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Wissen Darmkrebsrate sinkt – doch bei jungen Menschen gibt es dramatischen Anstieg
Nachrichten Wissen Darmkrebsrate sinkt – doch bei jungen Menschen gibt es dramatischen Anstieg
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10:07 23.05.2019
Ein Modell vom Inneren des Darms zeigt, wie sich aus Polypen Darmkrebs entwickeln kann. Quelle: Christian Charisius/dpa-tmn
Bremen/Heidelberg

Die absoluten Zahlen sind gering, aber die Steigerungsraten immens. Sie erstaunen selbst Experten – und sorgen für Beunruhigung. Die Häufigkeit von Darmkrebs nimmt in Europa bei jungen Menschen seit etlichen Jahren deutlich zu, wie ein internationales Forscherteam im Fachblatt „Gut“ berichtet. In Deutschland hat sie sich bei den 20- bis 29-Jährigen binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Über die Gründe dafür lässt sich bislang nur spekulieren.

„Wir müssen den Trend aufmerksam beobachten“

Besonders erschreckend: Die Studie belegt, dass sich der Anstieg gerade in den vergangenen Jahren deutlich beschleunigt hat. Dass diese Entwicklung auch Industrieländer wie Australien, Neuseeland und Kanada betrifft, zeigt eine zweite Studie in der Zeitschrift „The Lancet Gastroenterology & Hepatology“. „Diese Arbeiten sind wirklich wichtig“, sagt Christian Pox, Chefarzt der Medizinischen Klinik im St. Joseph-Stift Bremen, der nicht an den Studien beteiligt war. „Wir müssen den Trend aufmerksam beobachten.“

Darmkrebs ist in Deutschland die – nach Brustkrebs – zweithäufigste Krebserkrankung. Pro Jahr werden solche Tumoren bundesweit bei mehr als 60.000 Menschen neu diagnostiziert, jährlich sterben mehr als 25.000 Patienten an der Krankheit. Weltweit wurden 2018 schätzungsweise 1,8 Millionen Darmtumoren neu festgestellt.

Hauptrisikofaktor ist immer noch das Alter

Hauptrisikofaktor für die Erkrankung ist das Alter: Mehr als die Hälfte der Erstdiagnosen entfällt in Deutschland auf Menschen über 70 Jahre. Allerdings geht die Häufigkeit hierzulande seit Anfang der 2000er Jahre bei der älteren Bevölkerung zurück, wie deutsche Krebsregisterzahlen zeigen. Demnach sank in der Altersgruppe ab 50 die jährliche Rate zwischen 2002 und 2014 von knapp 204 pro 100.000 Menschen auf rund 161 – ein Rückgang um rund 20 Prozent.

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Darmkrebs: Vorsorge ist besser als Heilung

Dass dieser Trend auch für andere Länder gilt, berichtet ein Team um Marzieh Araghi von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon in dem Lancet-Paper. Darin werteten die Forscher Krebsregister bis zum Jahr 2014 für sieben Industrieländer aus – Dänemark, Großbritannien, Irland und Norwegen sowie Australien, Neuseeland und Kanada.

Frühere Früherkennung – weniger Erkrankungen?

„Bei Menschen ab 50 Jahren stellten wir eine sinkende Häufigkeit in den meisten untersuchten Ländern fest“, schreiben die Forscher. Den Rückgang erklären sie mit der Früherkennung durch Stuhltests oder Darmspiegelungen, die überwiegend auf Menschen ab 50 beschränkt ist. „In jenen Ländern, wo das Bevölkerungs-Screening früher begonnen hat – wie Australien, Kanada und Großbritannien, die alle 2006 mit der Früherkennung anfingen –, scheinen die Rückgänge bei Darmkrebs in den letzten Jahren ausgeprägter zu sein.“ In Deutschland läuft die Vorsorge seit 2002.

Ganz anders die Entwicklung bei Männern und Frauen unter 50, für die eine gesetzliche Vorsorge nicht gilt. Hier nahm die Rate in den meisten Ländern zu – und am deutlichsten bei Menschen zwischen 20 und 29 Jahren: In Dänemark stieg in dieser Gruppe die Häufigkeit für Dickdarm- wie für Mastdarmkrebs von 2004 bis 2014 um jeweils etwa 18 Prozent, pro Jahr. Andere Länder hatten eine ähnliche – wenn auch schwächer ausgeprägte – Entwicklung.

Fünffaches Risiko bei jungen Menschen in Norwegen

„Verglichen mit den um 1925 Geborenen hat die um 1990 geborene Generation in Norwegen ein verdoppeltes alterspezifisches Risiko für Dickdarmkrebs und ein verfünffachtes Risiko für Mastdarmkrebs“, schreiben die Autoren. „Ähnliche Trends wurden für die um 1990 geborenen Kohorten in Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien festgestellt.“

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„Das ist sehr beunruhigend“, sagt Michael Hoffmeister, der am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg die Entwicklung von Darmkrebs verfolgt. „Diese Entwicklung war schon aus den USA bekannt und hat bei Medizinern für Aufmerksamkeit gesorgt. Die beiden Studien zeigen dies nun zum ersten Mal für Europa und einige andere wohlhabende Länder.“

Darmkrebsfälle in jüngster Altersgruppe um das Dreifache gestiegen

In der zweiten, im Fachblatt „Gut“ veröffentlichten Studie analysierte ein Team um die Gastroenterologin Manon Spaander von der Uniklinik Rotterdam die Daten von knapp 144 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 49 Jahren aus 20 europäischen Ländern, darunter Deutschland. Demnach stieg die Häufigkeit der Darmkrebs-Fälle bei den 20- bis 29-Jährigen zwischen 1990 und 2016 um fast das Dreifache – von 0,8 auf 2,3 Fälle pro 100.000 Menschen. Gerade im letzten Jahrzehnt beschleunigte sich die Zunahme deutlich.

Das bestätigen die Zahlen des deutschen Zentrums für Krebsregisterdaten: Demnach stieg in Deutschland die jährliche Rate von 1999 bis 2014 pro 100.000 Menschen bei den 20- bis 29-Jährigen von 0,96 auf 2,3, in der Gruppe von 30 bis 39 von 4 auf 5,7 und bei den 40- bis 49-Jährigen von 16,6 auf 18,9. Zum Vergleich: In der Gruppe von 50 bis 74 Jahren sank der Wert in dem Zeitraum von 137 auf knapp 111 – wozu auch die Früherkennung einen Teil beiträgt.

„Die Zahlen stammen aus großen Krebsregistern mit vergleichbarer Datenerhebung. Das ist belastbar“, sagt Pox, der dem wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) angehört. Als Ursachen vermutet er veränderte Lebensgewohnheiten: Übergewicht, schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Alkoholkonsum und Rauchen – die klassischen Risikofaktoren für Darmkrebs. Dass Übergewicht und Fettleibigkeit bei jungen Menschen zunehmen, ist belegt.

Je jünger die Menschen, desto aggressiver die Tumoren

Manche Studien deuten zudem darauf hin, dass jüngere Menschen tendenziell aggressivere Tumorvarianten haben. So berichteten US-Forscher kürzlich im Fachblatt „Cancer“, dass Patienten unter 50 Jahren im Vergleich zu älteren bei der Erstdiagnose häufiger Metastasen haben. Allerdings betont der Bremer Experte Pox, die Mortalität sei bei jüngeren Menschen nicht gestiegen. Dies könne an besseren Therapien liegen, vermutet der Gastroenterologe.

Wie soll man der beunruhigenden Entwicklung begegnen? Richtlinien empfehlen in Europa ein Darmkrebs-Screening ab dem Alter von 50 Jahren. In den USA riet die Amerikanische Krebs-Gesellschaft 2018 angesichts des Trends, die Früherkennung schon ab 45 Jahren zu starten. „Aus mehreren Gründen liefern unsere Studienresultate kein Argument dafür, die Früherkennung in Europa ab dem Alter von 45 Jahren zu beginnen“, schreiben die Forscher in „Gut“.

Die absoluten Fallzahlen seien in dieser Altersgruppe bislang relativ gering, und der höchste Zuwachs betreffe ohnehin Menschen von 20 bis 29 Jahren. Zudem, so betont das Team, gehe die Früherkennung mit hohen Kosten einher. „Aus diesen Gründen ist es verfrüht, unsere Daten für ein Screening der 45- bis 50-Jährigen zu nutzen.“

Koloskopie auch für Frauen ab 50 empfohlen

Das sehen die deutschen Experten Pox und Hoffmeister ähnlich. In Deutschland wurde das Mindestalter für die Kostenerstattung der Darmspiegelung in Deutschland gerade erst von 55 auf 50 Jahre herabgesetzt – allerdings nur für Männer. Frauen müssen weiterhin bis 55 warten. „Wir empfehlen die Koloskopie auch für Frauen ab 50“, sagt Pox. Allerdings zeigten die Daten, dass das Darmkrebsrisiko 50-jähriger Männer vergleichbar sei mit dem von Frauen im Alter von 60 bis 65 Jahren. Insofern sei die derzeitige Regelung medizinisch gerechtfertigt.

Bezüglich der Vorsorge, so Pox, lasse sich Deutschland kaum mit anderen europäischen Ländern vergleichen. „Wir haben hierzulande eine einzigartige Situation.“ So zahlen die Kassen etwa in den Niederlanden, Skandinavien und Großbritannien den Stuhltest, nicht aber die bessere – und auch teurere – Darmspiegelung. Bei dieser Untersuchung kann der Arzt auffällige Wucherungen der Darmschleimhaut gleich entfernen.

Nur jeder vierte Berechtigte geht zur Vorsorge

Die Resonanz in der Bevölkerung auf das Angebot ist indes verhalten – wohl auch, weil die Prozedur unangenehm ist. Die Koloskopie nehme in Deutschland nicht einmal jeder vierte Berechtigte wahr, bemängelt Fox, der die Darmkrebs-Leitlinien mitformuliert hat. Dabei könne diese Vorsorge etwa 70 Prozent der Darmkrebsfälle verhindern.

Hoffmeister gibt jedoch zu bedenken, dass mehr Menschen in den Darm geschaut wird – wenn auch nicht beim Vorsorge-Screening. Fast 60 Prozent der älteren Menschen in Deutschland haben sich demnach schon einer Darmspiegelung unterzogen, wegen konkreter Probleme wie etwa Verdauungsbeschwerden oder Blut im Stuhl.

Genaue Ursachen der Häufung sind nicht bekannt

Grundsätzlich empfehlen beide Experten, die Zunahme von Darmkrebs bei jüngeren Menschen abzuklären. „Das Problem ist, dass man die genauen Ursachen nicht kennt“ sagt Hoffmeister. „Die Zusammenhänge müssen genauer untersucht werden.“ Erschwert werde die Ursachenforschung aber durch die geringen Fallzahlen bei jüngeren Menschen.

Ziel sei es, so schreibt das Team um Spaander, die besonders gefährdeten jungen Menschen zu identifizieren, bei denen schon eine frühe Vorsorgeuntersuchung sinnvoll sei. Zudem müsse man Ärzte auf die Zunahme bei jungen Menschen hinweisen. „Wir müssen ein Bewusstsein für Darmkrebs in dieser Altersgruppe schaffen“, sagt Hoffmeister.

Pox verweist auf die Bedeutung des Lebensstils zur Vermeidung von Darmkrebs: kein Übergewicht, nicht rauchen, körperliche Aktivität, Gemüse und Ballaststoffe – statt jeden Tag Fleisch. Das, betont der Experte, schütze auch vor anderen Erkrankungen.

Von RND/dpa/Walter Willems

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