des Babys, aber auch die Lebensumstände und der Umgang mit der eigenen Trauer und dem Umfeld waren Themen unserer Treffen. In den letzten Monaten wurde der Kinderwunsch wieder stärker und die leibliche Mutter fühlte sich bereit, noch einmal schwanger zu werden. Nach mehreren Versuchen mit Hilfe von Samenspenden hat es geklappt und sie ist wieder schwanger. Eine Schwangerschaft nach dem Verlust eines Kindes kann von sehr gemischten Gefühlen und Ängsten geprägt sein. Auch in dieser Zeit stehe ich begleitend zur Seite.

Was ist das Ziel Ihrer Arbeit - wie wollen Sie die Menschen, die zu Ihnen kommen, wieder entlassen?

Mein Anliegen ist es, die Trauernden in ihrem ganz persönlichen und individuellen Prozess der Trauer zu unterstützen und mit ihnen einen gangbaren Weg zu finden, das weitere Leben zu gestalten. Trauerarbeit bedeutet nicht, dass die Trauer abgearbeitet wird und dann weg ist, sondern zu lernen, damit umzugehen und sie ins Leben zu integrieren. Sie darf immer wieder auftauchen, aber sie verändert sich, wird weniger schmerzhaft. Auch das nicht lebende Kind bekommt seinen Platz und darf Teil der Lebensgeschichte bleiben. Wenn die Trauernden sich wieder so gestärkt fühlen, dass sie ihren Weg allein fortsetzen können, endet meine Begleitung.

Wie geht es Ihnen momentan? Stimmt es, dass Zeit alle Wunden heilt?

Mir geht es sehr gut. Vier Monate nach der Fehlgeburt fühlte ich mich bereit für ein neues Kind und wurde wieder schwanger. Meine Tochter Rebecca kam vor fast zwei Jahren im Geburtshaus zur Welt. Die Zeit allein heilt aus meiner Sicht nicht alle Wunden. Aber es hilft, sich Zeit für die Heilung zu nehmen.

Benötigen Sie Hilfe? Den Kontakt zur Trauerbegleiterin finden Sie hier.

Von Katharina Nachtsheim/RND

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